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US-Open-Finale Die wichtigste Niederlage seiner Karriere: Alexander Zverev und das Drama von New York

Alexander Zverev
Wie ein schwer getroffener Boxer: Alexander Zverev bei der Siegerehrung nach dem Finale der US Open
© Al Bello/Getty Images/AFP
Am Ende brachen alle Dämme: Nach der hochdramatischen Niederlage in seinem ersten Grand-Slam-Finale ließ Alexander Zverev den Tränen freien Lauf. Wie wird er mit diesem Trauma umgehen?

Tennis kann dich brechen. Das weiß jeder Hobbyspieler, der schon mal ein Medenspiel bestritten hat. Es gibt diese Momente in einem Match, in denen es zu deinen Ungunsten kippt, ohne dass du es sofort merkst. Es ist ein Gefühl, das langsam aufzieht wie Gewitterwolken, und du kämpfst verzweifelt gegen dieses Gefühl an – ein Unterfangen, das so hoffnungslos ist, wie vor Gewitterwolken wegzulaufen.

Das denkwürdige US-Open-Finale 2020 hielt mehrere solcher Momente für Alexander Zverev bereit: das erste Break, das er seinem völlig neben sich stehenden Gegner und Kumpel Dominic Thiem gegen Ende des zweiten Satzes gewährte; das Break im dritten Satz, das der Deutsche nicht ins Ziel bringen konnte, ebenso wie selbiges im fünften. Und natürlich der vogelwilde Tiebreak im Entscheidungssatz, aber spätestens zu jenem Zeitpunkt dürfte auch der mental enorm verbesserte Zverev längst geahnt haben, dass dieser Abend für ihn in der sportlichen Katastrophe enden könnte.

Ein US-Open-Finale wie ein Boxkampf

So kam es dann auch. Am Ende gewann Thiem das Duell der Kronprinzen ihres Sports, das beide ab der ersten Ballwechsel in eine Art psychologischen Ausnahmedauerzustand versetzt hatte, mit 4:6, 2:6, 6:4, 6:3, 7:6 (8:6). Beide Spieler zahlten für den zähen, zeitweise offensichtlich lähmenden Kampf einen hohen Preis, mental und physisch: Nach gut vier Stunden hingen die Gladiatoren in der dystopischen Atmosphäre des leeren Arthur-Ashe-Stadions in den Seilen wie schwer getroffene Boxer, was Tennis-Experte Jürgen Schmieder in der "Süddeutschen Zeitung" zum passenden Vergleich mit dem "Thrilla in Manila" – jenem legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier anno 1975 – animiert.

Entsprechend vergeblich rang der geschlagene Zverev bei der anschließenden Siegerehrung um Fassung: Dem jungen Mann, dessen Karriere seit Kindertagen auf den Gewinn von Grand-Slam-Turnieren ausgerichtet ist, wurde bewusst, wie nah er dran war am großen Traum. Als er seinen Eltern dankte, die wegen positiver Covid-19-Tests beide nicht vor Ort sein konnten, hielt Zverev seine Tränen nicht länger zurück: Sie seien sicher trotzdem stolz auf ihn.

"Ich glaube nicht", sagte der frühere Champion und heutige TV-Experte John McEnroe, "dass Zverev in seiner Karriere eine härtere Niederlage hinnehmen muss als die, die er gerade erlitten hat." Und Boris Becker betonte bei Eurosport, dass er in seinem Leben schon Tausende Matches gesehen habe: "Aber so eins noch nie."

Alexander Zverev ist immer noch erst 23 Jahre alt

Tatsächlich gelangt Zverev mit dem Drama, zu dem sich sein erstes Grand-Slam-Finale letztlich auswuchs, an eine Kreuzung: Wie geht es von hier aus weiter? Er ist immer noch erst 23 Jahre alt, nur unwesentlich älter als Roger Federer bei seinem ersten Wimbledon-Sieg. Der Zuspruch der Sportwelt ist nach der bitteren Niederlage enorm, auch Zverev selbst glaubt zum Glück, dass dies nicht seine letzte Chance war – eine Zuversicht, die nach einem Abend wie diesem nicht selbstverständlich ist.

Zverev scheint – wie sein vier Jahre älterer Gegner, der in seinem vierten Grand-Slam-Finale endlich den ersten Triumph verbuchen konnte – geradezu geschaffen als prägende Persönlichkeit für die Ära nach Federer, Nadal, Djokovic. Rückschläge, seien sie auch noch so monumental wie an diesem Sonntag in New York, gehören zum Weg an diese Spitze. Die Niederlage mag seine härteste gewesen sein, als Erfahrungswert aber mit Abstand die wichtigste. Und auch wenn die Tränen erst in ein paar Tagen trocknen werden: Zverev hat bei den US Open bewiesen, dass er längst zu gut und zu weit ist, als dass ihn dieses Trauma brechen könnte.


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