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Peking: Olympische Staus, Babys und Hochzeiten

Die Pekinger schwanken in diesen Tagen zwischen echter Freude, verordnetem Jubel und Ärger über die Einschränkungen im Alltag. Ein Stimmungsbericht aus der chinesischen Olympia-Metropole.

Von Adrian Geiges, Peking

"Sagen Sie nichts Schlechtes über Peking", grummelt Taxifahrer Zhang. "Sonst ärgere ich mich." Er verbittet sich Kritik von Ausländern, aber er selbst als Chinese dürfe es natürlich sagen: "Diese Verkehrsführung ist Schwachsinn!" Obwohl die Hälfte der Autos von den Straßen verbannt ist, täglich abwechselnd dürfen nur die mit geraden beziehungsweise ungeraden Nummern fahren, stehen wir im Stau. Der Grund: Von den drei Spuren der Stadtautobahn ist eine leer – die Olympia-Spur, die fünf Ringe wurden auf die Fahrbahn gemalt. Nur offizielle olympische Autos dürfen hier fahren. Doch wie viele gibt es davon? Wir haben heute noch keines gesehen. Der Taxifahrer hat gehört, dies sei die Strecke, auf der IOC-Präsident Jacques Rogge von seinem Hotel zu den Sportstätten chauffiert werde. "Was ist mit uns?", schimpft Zhang. "Wir befördern doch auch olympische Gäste."

Einige meiner chinesischen Freunde haben Peking verlassen, um dem verordneten Trubel zu entgehen. Eine kranke Freundin muss sich in überfüllte U-Bahnen quetschen, wenn ihre Arzttermine auf Tage fallen, an denen ihr Auto unters Fahrverbot fällt. In Krankenhäusern werden Operationen, die als nicht "dringend" gelten, bis nach den Spielen zurückgestellt.

Denn das Personal dort ist anderweitig beschäftigt. Etwa damit Neugeborene vorzuführen. Als wir mit ein paar Dutzend anderen Journalisten und Fotografen in der Geburts- und Kinderklinik des Stadtteils Haidian eintreffen, steht alle fünf Meter eine Krankenschwester mit der Aufgabe, uns zu begrüßen und uns den Weg zu weisen. Eine vom Pekinger Internationalen Medienzentrum organisierte Tour. Zu besichtigen sind Babys, die am Tag der Olympia-Eröffnung geboren sind. "Von 0 Uhr bis 13 Uhr wurden 30 olympische Babys geboren", verkündet Zhang Yanping, der Generaldirektor des Krankenhauses. Konkreten Fragen weicht er aus, er hat Angst, etwas "Falsches" zu sagen. So lautet etwa die Antwort auf "Haben es viele Eltern darauf angelegt, dass der Geburtstermin auf Olympia fällt?": "Weil unser Krankenhaus einen hohen Standard hat, entscheiden sich viele Eltern für uns."

Chinesische Fähnchen im Kinderbett

Während die Neugeborenen trotz des Medienrummels schlafen und nicht wissen, wie ihnen geschieht, äußern sich einige der neuen Eltern patriotisch: "Wir haben unserem Sohn den Namen 'Blick in die Zukunft' gegeben", sagt Mutter Zhi Ning in einem Ton, als habe sie es auswendig gelernt. "Das entspricht der Idee dieser Olympischen Spiele. Wir wollen, dass China immer stärker wird." Um das zu unterstreichen, haben die Eltern das Kindbett mit roten chinesischen Fähnchen ausgelegt.

Doch es gibt auch viele Zeichen von Begeisterung, die keiner organisieren kann. Etwa bei denen, die am 8. August an den Standesämtern Schlange standen, um dort in den Bund der Ehe zu treten. "Bei uns haben an diesem Tag 800 Paare geheiratet", sagt Zhao Wei, die stellvertretende Leiterin des Standesamts des Xuanwu-Distrikts. "Normalerweise sind es 30 bis 40."

Zu den Frischvermählten gehören auch die 26-jährige Gao Yu und der 35-jährige Jiang Junyi. Eine Rolle habe natürlich auch das Datum 8.8.08 gespielt, da die Acht im Chinesischen eine Glückszahl ist, sagt die Braut. "Aber das Entscheidende ist doch Olympia, das ist ein wichtiges Ereignis für China, so wird uns dieser Tag für immer als ein großer Tag im Gedächtnis bleiben." Hätten sie auch ohne Olympische Spiele geheiratet? "Vielleicht später einmal – aber sicher nicht in diesem Jahr."

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