Peking-Skizzen, Teil 14 Relaxen im Mondschein


Urlaubsgefühle? Fehlanzeige. Ich bin ja auch zum Arbeiten in Peking. Aber ein wenig Entspannung sollte doch auch mal möglich sein. Gestern Abend war es dann soweit, Olympia war weit weg. Chinesen schlenderten um einen See, liehen sich Ruderboote aus und genossen den Abend. Ich war dabei – und hatte endlich Zeit für ein nettes Restaurant.
Von Jens Fischer, Peking

Gestern hatte ich wieder einmal einen "Dreh". So heißt das in der Journalistensprache. Für meine Video-Kolumne "Der Herr der Ringe" machte ich mich wieder auf den Weg. Ich war auf der Suche nach einem Ort abseits des olympischen Geschehens, abseits der Wettkampfstätten, des Pressezentrums und anderer Flecken hier in Peking, an denen Journalisten schreiben, recherchieren, Interviews führen. Zum Glück habe ich einen Kameramann, der sich gut auskennt in Peking, und ganz genau weiß, wo es sich lohnt hinzugehen, um das typische Peking zu erleben.

Und gestern Abend hatte mein Kameramann eine Sternstunde. Er nannte mir einen Ort, an dem wir uns treffen sollten und versicherte mir gleichzeitig, dass es dort garantiert keine Touristen geben würde. Es sollte ein Viertel mitten in Peking sein, wo die Chinesen gemütlich ihren Abend verleben, sich vom Stress des Alltags erholen und einige schöne Stunden verbringen.

Turtelten und händchenhaltend am See

Als ich an diesem Ort ankam, traute ich meinen Augen kaum. Ich war begeistert. In diesem Viertel – dessen Namen mir leider entfallen ist – war wirklich entspannte Atmosphäre angesagt. Die Chinesen schlenderten gemütlich durch die Gegend, Verliebte turtelten händchenhaltend und das alles spielte sich rund um einen See im Mondschein ab. Man konnte dort Ruderboote ausleihen, es war romantisch und relaxed. In diesem Momet ärgerte ich mich, dass ich arbeiten musste.

Aber es half alles nichts. Wenn wir uns allerdings ein wenig beeilen würden, könnte es sicher noch mit einem leckeren Abendessen in einem der typischen Restaurants hier klappen. Also schnell die Kamera ausgepackt, Mikrofon angesteckt, kurzer Soundcheck. Noch einmal überlegt: Über was will ich heute überhaupt sprechen? Und los geht’s. Nach einer knappen Stunde hatten wir dann alles im Kasten und ich konnte mich dem gemütlichen Teil des Abends widmen.

Fleischspieße und Bambussprossen

Wir fanden ein Restaurant gleich um die Ecke. Als wir es betraten, war ich glücklich. Genau so hatte ich es mir vorgestellt. Tausende Gerüche kamen mir entgegen, der ganze Laden proppevoll, eine einziges Gewusel, eine beeindruckende Soundkulisse – und ewig viele kleine Stände mit den unterschiedlichsten kulinarischen Genüssen. Es war soweit: ein entspannter Abend mit typisch Pekinger Küche – lange genug hatte es gedauert.

Als wir einen Tisch gefunden hatten – was nicht einfach war – zogen wir los. Die Qual der Wahl. Fleischspieße, Fisch, Bambussprossen, Suppen, alle möglichen Arten von süßen Leckereien und so weiter. Als wir fertig waren mit unserer Einkaufstour war unser Tisch voll mit kleinen Tellerchen. Es war köstlich und endlich einmal ein Abend, an dem Olympia ganz weit weg war.

Olympia-Anstrengung voraus

Nur schade, dass es vielleicht auch schon mein Letzter war. Sechs anstrengende Olympia-Tage liegen noch vor mir, und ich weiß es jetzt schon, dass meine Abende ausgebucht sein werden. Dann heißt es wieder Sport, Sport, Sport. Schreiben, recherchieren, telefonieren, Interviews führen. Und diese Köstlichkeiten von gestern Abend sind dann wieder ganz weit weg. Schade eigentlich.


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