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Chinas Turnerinnen: Die Milchzahn-Roboter

Das "Kinderturnen" von Peking sorgt für Aufsehen. Mädchen, angeblich 16 Jahre alt, fliegen schwerelos durch die Hallen. Sie wirken ferngesteuert, willenlos und empfinden scheinbar keinen Schmerz. Hinter den Kulissen sind sie aber zerbrechliche Schulmädchen - von Gott und der Welt verlassen, erschreckende Resultate eines gnadenlosen Drills.

Von Jens Fischer, Peking

Ariella Kaslin ist Schweizerin. Im Mehrkampffinale der Turnerinnen hat sie den 18. Platz belegt. Ihre Leistung wäre nicht besonders erwähnenswert, aber wie sie so dasteht, in der Mixed Zone des National Indoor Stadiums von Peking, fällt sie auf. Positiv. Kaslin ist groß gewachsen, mit fraulichen Rundungen, nicht zu dünn, einfach eine normal entwickelte junge Frau. Mit ihren 20 Jahren hat sie für das Frauen-Turnen ein fast biblisches Alter. Alles in allem ist Kaslin eine ganz normale Sportlerin. Kaum aber hat die Schweizerin ihre Interviews beendet, zeigt sich das wahre Gesicht einer Sportart, die Angst einflößt.

Da erscheinen spindeldürre Sportlerinnen, winzig klein und mit kindlichem Blick, hinter dem jede Emotion vergraben scheint. Leer und ausgepumpt sind sie. Stoisch haben sie mal wieder ihre Rucksäcke geschultert. Nach einem harten Wettkampf, in dem sie mehr als zwei Stunden über ihre Schmerzgrenzen hinaus gegangen sind. Und wären sie nicht von oben bis unten mit Magnesium bedeckt, wären sie nicht schweißnass geschwitzt und bandagiert, man könnte denken, sie kommen direkt aus der Schule. Schnell heim zur Mama, Mittagessen. An ihren voll gepackten Rucksäcken hängen rosa Kuschelbären und anderer Krimskrams. Ihre Haare sind von Glitzerspray bedeckt, die Farben ihrer Haarbänder schreien einem schon von weitem entgegen. Sinnbilder einer verlorenen Jugend.

Einsam, willenlos, ferngesteuert

Besonders die zahlreichen chinesischen Turnerinnen - im Mehrkampf-Finale gab es für chinesische Ansprüche hinter zwei Amerikanerinnen nur lausiges Bronze - sorgen dieser Tage bei Olympia für Aufsehen. Wenn man die zarten Gestalten in ihren engen Anzügen sieht, wirken sie einsam, willenlos und ferngesteuert. Wie kleine Roboter bewegen sie sich durch die Halle. Dabei müssten sie eigentlich noch mit Barbiepuppen spielen. Aber dieses Gefühl haben sie nie erlebt.

"Eine der Chinesinnen hatte noch eine Zahnlücke, wo gerade ein Milchzahn herausgefallen ist. Mindestens drei ihrer Turnerinnen hatten das Mindestalter noch nicht erreicht", sagte jüngst US-Teamchefin Marta Karoly. Und sprach damit aus, was alle in der Branche denken. Das Mindestalter bei den Turnerfrauen für die Teilnahme an Olympischen Spielen liegt bei 16 Jahren. Für Karoly waren die Drei höchstens "zwölf bis 14". Schon lange vor Beginn des "Kinderturnens" von Peking berichtete die "New York Times" von Widersprüchen bei den Altersangaben, die insbesondere He Kexin, Favoritin im Stufenbarren, und Jiang Yuyuan betreffen. Auch Yang Yilin, Dritte im Mehrkampf-Finale, soll deutlich jünger als 16 sein. Das berichtete die Nachrichtenagentur AP. Selbst die chinesische, staatliche Nachrichtenagentur "Xinhua" gab das Alter von He Kexin vor neun Monaten noch mit 13 an.

Interessieren tut das niemanden. Die chinesische Mannschaftsleitung spricht von "Fehlern" der Agenturen und selbst der internationale Turnverband will vom Problem "Kinderturnen" nichts wissen. Man habe die Pässe überprüft und festgestellt, dass sich alle chinesischen Turnerinnen im besten Wettkampfalter befänden. Natürlich könne man sich immer nur auf die Pässe verlassen, die einem vorliegen. Vom kommenden Jahr an soll es immerhin Lizenzen geben, die es möglich machen, das vom jeweiligen Verband angegebene Alter mit dem Alter auf dem jeweiligen Reisepass der Turnerin zu vergleichen. Natürlich bliebe auch dann der Pass weiter die Kontrollbasis, aber Manipulationen des Alters müssten dann auf lange Sicht geplant werden. Bis es soweit ist, fliegen die blutjungen Mädchen weiter wie schwerelos durch die Hallen, resistent gegen den Schmerz und winden sich fröhlich über dem Boden. Machen neckische, fast laszive Bewegungen, die sie in ihrem Alter normalerweise noch gar nicht kennen dürften. Sie sind zu Turn-Maschinen mutiert.

Drill von morgens bis abends

Dazu gemacht wurden die Chinesinnen in einer der Hunderten von Sportschulen, verteilt über das gesamte Land. Gerade ärmere Familien stecken in China viel Geld in ihren Nachwuchs, um diesem eine glorreiche Zukunft zu ermöglichen. Bereits im zarten Alter von drei Jahren werden die Kinder von zu Hause losgeschickt, weggerissen von der Familie, allein gelassen mit dem Druck, die Familie nicht enttäuschen zu wollen. Dort werden sie zu diesen Turn-Computern gedrillt, die einen bei diesen Olympischen Spielen entsetzen müssen.

Das Training in einem "Sportinternat" wie Xintao ist knüppelhart, die kleinen Kinder zwischen vier und neuen Jahren werden gezüchtigt und teilweise mit dem Rohrstock zu dem gemacht, was die Trainer gerne haben möchten: abgestumpfte Erfolgsgarantien. Die Schulen wirken von innen wie Kasernen, und genau so ist die Stimmung. Drill von morgens bis abends, ständig werden die Kleinen mit riesigen Erwartungen konfrontiert. Die Trainingsinhalte grenzen an Körperverletzung: fünf Minuten Handstand und wer am Ende die Zeit unter Schmerzen nicht noch herunterzählt, bekommt Ärger in Form anderer Quälereien.

Die Trainer selbst berufen sich auf die für sie negativen Folgen der chinesischen Ein-Kind-Politik. "Zu Hause wird das Kind verwöhnt, und wir sorgen dafür, dass sie gestählt werden", meint einer der Kommandeure. Dabei wissen die Meisten oft schon gar nicht mehr, was ein Zuhause ist.

Abends nach einem langen Tag, liegen die zukünftigen Turn-Stars im Schlafsaal ihres heruntergekommenen Internats. Oft noch mit den Trainingsklamotten am Leib, nur einen Pullover als Kopfkissen. Zu Mehreren liegen sie in einem schmalen Bett und hätten es gerne ein wenig wärmer. Es fehlt an Strom, ihre Körper sind ihre Wärmequellen. An den Wänden hängen chinesische Turn-Idole vergangener Tage, allesamt Weltmeister oder Olympiasieger. Sie wären so gerne wie ihre Helden. Und dafür muss man alles tun. Hat man ihnen zumindest so gesagt.

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