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Bergwanderung: Der Generationen Marsch

Die Kinder werden größer, die Gespräche kürzer. Ihr Horizont weitet sich, dabei schwindet die Gemeinsamkeit. Auf einer gemeinsamen Wanderung in den Südtiroler Bergen findet man sie wieder, ohne viele Worte.

"Wrooar, Tok, Tok Tok." - Kerzengerade im Bett. Morgens um halb Sieben springt der Generator vor der Hütte an. Davor war es ruhig, himmlisch. Eine Stunde lang, vielleicht auch zwei. Irgendwann vor fünf musste der Hund vor der Tür. Klar, er wurde wach, nachdem die Hüttenhunde draußen angeschlagen hatten. Vorher hatten sich die Schweine im Stall unter den Betten gequiekt. Das muss so um vier gewesen sein. Gerade waren die Kinder vom Andre eingeschlafen. Vorher fürchteten sie sich auf dem Matratzenlager. Zugegeben hat es keiner, aber die Taschenlampe brannte unter der Decke, solange es noch frische Batterien gab. Durch den Generator gibt es "Tok, Tok, Tok"-Strom und frisches, grelles Licht. Ruth hatte die Deckenlampe einfach abends angelassen. Machte ja nichts, ohne Generator war es ja schön dunkel. Aber jetzt? Fluchend erlischt die Glühbirne. Der Hund hat es gemerkt, er will wieder raus. Zeit für den Tag zu begrüßen.

Die Sterne über mir, die Schweine unter mir

Rustikaler als auf Alpenhütten, von den guten Pensionen in Südtirol gar nicht zu reden. Kein Strom, keine Dusche, dafür Schweine im Untergeschoss, ringsum Strohballen und ein Erlebnis nicht nur für die Jüngsten. Nur mein Johann schlief wie ein Murmel. Siebzehn Jahre sind zuviel für die Angst vor der Nacht und zuwenig, um bei jedem Geräusch hochzuschrecken. Eine Wanderung als Begegnungsstätte der Generationen. Was tun, lautet die Frage vor dem Urlaub, wenn die Kinder an Jahren zunehmen, die Themen aber geringer werden. Geteiltes Leid schafft Gemeinsamkeiten, hieß die Idee, eine Bergwanderung die Lösung. Heute Nacht litt von uns offensichtlich nur einer, ich.

Sagenhaftes Essen

Gestern waren wir im Gasthof "Edelweiß" aufgebrochen. Langsam und seicht zieht sich der Weg von Jenesien den Salten entlang. Riesige Lärchenwälder rahmen den Weg ein, ein endloser Hain. Der Weg vergeht trotz der Blasen an den Füßen unbeschwert. Das Gepäck trägt ja die "Oma". Oma ist eine zwanzig Jahre alte Haflingerlady, unser Begleiter Andre hat sie in letzter Minute dem Pferdemetzger weggekauft. Dabei blieb der angestammte Haflingername auf der Schlachtbank, nun heißt sie "Oma". Das ausflugs- und wanderererprobte Tier besitzt einen eigenen Kopf. Andre hat seine Not die Dame auf Kurs zu halten. Bei jeder Gelegenheit versucht sie kleine Weidepausen herauszuschinden. Immer drückt der4 Hunger, wir Menschen sind wohl genährt auf die Reise über den Salten aufgebrochen. Im Gasthof "Edelweiß" gab es vorher "sagenhafte" Gerichte in sagengerechten Portionen. Ewald Höller, gewichtiger Hausherr und Meisterkoch hat die Märchen und Zauberwelt des Salten ins seinem Kochtopf lebendig gemacht. Das macht nicht nur den Kindern Freude. An die untergegangene Stadt auf dem Berg, die wegen ihrer Sünden im Erdboden versank, erinnert ein Maisbrei, überzogen mit Blauschimmelkäse. Etwas für erwachsene Genießer. Aus der Belagerung der Feste Greifenstein durch Herzog Friedrich mit der leeren Tasche blieben die "Schweinsrippen vom Sauschloss". Das richtige Rezept für meinen Nachwuchs. Gute Küche ist die richtige Basis für eine moderate Anstrengung.

Beschwerdefreies Wandern

Von den Leckereien hatte Oma nichts, trotzdem muss sie das Gepäck für drei Kinder, die Gitarre und die Decken transportieren. Wir hängen das ganze Zeug an den Reitsattel, aber man kann auch Tiere mit Lasttragen mieten. Über die Sicherheit muss sich kein menschlicher Kopf Gedanken machen. Solange es keine Kletterpassagen gibt, wird das Pferd stets sicherer den Huf setzen als der Mensch seinen Fuß. Zwischen den hellen Wiesen und den lichten Lärchen fliegt plötzlich ein Drache hervor, "Oma" bleibt unbeeindruckt, ein Stück weiter liegt ein Wanderer benommen hinter einem Baum. Die Kinder staunen, am helllichten Tag schläft er auf der Wiese. Der Geselle ist Teil eines Sagenprojektes, das Kinder der Schule hier auf den Wanderrouten nach den uralten Erzählungen der Region gestaltet haben. Den Knecht, der nach einer lustvollen Nacht mit den Hexen des Sarntales, betrunken im Dunghaufen wieder erwachte, kennt vor allem die Bergwacht. So realistisch schläft der Bursch seinen Rausch aus, dass immer wieder Wanderer die Retter per Handy wegen des "Schwerverletzten" mobilisieren.

Remmidemmi am Lift

Am nächsten Morgen geht es ohne Pferd und Begleiter weiter von Möltner Kaser zu zweit hoch zu den stoarneren Mandeln. Ihren traumhaften Rundblick über das Sarntal und die Dolomiten teilen. Ich spüre die Hitze, Johann stampft wie ein Roboter, der Tag mit den Kindern hat die Laune gehoben. Mitten ins Gebiet von "Meran 2000". Das Skigebiet hat der Landschaft seine Spuren aufgedrückt, auch im Sommer zeugt lautstarke Gaudi-Musik vom Zirkus des Winters. Immerhin live gebrüllt. Aber dafür entschädigt die Seilbahn, die direkt nach Meran herabführt. In den Zeiten der modernen Beförderungsmaschinen wirken Bahn und Kabinenbegleiter wie aus dem Museum, die Sessel der Maschinisten sind vor Jahrzehnten schon zusammen gebrochen, ersetzt durch Hotelgestühl aus den Siebziger Jahren.

Heiß war es, staubig war, aber die Belohnung kommt am Ende des Tages im Hotel Aurora. Mit dem Wort "Design" schmücken sich viele Hotels, aber hier auf der eigenen Terrasse mit dem Blick auf die Promenade lebt es sich wie im Sissy-Land. Zeitgemäß mit riesigen Spiegelobjekten an den Wänden. Poppige Metallschränke und LCD-Fernseher an der Decke bringen mit ihrem unbekümmerten "Austin-Power"-Flair den relaxten Ausgleich zu dem rustikalen Bett der letzten Nacht. Hard-Core-Wanderer lieben den Urlaub mit einer Unterhose, Familiensofties wie ich ziehen die Abwechslung von Hütten und Komfort vor. Johann braucht man nicht zu fragen, Musikvideos über dem Doppelbett, ganz wie bei P.Diddy daheim. Jeden Tag eine neue Entbehrung, eine größere Anstrengung? Damit lassen sich nur Sportler ködern. Kurzer Wellnessstop, so macht man eine mehrtägige Wanderung beliebt. Luxuriöse Zimmer, die edlen Weine der Region und einen abendlichen Bummel genießt man besonders, wenn einen die Schweine aus dem Stall am Abend zuvor in den Schlaf gegrunzt haben.

Die Weite der Alm

Am nächsten Morgen geht es weiter. Wer für einen Tag auf die Seiser Alm will, muss ein Frühaufsteher sein. Zwischen 9 Uhr und 15:00 Uhr ist die Auffahrt für den privaten Verkehr gesperrt, Ausnahmen gibt es nur für Übernachtungsgäste auf der An- bzw. Abreise. Sonst führt die Seilbahn herauf, für vier Personen zum Kaffeetrinken ein stattliches Eintrittsgeld. Satt und grün scheinen dort oben dann die Wiesen und so hell. Löwenzähne leuchten in der Luft. Zu grün, zu bunt, das Werk der Gülle aus dem Tal. Damit das Gras in der Höhe kniehoch steht und zweimal gemäht werden kann. Die alten Blumen gehen auf den weiten Weideflächen kaputt. Schön wird es ein Stück weiter, dort, wo die Hänge so steil ragen und die Lagen so steinig sind, dass Maschinen keinen Weg finden. Dort wo keine Gülle mehr ist und kein Neubau. Hier droben hat man vor einigen Jahren alle Wege asphaltiert, da war das Geld von der EU plötzlich da. "Es staubt halt nicht mehr, aber aussehen, nein, das tut es nicht", sagt unser Führer Robert Egger. Ging es nach Robert, wollte er die Moderne ins Unterirdische abschieben, in das Stollenreich der Zwerge. Autos hinter einem Lokal? "A Schand, wie schaut das aus?" Das muss eine Tiefgarage muss her. Nach den Satellitenschüsseln neben den Hütten wage ich nicht zu fragen.

Den Berg zwingen

Langsam schlängelt sich der Pfad hinüber. Die breiten Wege für Massen und Maschinen um den Ort Compatsch sind verschwunden. So idyllisch im Sommer, doch im Winter wollte eine Frau hier hinüber, eine Marathon-Läuferin. "Hat sich was zugetraut." Nach dem geräumten Pfad hinter der Mahlknecht Hütte watete sie durch den tiefen Schnee. Am verschneiten Bach hat man sie gefunden, in letzter Minute, schon mehr in einer anderen Welt als in dieser. Vielleicht dreitausend Meter konnte die starke Frau bezwingen, beide Schuhe im Tiefschnee verloren, sich dann zum Sterben in die Bachmulde gekauert. "Ein Wahnsinn, dreht nicht um, geht weiter bis sie nicht mehr kann." Robert schüttelt den Kopf, Johann watet betroffen durch den Bach, dass die Bergwelt auch anders kann, war ihm noch nicht klar.

Nichts war es wert

So schlimm wie im Winter ist unser Pfad heute nicht. Auf der Höhe wird eine alte Hütte wieder aufgerichtet. Traditionell aus großen Balken. In den Fünfzigern und auch in den Sechzigern, das war das alles hier oben nichts Wert. Ein Dreck war es. Hundearbeit und keinen Ertrag. Almen sind gekauft worden und wieder abgegeben worden. Vier, fünf Mal, keiner wurde glücklich damit. Als diese Hütte das erste Mal errichtet wurde, sind dem alten Bauern zwei Ochsen krepiert. Mit vieren war er hinauf, das Holz zu ziehen, nachts war es dann kalt geworden, das hat sich zweien auf die Lunge gelegt und hin waren sie. Heute wurden die achtzehn Meter langen Balken von allradbetriebenen LKW hinaufgeschafft. Zu unserem Nachtlager haben wir es noch ein Stück, nicht steil aber lang zieht sich der Weg über die Höhe hin.

Begegnung mit dem Totemtier

Plötzlich schaut ein Murmel unter einem Stein direkt am Weg hervor. Neugier und Vorsicht halten sich die Waage, als die Schritte unmittelbar vor dem Bau aufsetzen, zieht es sich rückwärts zurück. Später streift ein zweites neben dem Pfad, der mollige, schwere Körper wiegt auf und ab, mühelos übertrifft der gemütliche Bergbewohner unser Tempo. Sonst so unzugänglich lässt sich Johann die Sagen des Volkes der Fanes erzählen. Das Reich, das untergehen musste, nachdem die Könige das uralte Schutzbündnis mit den Murmeltieren aufgeben und verlacht hatten. Ich bin nicht der einzige Wanderer der die Sage kennt. Weit oben liegen weiße Steine in Form der alten Schutzzeichnungen von ethnologisch interessierten Wanderern zusammengetragen.

Gut und reichlich

Als wir endlich zur Tierser Alp kommen, verlässt eine Gruppe das Haus, die an handgreiflicheren Genüssen Interesse gefunden haben. Ein Tagwerk wurde begossen. Männer wie Bären, Bäuche, dass die Gürtel platzen und Arme wie anderer Leute Oberschenkel. Raus aus dem Schankraum, stier den Blick auf die Geländewagen gerichtet. Zwei Kolosse stampfen grußlos vorbei, der dritte muss den vierten schon mehr tragen als stützen. Die Polizei in Italien ist streng, aber hier droben gibt es keine Kontrolle. In einer Wolke aus schwarzem Russ startet der Mitsubishi - Bauerndiesel und dann Vollgas. In der Hütte wird gegessen, früh und reichlich. Die Portionen sind kaum zu schaffen. Wenigstens von mir, Johann hat kein Problem damit. Wie die schartigen Grate rundum türmen sich die Bratkartoffeln neben dem gekochten Rindfleisch. Hütteromantik ist schön, ich bin aber dennoch froh nachts im Vierer-Zimmer die Augen zu schließen. In der Saison haben bis zu 90 Gäste nachts Platz, da wird es eng auf dem Schlafboden und kernig riechen tut es auch. Die einen wollen schlafen, die anderen feiern. Wem das zuviel der Bergkameradschaft ist, tut gut daran, andere Räumlichkeiten vorher zu reservieren. Ohne viele Worte schläft der Junge ein. Erschöpft und zufrieden. Viel gesprochen haben wir nicht, wozu auch?

Morgen wird es weiter gehen. Zum Santner hinauf, zum Schlernhaus und dann hinab über den alten Viehweg. Am Abend dann gemütlich in Bozen, der Stadt mit den alten Laubengängen und den guten Speisen. Langsam schlafe ich ein, im Hüttenbett. Erschöpft und zufrieden.

Gernot Kramper

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