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Fußball-Weltmeisterschaft 2018: Wie mir Rechenmodelle beim Tippspiel halfen

Moderne Wahrsager sind Statistiker, die mit Daten statt Glaskugeln arbeiten. Bei der WM bewiesen sie eine erstaunliche Treffsicherheit - auch Autor Patrick Rösing profitierte davon.

Nate Silver prognostizierte die WM-Spiele

Nate Silver prognostizierte die WM-Spiele

Früher wurde die Zukunft von Wahrsagern durch einen Blick in die Glaskugel oder den Kaffeesatz vorhergesagt. Längst passé – die Wahrsager von heute sind Statistiker, ihre Glaskugeln komplizierte Rechenmodelle, die sich auf riesige Datensätze stützen. Nate Silver ist so ein moderner Hellseher, und ein überaus erfolgreicher noch dazu. Klar, dass der Statistik-Guru es sich nicht nehmen ließ, auch zum globalen Mega-Event Fußball-Weltmeisterschaft eine vielbeachtete Vorhersage auf seinem ESPN-Blog FiveThirtyEight abzugeben. Also dachte ich mir: Warum nicht davon profitieren? Vor der WM stand das redaktionsinterne Tippspiel an, bei dem es einen recht anständigen Pott zu gewinnen gab. Und der Statistiker sagte in den vergangenen Jahren immerhin nicht nur den Ausgang der vergangenen beiden US-Präsidentschaftswahlen richtig voraus. Auch im Baseball und bei Oscar-Verleihungen bewies der 36-Jährige mit seinen ausgefeilten Berechnungen eine erstaunliche Trefferquote.

Vor allem in der Vorrunde des Turniers in Brasilien stützte ich meine Tipps daher maßgeblich auf Silvers Prognosen. Und tatsächlich: Sein Rechenmodell – das sich auf den von ihm entwickelten "Soccer Power Index" stützt , der historische Daten ebenso mit einbezieht wie aktuelle Entwicklungen – bescherte dem Statistik-Guru in der Gruppenphase noch eine erstaunliche Trefferquote.

Insgesamt musste der erfolgsverwöhnte Silver dieses Mal jedoch ein paar Federn lassen: Im Vorfeld des Turniers machte er (wie allerdings viele andere auch) etwa Gastgeber Brasilien als haushohen Favoriten aus. Mit einer Gewinnchance von 45 Prozent. Platz zwei unter den Favoriten nahm Argentinien ein (13 Prozent), erst auf Platz drei folgte der spätere Turniersieger Deutschland vor Titelverteitiger Spanien. Gut für mich, dass ich bei meinem Tipp auf den Titelträger bereits von Silver abgewichen war. Ich hab' natürlich auf mein Fußball-Herz gehört und auf Deutschland gesetzt.

In der K.O.-Runde ließ die Treffsicherheit des Statistik-Hellsehers dann ohnehin nach. Vor allem beim denkwürdigen Halbfinalspiel zwischen Brasilien und Deutschland lag der Statistik-Guru ganz weit daneben. Die Chancen auf einen Finaleinzug der Deutschen bezifferte der Statistik-Guru mit höchstens 35 Prozent. Das Ergebnis ist mittlerweile Geschichte. "Diese Vorhersage war Mist", räumte Silver später in einem Artikel reumütig ein. Glücklicherweise folgten meine Tipps ab den Achtelfinals ohnehin immer häufiger meinem Bauchgefühl und Symphatien.

Ab dem Achtelfinale schlug Microsofts Sternstunde

Ein glücklicheres Händchen bewies in dieser Phase übrigens Microsoft. Das Big-Data-Team des Software-Konzerns schaffte es mit seinem Algorhitmus, die komplette K.O.-Runde der Weltmeisterschaft richtig vorherzusagen und prognostizierte darüber hinaus auch den deutschen Titel. Der Schlüssel zum Erfolg ist der gewaltige Datenschatz, der über die Suchmaschine Bing gehortet wird und für die Prognosen ausgewertet wurde.

Für Nate Silver bedeutet das, dass er seinen Platz in der Daten-Ruhmeshalle vorerst mit der Konkurrenz teilen muss. Ich danke ihm trotzdem: Auch dank seiner Prognosen stehe ich im Tippspiel am Ende immerhin auf Platz zwei - von 85 Teilnehmern. Danke. Nate!

Von Patrick Rösing
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