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Silber-Wurf: "...und jetzt flieg"

Auf ihrem Stirnband stand in griechischen Lettern "... und jetzt flieg!" Und so segelte der Speer so weit hinaus wie nie zuvor bei Steffi Nerius.

In den wichtigsten Sekunden ihrer Karriere gelang der Leverkusenerin ihr größter Wurf. 65,82 Meter - olympisches Silber.

Vor lauter Glückseligkeit wäre die Sportlerin, die im Alltag fest mit den Beinen auf dem Boden steht, abgehoben. "Doch mir sind die Knie weggesackt und ich hab’ angefangen zu weinen", erzählte sie am Morgen nach einer Nacht ohne Schlaf.

Lange hatte Steffi Nerius mit nur einem Zentimeter Rückstand auf Bronze dort gelegen, wo sie bereits vor vier Jahren in Sydney gewesen war: auf Platz vier. "Nein, nein, das kann nicht sein. Ich wusste, ich würde mich tot ärgern. Ich habe nur noch gedacht, ich muss - egal wie", beschrieb sie jene Momente, bevor sie im letzten Durchgang die Tschechin Nikola Brejchova und die Griechin Mirela Manjani übertrumpfte.

An Osleidys Menendez kam niemand heran. Die Kubanerin hatte gleich zu Beginn ihr Wurfgerät auf 71,54 Meter ’rausgehauen und ihren Weltrekord nur um einen Zentimeter verfehlt. "Die hat einen anderen Bums", urteilte Steffi Nerius. Mit den Kraftwerten der Olympiasiegerin könne sie nicht mithalten.

Neues Tatto an geheimer Stelle

Stolz zeigte die dreimalige deutsche Meisterin nach der Siegerehrung die Medaille: Mit der Siegesgöttin Nike vorne und der Olympischen Flamme hinten drauf. Ihr Stirnband hatte Steffi Nerius vor der Ehrenrunde herumgedreht: "Danke Athen" stand darauf. "Ich hab’ wirklich davon geträumt", berichtete sie mit glänzenden Augen von der Siegerehrung. "Ich stand da oben auf dem Treppchen, hatte Tränen in den Augen und habe gedacht: Ich hab’s geschafft, ich hab’s wirklich geschafft." Wenn sie wieder nach Hause kommt, wird sie sich ein neues Tattoo stechen lassen: Das Wort "Silber" auf griechisch. "Die Stelle verrate ich aber nicht."

Die "Mission Athen" ist für die 32-jährige noch nicht beendet. Die Diplom-Sportlehrererin arbeitet 20 Stunden in der Woche in der Behindertensportabteilung von Bayer Leverkusen und wird im September mit zwei Schützlingen zu den Paralympics in die griechische Hauptstadt zurückkehren: Speerwerferin Andreas Hegen und Kugelstoßer Rainer Schwinden. Die beiden haben ihrer Trainerin gleich eine SMS geschrieben. "Mit Andrea habe ich eine Jahreswette laufen - um ein selbst gekochtes Essen", sagte Steffi Nerius lächelnd. "Ich muss 30 Meter weiter werfen. Da muss sie sich jetzt anstrengen."

Mit der Doppelbelastung kommt die Olympia-Zweite gut zurecht. "Mein Chef sagt immer: Seit du arbeitest, gewinnst du auch Medaillen." Früher galt Steffi Nerius als Wackelkandidatin, der im entscheidenden Moment die Nerven versagten. Doch gestärkt durch einen Psychologen hat sie nun im dritten Jahr hintereinander bei internationalen Meisterschaften eine Medaille gewonnen. "Wenn es dieses Mal Gold gewesen wäre, dann hätte ich noch ein Jahr weiter gemacht und dann wäre Feierabend gewesen. Jetzt werde ich von Jahr zu Jahr entscheiden."

Von Ulrike John/DPA

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