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Anti-Doping-Experte: "Ich glaube nicht an neue Badehosen"

Die Athleten sind in Peking mit ihren Rekorden in neue Dimensionen der menschlichen Leistungsfähigkeit vorgestoßen. Dopingfälle gab es nur wenige. Sind die Spiele doch sauberer, als viele glauben? Wie gut ist das Kontrollsystem? stern.de sprach mit dem Anti-Doping-Experten Andreas Breidbach über neue Mittel und das Hase-und-Igel-Spiel der Kontrolleure.

Herr Breidbach, was hielten Sie von der Rekordflut bei diesen Spielen?

Ich glaube jedenfalls nicht an neue Badehosen, die wie Raketenantriebe wirken sollen, und ich glaube auch nicht an Supermänner auf der Tartanbahn. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber ein gutes Gefühl hatte ich nicht.

Bislang gab es noch keinen Dopingskandal im Schwimmen - ist dieser Sport sauberer als die Leichtathletik?

Wahrscheinlich nicht. Die Sprinterin Marion Jones wurde ja auch nie positiv getestet, es waren Steuerfahnder und nicht Dopingexperten, die die Ermittlungen in Gang brachten.

Wie lang sind Dopingmittel rückwirkend nachweisbar?

Das ist sehr unterschiedlich. Epo-Präparate etwa, interessant für Ausdauersportler, haben ein Nachweisfenster von etwa einer Woche. Der Effekt hält jedoch um ein Vielfaches länger an. Rote Blutkörperchen haben bei Sportlern ungefähr eine Halbwertzeit von 80 Tagen. Wenn ich also 100 Blutkörperchen mit Epo aufbaue, bleiben nach 80 Tagen noch 50 übrig. Erwischt werden kann ich aber nur an sieben Tagen. Heißt: An 73 Tagen brauche ich keine Angst vor Kontrollen zu haben und besitze die ganze Zeit mehr Power als ein sauberer Konkurrent.

Eine Woche lang ertappt werden zu können – ist das nicht für Profis ein zu hohes Risiko?

Man kann es auch sorgenfreier haben. Wachstumshormone für den Muskelaufbau sind nur für kurze Zeit nachzuweisen. Die kann ich abends nehmen, bevor ich ins Bett gehe – welcher Kontrolleur klingelt schon mitten in der Nacht?

Wurde Gendoping schon in Peking praktiziert?

Ich kann es mir nicht vorstellen. Das hieße, Menschenversuche zu machen. Die Gentherapie steckt ja noch in den Kinderschuhen. Ein fremdes, gesundes Gen kann andere gesunde Gene verändern. Da kommen Domino-Effekte in Gang, die nicht zu stoppen sind. Die sind lebensgefährlich.

Was sind die aktuell gängigsten Substanzen?

Aus der Mode sind Stimulanzien wie Amphitamine und Ephedrine. Die können die Analytiker todsicher ermitteln. Beliebt sind immer noch Epo für einen langen Atem und Wachstumshormone und Steroide für den Muskelzuwachs.

Steroide? Die sind schon ewig aufspürbar.

Ja, aber nur die Klassiker, die Präparate aus der Apotheke. In der Balco-Affäre fand man erst auf einen Tipp hin ein Steroid, das es eigentlich gar nicht geben durfte...

Balco, ein privates Labor, hatte gegenüber seinen Kunden, Stars des US-Sports, beteuert, die Substanz sei nicht zu entdecken.

Das war ein sogenanntes Designersteroid, ein Umbau eines bekannten Steroids. Mitunter sind die Ausgangssubstanzen 30 oder 40 Jahre alt. Mit Steroiden wurden ursprünglich Krankheiten wie Muskelschwund behandelt. Doch als man erkannte, dass die Nebenwirkungen dramatisch sind - etwa schwere Leberschäden -, stellte die Industrie die Forschung ein. Aber das scheint viele Sportler nicht zu interessieren. Die fragen: Wie werde ich übermorgen Olympiasieger? Nicht: Wie geht es mir in fünf Jahren?

Sind moderne Designersteroide vielleicht verträglicher?

Das Gegenteil ist der Fall. Die alten Steroide sind wenigstens klinisch erforscht, da gibt es Risiko-Studien. Ein Designersteroid zu nehmen, ist dagegen Roulette mit dem eigenen Leben, heller Wahnsinn. Designersteroide werden in irgendwelchen Garagen-Laboren gebastelt, und kein Mensch weiß, was die mit einem anstellen.

Wieso gibt es für diese Steroide keinen Test?

Analytiker können nur das finden, wonach sie suchen. Das ist das Tragische. Wenn ein Steroid nur minimal umgebaut wird in seiner molekularen Struktur, rutscht es durchs Raster. Das ist ungefähr so, als ob man allein den ganzen Bodensee nach einer Münze durchtauchen würde.

Kölner Forscher vermuten, dass in Peking Athleten ein neues Herz-Medikament verwenden, das die Ermüdung der Muskeln hinauszögert…

Mag sein. Die Szene ist sehr findig.

Geht das Hase-und-Igel-Spiel immer weiter?

Die Erfahrung lehrt: ja. Aber man kann den Abstand zwischen Hase und Igel verringern. Dazu müsste man Geld in die Hand nehmen, und zwar richtig viel. Das IOC macht mit Olympia Milliarden-Umsätze – und nur ein kleiner Teil fließt davon in den Dopingkampf. Das ist ein Skandal.

Liegt es wirklich nur am Geld?

Wenn man investiert, kann man in kürzester Zeit viel bewegen. Im April 2001, als ich von Köln zum Kontrolllabor nach Los Angeles gewechselt bin, gab es dort noch keine Epo-Analytik. Im Winter 2002 haben wir Johann Mühlegg des Epo-Missbrauchs überführt. So schnell kann es gehen, wenn man nur will.

Inrterview: Christian Ewers

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