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US Open Zverevs Traum vom ersten Grand-Slam-Titel: Warum jetzt (fast) alles für ihn spricht

Alexander Zverev
Alexander Zverev nach seinem Sieg über Borna Coric im Viertelfinale der US Open
© Al Bello/Getty Images/AFP
Es ist ein Meilenstein in der Karriere des Alexander Zverev: Nach den Australian Open im Januar erreicht der deutsche Tennis-Star in New York sein zweites Grand-Slam-Halbfinale des Jahres. In den nächsten Tagen gilt es nun für den 23-Jährigen.

30. August 1989, zweite Runde bei den US Open in Flushing Meadows. Boris Becker, mitten im erfolgreichsten Jahr seiner Tenniskarriere, müht sich im Match gegen den US-Amerikaner Derrick Rostagno nach Kräften, hat im Tiebreak des vierten Satzes den zweiten Matchball gegen sich. Rostagno geht in die Offensive, Becker versucht es mit einem Verzweiflungspassierschlag, der Ball berührt die Netzkante und springt dem Außenseiter unglücklich an den Rahmen seines Schlägers. Matchball abgewehrt. Becker gewinnt den Tiebreak und anschließend nicht nur die Partie in fünf Sätzen, sondern das gesamte Turnier.

Wer am Ende eines Grand-Slam-Turniers den Pokal in die Höhe halten möchte, muss solche Momente und Matches überstehen. Manchmal sind es die Netzroller, in denen Champions geboren werden, noch häufiger sind es die schlechten oder gar verloren geglaubten Spiele. Der Vier-Satz-Sieg von Alexander Zverev über Borca Coric im Viertelfinale der US Open ist in dieser Hinsicht, wenngleich ohne den ganz dramatischen Wendepunkt, mit Beckers Glückstreffer vor 31 Jahren zu vergleichen.

Zverev kann deutsche Tennisgeschichte schreiben

Gegen den Kroaten verliert Zverev den ersten Satz nach katastrophaler Leistung und liegt im Zweiten bereits ein Break und 2:4 zurück, bevor er die Kurve kriegt und das Match schließlich inklusive zweier Tiebreaks für sich entscheidet (1:6, 7:6, 7:6, 6:3). Boris Becker selbst, heute als TV-Experte für "Eurosport" im Einsatz, bezeichnete sich zwischenzeitlich zwar als "sprachlos" angesichts des schwachen Auftritts von Zverev, konnte seinem Nachfolger am Ende aber trotzdem gratulieren.

Denn der 23-Jährige ist der erste Deutsche seit Becker im Jahr 1995, der das Halbfinale des Turniers in New York erreicht – und kann jetzt der erste deutsche Finalist seit Michael Stich 1994 sowie der erste deutsche Titelträger seit Becker in besagtem Jahr 1989 werden.

Zverev hat es dieser Tage also auf dem Schläger, Tennisgeschichte zu schreiben. Und tatsächlich schien es noch nie so realistisch, dass sein Traum vom ersten Grand-Slam-Titel ausgerechnet bei den skandalträchtigen Corona-US-Open wahr wird.

Fast alles spricht  jetzt für den Deutschen: Im Halbfinale ist er gegen den Spanier Pablo Carreño-Busta, der sich mit einem Fünf-Satz-Krimi gegen den Kanadier Denis Shapovalov in die Vorschlussrunde kämpfte, der klare Favorit.

Die großen Drei, sonst zeit seiner Karriere die größten Hürden auf dem Weg zur Silberware, sind ebenfalls bereits aus dem Rennen: Roger Federer und Rafael Nadal sind aufgrund der Corona-Situation gar nicht erst in Flushing Meadows angetreten, Novak Djokovic hat sich mit seiner Disqualifikation am Sonntag seinerseits einer großen Chance beraubt.

Alexander Zverev ist reifer geworden

Zudem ist Zverev reifer geworden, weshalb ihn auch eine teilweise Nichtleistung wie gegen Coric nicht mehr zwangsläufig aus der Ruhe bringt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte er sich an einem solchen Nachmittag kampflos ergeben. Aber der Zverev des Jahres 2020 hat spätestens seit seinem Halbfinaleinzug bei den Australian Open im Januar auch in Momenten der Schwäche mehr Grundvertrauen in seine Stärke.

Nur zwei Faktoren können ihm auf dem Weg zum Karriere-Meilenstein jetzt noch ernsthaft in die Quere kommen: die Bürde der großen Chance, die es diesmal endlich zu schultern gilt. Und die Tatsache, dass in einem möglichen Finale ein Schwergewicht wie der Österreicher Dominic Thiem oder der Russe Daniil Medwedew warten könnten.

Trotzdem war der ersehnte Aufstieg zum großen Champion nie greifbarer für Zverev als jetzt. "Ich bin im Halbfinale, aber ich denke, ich kann immer noch ein paar Sachen verbessern, und das gibt mir Selbstvertrauen", sagt er. "Ich will hier definitiv nicht aufhören." 

Muss er auch nicht. Weil er seinen Rostagno-Moment bereits überstanden hat. Jetzt ist alles möglich.

tim

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