BASKETBALL »Ich bin ein Draufgänger«


Wieder geht er mit den L.A. Lakers als Favorit in die Saison: US-Basketballstar Kobe Bryant über seine Spielkunst, Stil und Ruhm - und das Comeback des großen Michael Jordan.

Mister Bryant, von einem Fachmagazin sind Sie als »Miles Davis der NBA« bezeichnet worden - weil Sie mit dem Ball so grandios improvisieren wie früher der Jazzmusiker auf der Trompete. Sehen Sie sich als Künstler?

(lacht) Miles Davis? Ein bisschen viel der Ehre. Wenn mir Leute sagen, dass sie mir gerne beim Spiel zuschauen, ist das schon ein Riesenkompliment.

Wie entscheiden Sie, was Sie mit dem Ball anstellen?

Das kommt einfach. Aus dem Nirgendwo. Es ist wie eine, na ja, Inspiration. Und im nächsten Moment habe ich sie umgesetzt, ohne darüber nachgedacht zu haben.

Und das soll keine Kunst sein?

Na ja. Wahrscheinlich ist es das.

Sie waren mit 19 jüngster All-Star-Spieler der NBA-Geschichte, jetzt sind Sie 23 und bereits zweifacher Champion. Was kann noch kommen?

Eine gute Saison spielen, mit den Lakers Meister werden. Mich weiter verbessern.

Sie können sich immer noch verbessern?

Oh, absolut. Das Spiel ist so komplex, und ich kann an jeder Facette arbeiten. Zum Beispiel habe ich erst in den letzten Jahren gelernt, aggressiv zu verteidigen.

Als Kind haben Sie immer alleine trainiert, denn Ihr Vater war acht Jahre lang Basketballprofi in Italien. Sie studierten zwar NBA-Videos und lernten alle Tricks - aber was Sie nicht üben konnten, war, wie man als Mannschaft zusammenspielt.

Dabei ist dies das Entscheidende. Es gibt so viele gute junge Spieler, die ihr Potenzial niemals ausreizen. Weil sie nie gelernt haben, auf was es ankommt: dass man auf jedes kleinste Detail achtgeben muss. Natürlich ist das manchmal hart. Denn wenn man jung ist, will man einfach nur spielen.

Ihr Trainer Phil Jackson legt viel Wert auf taktische Disziplin. Im Mittelpunkt seiner Strategie steht Shaquille O?Neal, der 2,16 Meter große Centerspieler, nicht Sie. Fühlen Sie sich in einem ständigen Kampf: hier Jacksons System, dort Ihr Genie?

Am Anfang dachte ich, das Spielsystem wäre mir im Weg. Würde mich behindern. Aber dann habe ich begriffen: Unsere Taktik hilft mir, Basketball mehr zu genießen.

Superstar O'Neal sagt, Sie seien nur für den Spielaufbau zuständig. Er aber sei der General, verantwortlich für das gesamte Team. Stimmen Sie ihm zu?

Absolut. Ich bin nicht der Befehlshabertyp, der andere belehrt. Shaq ist der emotionale Anführer, der es schafft, dass die Jungs Gas geben. Ich bin mehr derjenige, der auf Feinheiten achtet.

Er ist das Herz der Lakers - und Sie das Hirn?

Klingt gut, aber so würde ich mich nicht bezeichnen. Ich versuche, das Spiel in all seinen Elementen zu verstehen und meine Schlüsse daraus zu ziehen. Aber ich stehe nicht über den Dingen.

Sie denken viel nach?

Über das Spiel, ja. Dafür liebe ich es zu sehr. Es begleitet mich, was auch immer ich mache. Manchmal bin ich in einem Gespräch, und ein Spielzug kommt mir plötzlich in den Sinn, und ich verfolge ihn, höre überhaupt nicht mehr zu. (Sein Kopf wandert zur Seite, Bryant schaut drei, vier Sekunden ins Leere. Lächelt dann) Und dann bin ich wieder da. Komisch, was?

Michael Jordan, der Superstar der neunziger Jahre, wagt ein spektakuläres Comeback. Wird er so gut sein wie früher?

Er wird großartig sein. Denn er ist so fit, dass er es noch mal allen zeigen kann.

Aber seine Washington Wizards taugen nicht viel.

Darum geht es nicht. Jeder, der Basketball liebt, ist glücklich, dass er zurückkommt.

Brennen Sie darauf, zu beweisen, dass Sie besser sind als er?

Ich vergleiche mich nicht mit ihm. MJ war der Beste, den es jemals gab. Sein Spielaufbau hatte ein anderes Niveau.

Die Zeit des Sprücheklopfens ist vorbei?

Das war noch nie meine Art.

Als Sie 18 waren und nach Los Angeles kamen, prophezeiten Sie reichlich selbstsicher, Sie würden im Lauf ihrer Karriere mit den Lakers zehn Meistertitel gewinnen.

Das behaupte ich immer noch. Daran glaube ich fest. Ich verlange von mir selbst mehr als die Öffentlichkeit. Das sind keine Sprüche. Das ist das, was mich antreibt.

Und wann vergessen Sie Basketball?

Früher ging das gar nicht, ich wollte es auch nicht. Jetzt bin ich verheiratet und viel ausgeglichener. Ich habe entdeckt, dass es ein Leben außerhalb des Basketballs gibt. Das hilft mir, alles zu vergessen. Selbst meinen Trainer Phil Jackson.

Wenn Jackson und O'Neal Ihre Spielweise niedermachen, wehren Sie sich niemals öffentlich. Warum nicht?

Ich bin kein Typ, der andere anmacht. Das ist nicht mein Stil. Ich arbeite hart, und ich versuche im Spiel die bestmögliche Einstellung zu haben und gehe wieder nach Hause.

Was bedeutet Ihnen Stil?

Ich liebe es, wenn jemand sagt: So spielt nur Kobe. Mit dem Ball drücke ich meine Persönlichkeit aus.

Adidas hat eine Kollektion nach Ihnen benannt. Alles wirkt sehr kühl und sehr beherrscht sowie futuristisch. Spiegelt das Ihren Charakter wider?

O ja. Ich bin so. Ich mag neue Ideen und einfache, aber überraschende Lösungen. Ich habe viel mit den Designern diskutiert. Und mit den Marketing-Typen. Mich interessieren Geschäftsleute.

Weil sie so nüchtern sind, so anders sind als Sie, der Dribbelkünstler?

Im Gegenteil. Weil wir uns so ähnlich sind. Im Geschäftsleben kommt es darauf an, kreativ zu sein. Beim Basketball kommt es darauf an, kreativ zu sein. Wer kreativ ist, hat Erfolg. So ist das Leben.

Sie haben ein eigenes Logo: Ihren Schattenriss. Wie ist das?

Sehr gewöhnungsbedürftig. Als ich das Logo das erste Mal sah, dachte ich: Hey. Wow. Das bin ich. Das ist mein Zeichen. Ich habe mich vor den Spiegel gestellt und versucht, mich von der Seite anzuschauen. Hat nicht geklappt. Aber es ist cool.

Sie sind ein Markenzeichen.

Yeah, stimmt.

Sie klingen sehr stolz.

O ja, das bin ich. Ich habe als kleiner Junge davon geträumt, so ein Leben zu führen. Ich wollte schon immer ein NBA-Star sein. Jetzt ist es wahr, und ich kann Ihnen nur sagen: Es ist ein traumhaftes Leben.

Wie alt fühlen Sie sich nach fünf Jahren in der NBA?

Ich unterscheide mich nicht sehr von anderen 23-Jährigen, ich bin nicht reifer. Oft benehme ich mich wie ein kleines Kind. Glücklicherweise habe ich sehr früh gewusst, was ich vom Leben will: Basketball spielen. Wenn es um Basketball geht, hört für mich der Spaß auf. Man kann nur gut sein, wenn man das Spiel ernst nimmt.

In Ihrer Freizeit lieben Sie Extremsportarten wie Bungee-Jumping. Suchen Sie das Risiko?

O ja. Ich bin ein Draufgänger.

Kennen Sie keine Angst?

Angst habe ich nur vor Bienen. Vor allem, was herumfliegt und sticht. Ich mag Bären, ich mag Schlangen. Ich mag auch Haie.

Haie?

Der große, weiße Hai ist mein Lieblingstier, »Der weiße Hai« von Steven Spielberg mein Lieblingsfilm. Ich wollte schon immer mal in einem dieser Käfige ins Wasser herabgelassen werden und einen Hai aus der Nähe beobachten. Ihm in die Augen sehen. Nur die Hand würde ich nicht zwischen den Stangen rausstrecken.

Was meint Phil Jackson dazu?

Zum Glück weiß er davon nichts. Würde ihn bestimmt nicht begeistern. Aber eines Tages mache ich's.

Interview: Alexandra Kraft/Rüdiger Barth


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