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Leichtathletik: Scharfer Angriff auf die deutsche Politik

Nach dem desolaten Abschneiden der deutschen Leichtathleten hat Cheftrainer Jürgen Mallow die Verbal-Keule geschwungen: Mallow fordert eine Verdopplung der Fördermittel und griff die Politik des zuständigen Innenministeriums scharf an.

"Irgendwann ist der Geduldsfaden gerissen, weil die so arrogant und hochnäsig mit uns umgehen. Die wollen immer mehr Medaillen, und was tun sie dafür? Nichts, nichts, nichts!", sagte der Leitende Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) vor Medienvertretern in Peking.

Digel sein ein "Dummschwätzer"

Scharfe Attacken richtete Mallow auch an den Ehrenpräsidenten der deutschen Leichtathleten, Helmut Digel. "Es gibt einen Ehrenpräsidenten, den ich öffentlich als Dummschwätzer bezeichne", erklärte Mallow. Der nach der WM 2009 in Berlin scheidende Cheftrainer antwortete damit auf die Kritik des Tübinger Sportsoziologen an den Olympia-Resultaten seiner Mannschaft in Peking, an einzelnen Athleten und Trainern sowie der angeblich fehlenden Leistungsdiagnostik.

Digel hatte vor dem Speerwurf-Bronze durch Christina Obergföll erklärt, dass ein medaillenloses Olympia der deutschen Leichtathleten in der öffentlichen Wahrnehmung als nationale Katastrophe angesehen werde. Das Councilmitglied des Weltverbandes IAAF hatte außerdem dem knapp an der Olympia-Qualifikation gescheiterten Tübinger Hindernisläufer Filmon Ghirmai mangelnde Einstellung vorgeworfen.

Nur eine Bronzemedaille im Speerwerfen

Bei der WM 2007 in Osaka gab es mit sieben Medaillen einen spürbaren Aufwärtstrend. In Peking wurde bis zum Schlusswochenende nur eine Bronzemedaille gewonnen. "Vielleicht muss man erst mal ganz unten sein, und vielleicht ist ganz gut, dass wir hier nicht so gut wie in Osaka abgeschnitten haben", sagte Mallow.

Haupthindernisse für eine mittelfristige Förderung der Leichtathletik in Deutschland sind nach Meinung Mallows die Bürokratie und die unlogische Förder-Philosophie: Für schlechtes Abschneiden werde man bestraft, statt gegenzusteuern und die Mittel aufzustocken. Im Gegensatz zu den konkurrierenden Nationen werde der DLV durch das deutsche Sportfördersystem "massiv benachteiligt". Mallow: "In vielem sind wir da wie ein zahnloser Tiger. Unsere Hauptkonkurrenten, die Nationen auf den Plätzen vier bis zehn, werden alle erheblich besser gefördert."

Mit Blick auf die "ab 2004 völlig unzureichende" Förderung forderte DLV-Vizepräsident Eike Emrich einen "Sondertopf", wenn man will, dass die Leichtathletik wieder auf die Beine kommt." Die Mittel 2004 zu kürzen statt sie zu erhöhen, sei "ein dramatischer Fehler" gewesen. "Man erwartet von uns viele Medaillen, stattet uns materiell aber so aus, dass einfach nicht mehr kommen kann", sagte der Soziologie-Professor aus Saarbrücken.

DPA/SID / DPA

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