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Peking-Skizzen, Teil 15: Händler des Grauens

Alles ist billig, das darfst du nicht verpassen! Bevor ich nach China reiste, bekam ich einen klaren Auftrag: Einkaufen. Heute war es soweit - und es war schrecklich. Die "Schnäppchen-Halle" voll mit Menschen, die Händler aufdringlich, der Kaufvorgang extrem kräftezehrend.

Von Jens Fischer, Peking

Vor meiner Abreise nach Peking zu den olympischen Spielen gab es für meine Familie, Freunde und Bekannte nur ein Thema: Einkaufen. Ich müsse unbedingt shoppen gehen, alles sei so billig: Jeans, Shirts, Uhren, Sonnenbrillen, Elektronik. Alle wussten natürlich auch: Das Meiste ist gefälscht, original Markenware ist recht schwierig zu bekommen und dann kostet sie auch dementsprechend. Dennoch: Shopping muss sein!

Also: Nachdem ich jetzt seit 17 Tagen hier in Peking bin, hatte ich heute Morgen immer noch nichts gekauft. Meine Tasche ist mittlerweile voll mit Dreckwäsche und anderen sinnlosen Werbegeschenken, die man halt so nebenbei in die Hand gedrückt bekommt. Aber weit und breit keine Einkaufsware. Nichts Neues, keine Geschenke für die daheim Gebliebenen, nichts für mich, nichts, nichts, nichts. Und ich habe nur noch vier Tage Zeit. Nur noch vier Tage, um endlich das große Schnäppchen zu machen, den Mega-Shopping-Clou zu landen.

"Heute wird eingekauft"

Heute Morgen bin ich müde erwacht. Kaum hatte ich die Augen aufgebracht, war mir klar: Es ist soweit, heute geht es rein in die City, heute wird eingekauft. Nur wo? Okay, schnell runter zur Rezeption, die werden schon wissen, wo der Hot Spot ist. Und wirklich. Hier müsse ich hinfahren, jeder Taxifahrer kennt die Adresse. Schnell rein ins Taxi und los geht's: Auf zum Clothing market! Dort angekommen, war ich gleich genervt. Öffnungszeiten von zehn bis 20 Uhr, die Tür war noch verschlossen. Also warten. Darauf endlich meinen großen Auftrag zu erfüllen.

Schnell noch einen Kaffee um die Ecke reingekippt, fit werden für den Kampf an der Schnäppchen-Front. Eine halbe Stunde später war es dann soweit: Ich konnte zurück zur Eingangstür, es wird ja noch nicht so viel los sein. Falsch gedacht: Schon vor der Tür zum Einkaufsparadies eine Mega-Schlange. Wo kommen die denn plötzlich alle her? Viele Chinesen sind darunter, aber natürlich auch solche wie ich. Journalisten und Touristen, ferngesteuert, fixiert darauf, jede Menge Geld zu sparen. Und auf geht’s!

Alarm an der Shopping-Front

Jetzt bin ich drin. Fünf Stockwerke, mal wieder alles voll mit diesen Ständen. Wer soll hier denn durchblicken? Wo fange ich nur an, naja einfach mal rumlaufen und schauen, was es alles so gibt. Kann ja nicht so schlimm sein. Aber das funktioniert in China nicht. Kaum wage ich es, nur einen Moment zu lange zu verharren, sind sie schon da, die Händler des Grauens. Das ist billig, das ist noch billiger, und das da ist so gut wie umsonst. Behaupten sie.

Ok, eine Jeans könnte ich gebrauchen. Der Stand schaut gut aus, alles gefälscht, aber immerhin sehen die Dinger ganz trendy aus. Auf in den Kampf! Nein, gefällt mir nicht, ich weiß nicht, ich kann mich nicht entscheiden. Ich solle doch gleich Mehrere nehmen, mahnt sie mich, dann wird's billiger. Die Dunkelblaue gefällt mir, nur anprobieren scheint hier schwierig. Da hat sie aber schon den Vorhang in der Hand, und versucht ihn an die Stange hinzufummeln. Dass mich auch wirklich keiner sieht. Dauert ewig und geht mir auf die Nerven. Also ohne Stange. Unterhose, mir doch egal, geht ja schnell. Zwei, drei anprobiert und schon bin ich glücklich: Die sieht gut aus und passt, die will ich.

Der Nächste zahlt weniger

Jetzt noch schnell zahlen, und weiter. Guter Witz. Jetzt ist erst einmal Handeln angesagt. Ihr erster Preis kann nicht ihr Ernst sein. Er ist astronomisch hoch. Es dauert eine Viertelstunde, bis wir uns einig sind. Letztlich zahle ich immer noch zu viel, aber ich kann einfach nicht mehr. Das ganze Prozedere wiederholt sich an diesem Vormittag noch mehrere Male, und ich bin mir sicher: Der Nächste nach mir zahlt weniger. Handeln ist einfach nicht mein Ding.

Als ich nach zwei Stunden Nahkampf endlich im Taxi sitze auf dem Weg zum Pressezentrum, bin ich sehr erleichtert: Ich habe wirklich eingekauft. Und es war billig. Dafür hat es mich verdammt viel Kraft gekostet.

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