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DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow: "Wo gedopt wird, sind intelligente Leute am Werk"

Das größte Sportereignis des Jahres hat begonnen. Mit stern.de spricht Jürgen Mallow, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, über die Chancen der deutschen Athleten und erklärt, warum er auch bei der WM in Berlin nicht an dopingfreie Wettkämpfe glaubt.

Herr Mallow, bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 war die Bilanz der deutschen Leichtathleten mit nur einer gewonnenen Medaille miserabel. Können Sie beschreiben, was sich seitdem in der deutschen Leichtathletik verändert hat?
1993 in Stuttgart hat die deutsche Leichtathletik kurz nach der Wiedervereinigung mit dem Zuwachs der sehr starken DDR-Athleten neun Medaillen gewonnen. 2007 in Osaka hatten wir sieben Medaillen. Peking 2008 war natürlich ein Tiefschlag. Aber die Medaillen von Osaka kamen ja nicht von ungefähr und sind auch nicht innerhalb eines Jahres verloren gegangen. Wir bauen weiter auf. Ich vergleiche es damit, dass der eine oder andere Fußballverein eine sehr überraschende Niederlage einstecken muss und möglicherweise trotzdem Meister wird.

Welche Bedeutung hat der Standort Berlin beziehungsweise das Olympiastadion für die WM?
Es ist eine historische Stätte und das einzige große Stadion in Deutschland, in dem wir eine Leichtathletik-Veranstaltung dieses Ausmaßes überhaupt noch durchführen können. Wir freuen uns natürlich, dass wir hier zu Hause diese WM ausrichten können.

Was erwarten Sie bei der WM von den deutschen Athleten?
Ein sehr gutes Gesamtabschneiden der Mannschaft. Das heißt, eine Platzierung unter den ersten fünf Mannschaften der Welt.

Sehen Sie im deutschen Team einen Athleten, der das Zeug zum Star hat und eine neue Identifikationsfigur werden könnte?
Das wird sich über Leistung definieren. Ich traue einigen unserer Athleten zu, dass sie sehr gute Ergebnisse bringen. Große Athletinnen wie Franka Dietsch und Steffi Nerius werden nicht systematisch gezüchtet, sondern entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. Heike Henkel hat drei Anläufe gebraucht, bis sie bei den Olympischen Spielen Gold gewann. Ich möchte auch keinem der jungen Athleten die Last aufbürden, dass sie oder er dieser Hoffnungsträger ist. Es gibt viele, die vielleicht die Chance haben, diese Rolle zu übernehmen. Aber das ist weder plan- noch kalkulierbar.

Wer ist für Sie die größte Goldhoffnung?
Die Namen werden ja alle diskutiert, aber so viele sind es nicht.

Mit Marathonläuferin Irina Mikitenko hat eine der großen Favoritinnen auf WM-Gold ihren Start aus persönlichen Gründen abgesagt. Wie schwer wiegt dieser Ausfall?
Sie haben ja schon nach den Goldhoffnungen gefragt. Da wir nicht so arg viele haben, tut jeder einzelne Verlust sehr, sehr weh. Bitter ist das eben nicht nur für den Verband, dem dann eine Goldmedaille fehlt, sondern vor allem für die Athletin, die die Früchte ihrer harten Arbeit nicht ernten kann.

Stichwort Doping: Die Aussage von Diskuswerfer Robert Harting, über eine Freigabe von Doping nachzudenken, hat für viel Aufsehen und scharfe Kritik gesorgt. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
Ich habe den Robert Harting so verstanden: Er hat festgestellt, dass der derzeitige Antidoping-Kampf noch nicht zum Erfolg führt, er daher gezwungen ist, einen unfairen Wettbewerb zu bestreiten. Er hat mit keinem Wort gesagt, dass er die Dopingfreigabe fordert, sondern deutlich gemacht: Er möchte einen fairen Wettkampf. Das Wichtigste ist, dass sich der Deutsche Leichtathletik-Verband für aktiveren und erfolgreicheren Anti-Doping-Kampf einsetzt - in jedem Fall mit viel mehr Forschung zur langfristigen Nachweisbarkeit von Doping bis hin zu den Zugriffsmöglichkeiten staatlicher Institutionen. Dann haben wir vielleicht immer noch einzelne Täter. Aber die Möglichkeit, fairen Sport zu treiben, wird realistischer. Wenn einer wie Robert Harting die Erfahrung macht, dass es Doping gibt, dann ist das vielleicht eher ein Hilfeschrei. Aber er sagt ja nicht, gebt Doping frei, sondern: Wenn es anders nicht ginge, wäre das eine Möglichkeit. Aber ich bin mir sicher, dass er sich das nicht wirklich wünscht - wir ja schon gar nicht.

Ist Doping auch ein Grund dafür, dass der Abstand der deutschen Leichtathletik zur Weltspitze in vielen Disziplinen derart groß ist?
Ich habe in Peking am Ende gesagt, dass ich mehr Respekt vor der Leistung unserer Athleten erwarte, weil sie unter schwierigen Bedingungen erbracht wurden. Ich bin überzeugt, dass wir eine leistungsstarke Mannschaft haben, die mit fairen Mitteln kämpft. In anderen Ländern herrschen bestimmt in mancher Hinsicht bessere Voraussetzungen, seien es bessere Fördersysteme, oder aber eine laschere Haltung gegenüber Doping. Wenn man enttäuscht ist, dass das ein oder andere Ergebnis nicht so ausfällt, wie es gewünscht ist, muss man auch wissen, dass es Disziplinen gibt, in denen mehr als die Hälfte der erfolgreicheren Sportler in den Jahren nach Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften des Dopings überführt wurden. Soviel zum sauberen Sport.

Wie sauber wird diese WM?
Nicht sauberer als die letzte.

Aber es soll so viele Doping-Kontrollen geben wie noch nie.
Es ist ja ohnehin schon sensationell, dass es überführte Täter bei Wettkampfkontrollen gibt. Dort, wo gedopt wird, sind ja immer intelligente Leute am Werk und es wird so gedopt, dass es bei der WM nicht nachweisbar ist.

Sie gehen also davon aus, dass auch bei der WM in Berlin gedopte Sportler am Start sind?
Ja, natürlich. Es wäre naiv, etwas anderes anzunehmen.

Marius Koch

Wissenscommunity