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WM-Countdown: Kämpfen, Ackern, niemals aufgeben

Ein Hoch auf die Sekundärtugenden. Fußball-Denker Gunter Gebauer kennt die Stärken der teutonischen Kicker. Dummerweise verhindern Marschmusik und Schunkellieder rhythmische Finessen.

Eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss arbeiten, kämpfen, darf nie aufgeben und muss versuchen, das Steuer herumzureißen: Dies seien Eigenschaften, die die Fans vom Team von Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf jeden Fall bei der WM forderten, sagte der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer.

"Man erwartet von der deutschen Mannschaft kein berauschendes Spiel, sondern Verlässlichkeit. Man erwartet, dass knüppelhart von hinten nach vorn gespielt wird." Vorn müsse es dann ein paar Hurra-Aktionen geben und einer müsse auch mal den Mut haben, auf eigene Faust etwas zu unternehmen, sagte Gebauer. Der Autor des kürzlich erschienenen Buchs "Poetik des Fußballs" kritisierte zugleich den harten Umgang mit dem Nationalteam. "In Deutschland sind wir unglaublich streng und hart mit unserer Nationalmannschaft.

Nicht nur Rumpelfüße auf dem Rasen

Wir wollen alles haben: athletischen und Champagnerfußball, er soll inspiriert sein, zugleich muss hinten die Null stehen. Wir haben die Ideale ein bisschen hoch gehängt." Andere Länder seien schon froh, wenn sie überhaupt gewönnen. Unattraktive Phasen hätten alle Mannschaften, auch die Franzosen, selbst die Brasilianer, die in der WM-Qualifikation "geradezu dilettantisch gegen Argentinien" verloren hätten. Gebauer bezeichnete es als "ein dummes Vorurteil des Feuilletons", das immer wieder vorgebe, Deutschland spiele rumpelfüßig. Das stimme nicht. Selbst die aktuelle Nationalmannschaft habe beim Confederations Cup im vergangenen Jahr eindrucksvoll bewiesen, gut spielen zu können.

Das Körperliche ist ungeübt

Die verschiedenen Spielweisen der Nationen führte Gebauer auf unterschiedliche Motorik zurück. "Es gibt bestimmte motorische Formen, seinen Körper zu halten und einzusetzen. Und die sind bei Deutschen anders als zum Beispiel bei Brasilianern", sagte er. Das liege zum großen Teil daran, dass die Deutschen eine völlig andere Tanzkultur als die Brasilianer hätten. Auch die Sprache sei viel bei vielen Südländern rhythmischer, habe etwas Tänzerisches, was sich im Spiel spiegele.

"Bei uns Deutschen ist das Körperliche in manchen Formen viel ungeübter. Das ist auch auf dem Fußballplatz zu sehen, wo die Deutschen eben nicht spielerisch so glänzen können, Rhythmisches und Tänzerisches vorführen wie die Brasilianer, die aus einem viel größeren Erfahrungsschatz schöpfen können." Ein anderer Grund sei im populären Liedgut zu entdecken. Schunkellieder wie "Ein Tag so wunderschön wie heute" hätten einen Rhythmus, der viel stärker verwandt sei mit Marschtritten, mit Formationen. Der Rhythmus kreiere anders als Samba-Rhythmen nicht kreiselnde und runde Schlangenbewegungen. "Die Deutschen haben eine viel geradlinigere und direktere Art", sagte Gebauer.

AP

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