Gold für Steffi Nerius Die Kriegerin und der Speer


Die 37 Jahre alte Speerwerferin Steffi Nerius hat dem deutschen Team bei der Leichtathletik-WM überraschend die erste Goldmedaille beschert - ein triumphaler Erfolg am Ende einer langen Karriere.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Ich befinde mich immer noch in einer Art Schockzustand." Steffi Nerius konnte es auch gut eine Stunde nach Wettkampf-Ende noch nicht fassen, dass sie im Speerwurf die Goldmedaille gewonnen hatte. Da saß sie nun oben auf dem Podium und sprach nach dem größten Triumph ihrer langen Karriere zur internationalen Presse. Um den Kopf gebunden trug die frisch gebackene Weltmeisterin natürlich ihr Markenzeichen, das Stirnband, mit dem die 37-Jährige immer so ein bisschen wie eine Kriegerin aussieht. "Danke für Eure Treue", stand auf dem Stirnband. Ein Satz, der die ganze Sympathie zum Ausdruck bringt, die diese Athletin in sich trägt und ausstrahlt.

Auf dem Zettel hatte man Steffi Nerius nicht, zumindest nicht ganz oben. Dort hatten die Experten vor allem ihre deutsche Mannschaftskollegin Christina Obergföll gesehen. Die 28-Jährige hatte bei Olympia in Peking vor einem Jahr noch die einzige deutsche Leichtathletik-Medaille geholt. Aber Steffi Nerius? Hatte die nicht schon längst ihren Zenit überschritten? Mitnichten! Obwohl ihre Erfolge schon ein paar Jahre zurücklagen: Bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften holte sie jeweils Bronze, bei Olympia 2004 und der EM 2002 Silber, bei der EM 2006 sogar einmal Gold. Aber just zum Abschluss ihrer ruhmreichen Karriere ausgerechnet bei der WM im eigenen Land das Weltmeisterinnen-Gold zu holen, daran hatte auch die in Bergen auf Rügen geborene Diplom-Sportlehrerin selbst nicht einmal im Traum gedacht.

"Ich möchte diesen Wettkampf einfach nur genießen", sagte sie noch nach erfolgreich absolvierter Qualifikation. Das klang überzeugend - und auch erstaunlich locker. Im Wettkampf dann, im leider mal wieder nur halbvollen Berliner Olympiastadion, spiegelte sich diese Lockerheit in Steffi Nerius' Wurfverhalten wider. Gleich der erste von sechs Versuchen war der Goldene. Mit 67,30 Meter - der zweitbesten Weite ihrer Karriere - schockte sie die hoch eingeschätzte Konkurrenz um Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Barbora Spotakova aus Tschechien (holte Silber) und die Olympia-Zweite Maria Abakumova aus Russland, die sich am Ende auf dem Bronze-Platz wiederfand.

Überfalltaktik hatte Erfolg

"Es war der Plan, gleich zu Beginn einen rauszuhauen", verriet Nerius danach ihre Überfalltaktik. Der Plan ging auf. Spotakova, Abakumova und auch Christina Obergföll konnten im Laufe des Wettbewerbs nicht mal ansatzweise ihre Nervosität ablegen und wirkten verkrampft. Die Kriegerin hatte die Konkurrenz gleich mit dem ersten Wurf besiegt. "Ich dachte nie, dass es für Gold reichen könnte, vielleicht für eine Medaille", sagte Nerius hinterher. Und erst als sie die Flugbahn des letzten Speeres von Barbora Spotakova verfolgte, erahnte sie, was das bedeuten würde. Die 67,30 Meter blieben unerreicht, Steffi Nerius war Weltmeisterin und absolvierte ihren sechsten, jetzt bedeutungslosen Versuch unter Tränen.

"Das ist jetzt der schönste Moment meines Lebens. Im eigenen Land Weltmeisterin zu werden. Das ist der Höhepunkt meiner Karriere, und es gibt keinen besseren Zeitpunkt, als jetzt von der großen Bühne abzutreten", die Schlussworte von Steffi Nerius nach diesem aus deutscher Sicht so traumhaften Leichtathletik-Abend in Berlin gingen zu Herzen. Wohl selten hat jemand eine Goldmedaille bei einer WM mehr verdient als Steffi Nerius.


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