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Peking: Die Nachbarschaftswächter

Sie stehen an jeder Ecke und haben ein wachsames Auge auf alles und jeden. Um Diebstähle und Proteste während Olympia zu verhindern, greift Peking auf eine kommunistische Tradition zurück: die Nachbarschaftskomitees. Doch mit der Rolle des "großen Bruders" wie zu Maos Zeiten haben die freiwilligen Helfer nichts mehr zu tun.

Von Adrian Geiges, Peking

In Pekinger Wohnvierteln stehen alle 200 Meter Frauen und Männer, meist höheren Alters, mit roten Armbinden. Manche sitzen auf Plastikhockern oder Eingangsschwellen, fächern sich etwas Kühle zu oder spielen Karten. Ist das hier immer so? Oder treten die nur wegen Olympia an, wie die englische Inschrift "Volunteer", "Freiwilliger" auf den Armbinden nahelegt? Die Wahrheit liegt dazwischen.

Diese Menschen gehören zu den Nachbarschaftskomitees, die es in China seit der kommunistischen Revolution 1949 gibt. Sie fanden ihre Entsprechung in den anderen sozialistischen Ländern. In der DDR etwa hießen sie Hausgemeinschaftsleitung (HGL).

Zu Maos Zeiten spielten die Nachbarschaftskomitees die Rolle des "großen Bruders", der wie in George Orwells Buch 1984 über alles wachte, angebliche "Konterrevolutionäre" verpfiff und auch außerehelichen Sex zu verhindern suchte. Noch 1993 gab es einen schlimmen Fall von Machtmissbrauch durch die Nachbarschaftskomitees, ausgerechnet bei Chinas damaliger Bewerbung um die Olympischen Spiele. Einige der Aktivisten meinten, der Anblick von Behinderten könne die Besucher vom Internationalen Olympischen Komitee abstoßen. Sie ließen deshalb den geistig zurückgebliebenen Wang Chaoru von der Polizei abholen. Die Beamten prügelten ihn zu Tode.

Seither hat sich China verändert, nicht nur im Verhältnis zu Behinderten. Aus dem totalitären Staat ist ein autoritärer geworden. Das Privatleben der Bürger ist der Führung heute weitgehend egal, so lange sich diese nicht aktiv gegen die Regierung wenden. Die Wächter mit den roten Armbinden gab es weiterhin, aber man sah sie nur noch selten.

Sie kämpfen für den Erfolg von Olympia

Wegen Olympia sind sie jetzt wieder überall, in großer Zahl. Rote Armbinden hatten sie auch schon früher, aber nun haben sie neue bekommen, mit der englischen Aufschrift "Volunteer". "Meine Mama ist jetzt auch dabei", erzählt eine Freundin, deren Mutter bei einer Stadtteilverwaltung arbeitet. "Die haben die Beamten, die im Büro sowieso nur Tee trinken und Zeitung lesen, dafür abkommandiert." In einer halbtägigen Sitzung wurden sie auf die Aufgabe vorbereitet. Wie wurden sie dabei instruiert? "Allgemeines Blabla über die Bedeutung von Olympia und die sozialistische Moral, nichts Konkretes." Das ist glaubwürdig, denn in China gibt es viele solche inhaltslose Sitzungen, wie in anderen sozialistischen Ländern früher auch.

"Ich werde aufpassen, dass bei den Fahrradwettbewerben kein Zuschauer auf die Fahrbahn rennt", sagt der 50-jährige Arbeitslose Kong, der in der Nähe des alten Kaiserpalastes Wache schiebt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er nicht zu den Olympiafans gehört: "Die Leute ermüden davon, das Geld wird verschwendet." Mit mehr Begeisterung dabei ist die 68-jährige Rentnerin Wang: "Wir kämpfen für den Erfolg von Olympia", sagt sie mit Pathos in der Stimme. "Und verteidigen die Sicherheit des Volkes und des Staates." Was würde sie machen, wenn in ihrer Straße jemand protestieren würde, zum Beispiel gegen den Abriss von Häusern für Olympia? "Ich würde die Polizei anrufen."

Vorgekommen sei das bisher nicht. Sie habe aber schon Fußgänger ermahnt, die Abfall auf die Straße geworfen haben. Tatsächlich plaudern die meisten Wächter aus den Nachbarschaftskomitees entspannt miteinander. Ihren Zweck erfüllen sie trotzdem: Da sie überall zu sehen sind, schrecken sie Taschendiebe und regierungskritische Chinesen gleichermaßen ab.

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