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WM-Tickets: Mit Ebay ins Viertelfinale

Riesenerfolg für einen Fan, aber keine folgenreiche Niederlage für das WM-OK. Das OK muss die bei Ebay ersteigerten Karten umschreiben. Ein Freibrief für einen ungehemmten Schwarz-Markt ist das Urteil aber nicht.

Die von einem Fußball-Anhänger aus Essen bei "Ebay" ersteigerten WM-Tickets müssen vom Organisationskomitee der Weltmeisterschaft umgeschrieben werden. Allerdings stellte das Amtsgericht Frankfurt/Main in seiner Urteilsbegründung am Donnerstag klar, dass damit der freie Handel von WM-Karten keineswegs freigegeben sei. "Die Entscheidung bedeutet nicht, dass der DFB generell der Übertragung von Tickets, die über Auktionen oder auf sonstige Weise erworben wurden, zustimmen muss", erläuterte Gerichtssprecher Bernhard Olp. Das über das Urteil verwunderte OK überlegt sich weitere rechtliche Schritte. Sprecher Jens Grittner stellte aber klar: "50 Tage vor dem Anpfiff müssen wir die WM aus den Gerichtssälen herausverlagern."

OK spricht von "der Geschäftemacherei eines Einzelnen"

Dennoch zeigte sich das OK von der Entscheidung zu Gunsten von Björn K. aus Essen überrascht und auch enttäuscht. "Wir wundern uns, dass der Geschäftemacherei eines Einzelnen Rechnung getragen wurde", sagte Grittner: "Unser Fair-Play-Gedanke ist ein anderer." Das Gericht betonte allerdings auch, dass die Sicherheits-Interessen der Beklagten wie das Fernhalten von Hooligans sowie die Bekämpfung eines Schwarzmarkthandels anerkannt und berücksichtigt worden seien.

Als "salomonisches Urteil" wertete der Bundesverband Verbraucherzentrale den mit Spannung erwarteten Gerichtsentscheid. "Dem Kläger ist Recht gegeben worden. Auf der anderen Seite wurde aber auch gesagt, dass an der jetzigen Praxis - es gibt ja ein offizielles Ticketportal - nicht gerüttelt wird", sagte Christian Fromczak im Nachrichtensender n-tv. "Es bleibt bestehen", betonte auch OK-Sprecher Grittner im Hinblick auf das von Beginn an allerdings immer wieder heftig umstrittene Ticketing.

Kein staatliches Verbot des Ticket-Verkaufs

Der Fan hatte für sich und seine Freundin die beiden Karten für das Viertelfinale am 1. Juli in Gelsenkirchen für 880 Euro anstelle der ursprünglichen 110 Euro bei einer Internetauktion erstanden. "Wir kämpfen um moderate Preise, und hier wird solch einem Wucher zugestimmt", wunderte sich Grittner weiter und verwies auf England und Wales, wo seit rund einer Woche der Weiterverkauf von WM-Tickets staatlich verboten ist. In Deutschland existiert ein solches Gesetz nicht.

Für das Gericht spielte die Preisfrage gar keine Rolle, "da weder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen noch die Ticket- Verkaufsrichtlinien der Beklagten eine Klarstellung dahingehend enthalten, dass die Zustimmung zur Übertragung dann verweigert werde, wenn die Tickets zu einem höheren als dem Ursprungspreis veräußert werden". Schließlich sei der Kläger bereit gewesen, die Summe für ein WM-Spiel im eigenen Land zu zahlen. Das sei nichts Illegales, meinte Anwalt Joerg Dittrich. "Ich bin glücklich und freue mich nun auf die WM", stellte der Kläger selbst mit einem strahlenden Lächeln fest.

Kein Grundsatzcharakter

Dass dem Urteil des Amtsgerichts kein Grundsatzcharakter zukommt, machte Richter Rüger deutlich. Die Entscheidung beziehe sich auf den Fall des Erwerbs eines Tickets zu einem Zeitpunkt, in dem noch nicht bekannt war, dass die Möglichkeit bestehen werde, Tickets über eine Internet-Plattform zu veräußern oder zu übertragen.

Kracht hatte die Tickets im vergangenen September gekauft. Das OK habe aber erst im Oktober eine entsprechende offizielle Tauschplattform angekündigt. Dort können Tickets ohne Angabe von Gründen weiterverkauft werden - in der ersten Phase vom 27. März bis 9. April belief sich die Zahl dabei auf 10 919 Resale-Karten. Zudem besteht unter Angabe von Gründen die Möglichkeit der Übertragung von Tickets. Nach Meinung von Kläger-Anwalt Dittrich reichte dies nach einem seiner Meinung nach "Richtung weisenden Urteil" aber nicht aus: "Das so genannte Ticket-Portal schafft keinen gerechten Ausgleich." Er schlussfolgerte aus dem Urteil, dass Weiterverkäufe auch außerhalb dieses Portals rechtlich zulässig blieben.

Für Neu-Käufer dauert der Klageweg zu lang

Dagegen betonte Richter Rüger, dass das Urteil nur für die Parteien des vorliegenden Verfahrens gelte und nicht darüber hinaus Konsequenzen habe. "Wer jetzt bei Ebay eine Karte ersteigert, hat eigentlich keine Chance; zum einen aus zeitlichen Gründen. Zum anderen, weil die offizielle Tauschbörse existiert", betonte Rüger. "Spätestens nach dem heutigen Richterspruch kann man niemandem empfehlen, jetzt noch Tickets bei Ebay oder einem ähnlichen Portal zu ersteigern", pflichtete Verbraucherschützer Fronczak bei. Und Amtsgerichtssprecher Olp meinte: "Das Urteil wäre wahrscheinlich anders ausgefallen, wenn zum Zeitpunkt des Ticketerwerbes die Tauschbörse bereits eingerichtet gewesen wäre."

Jens Marx und Lars Reinefeld

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