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Chinesische Kunstszene: Provokative Freiheiten der Kunstfabrik

Wo einstmals ein riesiges, von Deutschen erbautes Industrie-Kombinat stand, befindet sich heute das Zentrum der chinesischen Kunstszene: Im Pekinger Stadtteil Chaoyang produzieren Künstler international gefragte Werke - streng bewacht vom chinesischen Militär. Ein Ortsbesuch.

Von Andreas Srenk

Die Annäherung an die Kunst beginnt abrupt: Eben noch glitt das verbeulte Taxi mit dem in gewöhnungsbedürftiger Manier aus dem geöffneten Fenster spuckenden Fahrer über einen der glitzernden sechsspurigen Prachtboulevards in Peking. Unvermittelt bremst das alte japanische Auto. Der Mann zeigt auf den Zettel mit der chinesischen Adresse, deutet auf eine Seitenstraße und kassiert. Gerade mal sieben Euro für eine gute Stunde Fahrt. Das also soll sie sein, die Kunstmeile 798 im Stadtteil Chaoyang, die nach einem Fabrikgebäude benannt wurde, das auf dem Gelände steht. Eine Art Hauptstraße führt in den ausufernden ehemaligen Industrie-Komplex, der aus Schloten, Lagerhallen und Versorgungstrakten besteht.

Eine bizarre Szenerie erwartet den Besucher. Demolierte Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben wechseln sich ab mit schick renovierten Lofts, vor deren Eingangstüren "Gallery 313 Art Space" und "Red Gallery" steht. Überall werkeln Bauarbeiter, bessern Wege aus, entkernen weitere Gebäude und bewegen holpernde Schutt beladene Schubkarren. Dazwischen Maler, Bildhauer, Designer und Fotografen, die im "Vantt-Galerie-Café" sitzen und Espresso schlürfen. Milizionäre im Stechschritt paradieren vorbei oder sind an Kontrollpunkten postiert. Nur sie selbst wissen, wen oder was sie bewachen.

Die Staatsmacht zeigt paranoide Züge

Vermutlich alles: Die wertvolle Kunst, die Künstler, das Gelände. "Das Olympiastadion ist ja bereits streng abgeschirmt", sagt einer der Kreativen im Café, der aber bitte, bitte weder fotografiert noch beim Namen genannt werden möchte. "Vielleicht befürchtet man Säure-Attentate tibetischer Mönche auf chinesische Bilder." Das klingt bitter-ironisch. In diesen Tagen zeigt die Staatsmacht paranoide Züge, ist wegen der prestigeträchtigen Olympiade hypernervös, lässt zwar ausländische Helfer ins Erdbebengebiet und sogar ganz offiziell die US-Luftwaffe, will aber dennoch alles unter Kontrolle behalten. Wollte man böswillig und zynisch sein, könnte man annehmen, dass auch das verheerende Erdbeben noch dem Dalai Lama in die Sandalen geschoben werden soll.

Sun Ning wartet schon. Er ist der China-Repräsentant von artnet, einer globalen Vereinigung von 1800 Galerien in mehr als 250 Städten. Sie bietet 100.000 Arbeiten internationaler Künstler zum Verkauf an. Händler und Kunstsammler können sich mittels artnet über neue Trends schnell informieren und zielgerichtet einkaufen. Dabei spielt der chinesische Markt eine bedeutende Rolle. Hatte jahrzehntelang die Kommunistische Partei in Sachen Kultur die Daumenschrauben angezogen, wurde mit der zunehmenden Einbindung Chinas in die globalisierte Ökonomie auch der Druck auf die Kunstschaffenden gelockert.

Vorbei die Zeiten, als chinesische Avantgarde-Kunst noch über verschlungene Wege bei Hongkonger Galeristen wie Chang-Zung Tsong landeten, der sie bis nach Hollywood verkaufte und dem Oliver Stone einen gewissen Kevin Costner in der Stadt am Perlfluss vorbeischickte, damit dieser Künstler wie Zeng Fanzhi aus Wuhan oder Ding Yi aus Shanghai kennen lernte.

Die Regierung erlaubt immer mehr Freiheiten

Diesen Umweg muss man heute nicht mehr gehen. Die Regierung in Peking erlaubt mehr und mehr die kleinen provokativen Freiheiten in der Kunstszene, die eine politische Ventilfunktion haben. Gemalt werden darf Vieles: Abstraktes genauso wie Kritik am Umgang mit der Umwelt, die auf Kosten der Wirtschaftsentwicklung fast immer den Kürzeren zieht. Hinzu kommt, dass der internationale Kunstmarkt zum Milliardengeschäft geworden ist, von dem auch die offiziellen Stellen profitieren wollen.

Die Geschichte der Kunstmeile 798 ist für all diese Entwicklungen gleichsam ein Mikrokosmos. "Als hier vor einigen Jahren alles begann, konnte man als Künstler noch für weniger als einen Yüan (etwa zehn europäische Cent) Miete pro Tag und Quadratmeter im Atelier auskommen. Inzwischen hat sich dieser Preis verzehnfacht", so Sun Ning. Nicht nur die Kunstproduktion hat sich verteuert, auch die erzielten Verkaufserlöse bewegen sich mittlerweile locker im fünfstelligen Eurobereich. So manche am Straßenrand geparkte deutsche Nobelkarosse markiert diese Entwicklung.

Bereits in der Anfangszeit dieses Industriekomplexes spielte Kunst eine wichtige Rolle: deutsche Ingenieurskunst. Anfang der 50er Jahre, als die KP Chinas ihren ersten Fünf-Jahres-Plan aufgelegt hatte, brauchte die Armee des Landes dringend elektronische Komponenten für ihre Waffensysteme. Die zwei bestehenden russisch-chinesischen Joint Ventures kamen mit der Produktion nicht nach. Den Hilfe suchenden damaligen Regierungschef Tschou En Lai verwiesen die Russen an die DDR, von der sie selbst mit wichtigen elektronischen Bauteilen beliefert wurden.

Die sino-germanische Kooperation kam schnell zustande. Die deutschen Architekturentwürfe für den neu zu errichtenden Industrie-Komplex orientierten sich stark am Bauhaus-Design. Noch heute sieht man diesen Einfluss etwa in der zentralen Kunst-Ausstellungshalle 798. Die von den Amerikanern übernommene Bauhaus-Direktive "Form follows Function" bedeutet hier vor allem: Optimale Lichtverhältnisse im Dienste der Kunst. So sind die Fenster oben an der Nordseite des Gebäudes angebracht, da das von dort einfallende Licht weniger Schatten auf die Exponate wirft. Bis zu 100 ostdeutsche Experten arbeiteten jahrelang an der Vollendung des gigantischen Industrie-Kombinats, in dem in Spitzenzeiten bis zu 20.000 Arbeiter beschäftigt waren.

Deutsche bauten die Vorzeige-Fabrik

Die deutschen Fachleute sorgten für kulturelle Einrichtungen wie Büchereien, Literaturseminare, ein fabrikeigenes Orchester, das nicht nur revolutionäres chinesisches Liedgut zum Besten gab, sondern auch deutsche Klassik aufführte. Die von Deutschen gebaute Vorzeige-Fabrik gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den besten und innovativsten Anlagen im roten Riesenreich und erweiterte die Produktpalette zunehmend auf den Zivilsektor. So wurde etwa die Akustik für die Große Halle des Volkes geliefert.

In den 80er Jahren geriet das Kombinat unter Druck, da durch die Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping staatliche Aufträge wegfielen. Die meisten Arbeiter wurden auf andere Fabriken umverteilt, die gigantische Anlage rottete vor sich hin. Viele der alten DDR-Maschinen blieben jedoch einfach stehen und wurden, als die ersten Künstler kamen, in die Kunst- und Ausstellungshallen als fast historische Exponate der Industriekultur integriert.

Massenbewegung in die Kunstmeile

Die ersten Künstler kamen zwar schon Mitte der 90er Jahre, als sie durch die neuen Mega-Bauprojekte der Stadt ihre alten Ateliers verloren. Doch erst seit dem neuen Jahrtausend wurde aus den vereinzelten Zuzügen eine Art Massenbewegung. Eine wichtige Rolle spielte die Akademie der Schönen Künste, die vor wenigen Jahren ihren Sitz hierher verlegte, da sie selbst neue Räumlichkeiten suchte. Es folgten eine Reihe prominenter Künstler wie der Bildhauer Sui Jianguo oder der Star-Fotograf Xu Yong, der sich einen Namen machte, weil er die alten Pekinger Stadtviertel, die Hutongs, in Bildbänden dokumentierte, solange sie noch nicht den Abrissbirnen zum Opfer gefallen waren.

Neben Ateliers, Galerien und Ausstellungshallen etablierten sich nach und nach Cafés, Restaurants, Seminarräume, Buchhandlungen. Es entwickelte sich eine fast autarke Künstler-Kommune. Eine Reihe bedeutender Ausstellungen festigte den Ruf des Viertels als Meinungsmacher und Trendsetter in punkto chinesischer Kunst. Einige Luxusgüter- und Fashion-Firmen haben den Komplex als Event-Location ausgemacht: Dior und Omega waren bereits da.

Bald, befürchtet einer der Maler, der wie so viele hier mit dem Rad auf dem Gelände unterwegs ist, steht das große Kunst-Projekt am Scheideweg. "Entweder wird das hier einer der kreativen und innovativen Glanzpunkte einer modernen internationalen Metropole, die Peking so gerne sein möchte. Oder alles mutiert zum Mainstream-Kultur-Kitsch. Vielleicht machen die auch alles platt für Luxus-Eigentumswohnungen und Büro-Tower." Wäre ja nicht das erste Mal.

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