Ertls Olympia-Tagebuch Sehnsucht nach "Eddie the Eagle"


Wer wird denn nun der "König" der Olympischen Winterspiele? stern.de-Kolumnistin Martina Ertl interessiert diese Frage nur am Rande. Sie denkt in anderen Dimensionen.

Die Last, als Expertin zu gelten, bekomme ich in diesen Tagen deutlich zu spüren. Kaum eine Stunde vergeht, ohne dass ich dreimal gefragt werde, wer denn nun der Superstar der Spiele in Vancouver wird und wie viele Goldmedaillen dieser nach Hause tragen wird. Schnell wird eine Liste von einschlägigen Namen vorgetragen: Lindsey Vonn, Ole Einar Bjoerndalen, Helena Johnsson, Kati Wilhelm oder Maria Riesch? Gewinnen die Königin oder der König von Vancouver drei, vier oder fünf Medaillen, womöglich allesamt aus Gold?

Ich muss gestehen, dass ich mich ganz bewusst mit diesen Fragen nicht beschäftige. Denn trotz aller Wahrscheinlichkeitsrechnung, nach der die oben stehen werden, die im Weltcup immer schon oben gestanden haben, haben die Olympischen Spiele immer wieder gezeigt, dass sie ihre eigenen Gesetze haben. Zahlreiche Favoriten, die jahrelang die Weltcupszene beherrschten, sind immer wieder und ausgerechnet bei Olympia gestrauchelt. Das prominenteste Beispiel war und ist die schwedische Biathlon-Königin Magdalena Forsberg, die in ihrer Sportart ein Jahrzehnt die unangefochtene Branchenführerin war und sich doch nie die olympische Krone aufsetzen durfte.

Woran das liegt? Zum einen ist der Heimvorteil eines Gastlandes in bestimmten Sportarten nicht zu unterschätzen. Gerade im alpinen Skisport oder in den Bob- und Rodeldisziplinen wirkt es sich schon aus, dass heimische Athleten gewisse Vorteile daraus ziehen, dass sie die olympischen Strecken schon öfter befahren konnten als der Rest der Welt. Wenn die Streckenführung - wie bei der bevorstehenden alpinen Männerabfahrt - so gestaltet ist, dass mit deren Kuppen und teils untypischen Übergängen ein Vergleich zu gewöhnlichen Weltcuppisten nicht ohne weiteres gezogen werden kann, dann ahnt man leicht, was es bedeutet, ein paar Trainingsdurchläufe mehr als andere im Rucksack zu haben.

Zum anderen tragen die Favoriten schwer an ihrem Status und an den Erwartungen von außen. Für sie gilt, dass bei diesem einen Wettkampf alles passen muss für einen Sieg - ein Wettkampf, der nur alle vier Jahre einmal auf der Agenda steht. Ich will damit sagen, dass gerade Favoriten unter einer besonderen nervlichen Anspannung stehen, die sie oft im Hinblick auf die historische olympische Dimension gar nicht abschütteln können und dann leider auch scheitern. Wer der König oder die Königin von Vancouver werden wird, ist für mich auch deshalb eine müßige Frage.

Als ich hörte, dass der britische Skispringer Edwards- eher bekannt als "Eddie the Eagle", der als Exot und "schlechtester Skispringer der Welt" jedoch der größte Sympathieträger der Spiele von Calgary war - im Vorfeld der Spiele in Vancouver in Winnipeg die Fackel des olympischen Feuers tragen durfte, habe ich mir eher die Frage gestellt "Wer wird der Adler von Vancouver?"


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