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Olympische Augenblicke: Das Gefühl, verarscht zu werden

Weltrekorde im Minutentakt und allen voran Wunderschwimmer Michael Phelps: Niemand weiß, wie die Leistungen der Schwimmer in Peking zu erklären sind. Als Zuschauer fühlte man sich nicht euphorisiert, sondern getäuscht.

Von Christian Ewers, Peking

Meist war es ein Hellblau, das die Strahler auf die Außenhaut des National Aquatics Center malten. Blau wie das Wasser, natürlich, und manchmal war die Arena auch weiß, weiß wie Dampf oder Schnee, auch Aggregatzustände des Wassers. Wenn man in der Halle saß, fragte man sich, was das für ein Wasser ist, da unten im Becken. Ob das wirklich zu Eis und Dampf werden kann, oder ob da unten nicht bloß blaue Bretter verlegt worden sind, und die Schwimmer gleiten auf unsichtbaren Rollen auf und ab. Sie waren ja so schnell, so unfassbar schnell. Jeden Tag Weltrekorde, bis zu vier innerhalb von zwanzig Minuten, bis zu sechs am Tag, und dann war da noch Michael Phelps, der Wunderschwimmer aus Amerika, acht Mal Gold, sechs Weltrekorde.

Niemand weiß, wie so etwas gehen kann. Die neuen Schwimmanzüge, angeblich schnellere Becken, mehr Krafttraining? Jeder Erklärungsversuch wirkte hilflos, bemüht, verzweifelt, angesichts dessen, was Phelps in Peking angestellt hat. Er hat die Wektrekorde nicht einfach nur verbessert. Er hat sie zerschossen, pulverisiert. So etwas hat es in der Schwimmgeschichte noch nicht gegeben. Und wenn man dabei war an einem dieser wundersamen Rekordtage, fühlte man sich nicht als Zeuge eines historischen Ereignisses. Da war nichts Elektrisierendes, kein Kribbeln, da war nur das Gefühl, getäuscht zu werden, ja: verarscht.

Man mochte Phelps nicht glauben, wenn er sagte, er lebe nur von Pizza und Pasta. Man hat einfach zu viele Helden fallen sehen nach ihrem Brot-und-Wasser-Schwur. Ben Johnson, Marion Jones, Jan Ullrich, Johann Mühlegg. Einen großen Dopingskandal hat es im Schwimmen noch nicht gegeben, doch nach dieser gespenstischen Woche im National Aquatics Center würde es einen nicht wundern, wenn einer dieser Supermänner entzaubert werden würde. Es wäre wie eine Erlösung.

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