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Boxen: Boxing Day - Aufstieg und Fall des Kelly Pavlik

Kelly Pavlik war Doppelweltmeister im Mittelgewicht und galt als einer der Superstars des Boxsports. Eine erneute Kampfabsage lässt viele Fragen über den ehemaligen Stern am Boxhimmel aufkommen. Wir haben den Aufstieg und Fall von "The Ghost" nachgezeichnet.

Er war ganz oben - Doppelweltmeister im Mittelgewicht, einer der Top-Pay-Per-View-Seller und gefeierter Superstar in den USA. Jetzt ist er ganz unten angekommen - Niederlagen, Alkoholprobleme und kurzfristige Kampfabsagen. "The Ghost" Kelly Pavlik ist das aktuellste Beispiel für die traurige Tradition großer Box-Stars, die an sich selber und dem Druck von außen scheitern.

Eine Kampfansage, viele Spekulationen

Die Nachricht schlug in der vergangenen Woche in den USA ein wie ein rechter Haken von Mike Tyson: Kelly Pavlik, Ex-Weltmeister im Mittelgewicht und auf dem besten Weg zu einem Mega-Fight gegen IBF Super Mittelgewichts-Champion Lucian Bute, ließ einen für das vergangene Wochenende geplanten einfachen Aufbaukampf gegen den bislang eher unbekannten Darryl Cunningham platzen. Nun sind Kampfabsagen - auch kurzfristige - im Boxen mit Sicherheit nichts Neues und nichts Ungewöhnliches. Warum also das große mediale Echo und die vielen Spekulationen?

Der Grund liegt in Pavliks bewegter Vergangenheit. Im Star-Ruhm überschritt der "Geist" Grenzen, feierte sich selber und sein Leben und trank mit Freunden, bis aus der lustigen Gewohnheit ein ernstes Suchtproblem wurde. Auch wenn es ihm - wie wahrscheinlich den allermeisten Alkoholikern - sehr schwer fiel, sein Problem zu akzeptieren, sagte er gegenüber der Sports Illustrated Anfang dieses Jahres: "Wenn man nach der Definition der Suchtberatung geht, dann stimmt es, dann bin ich Alkoholiker."

"Besorg dem Jungen einen Drink"

Die Probleme begannen, als der damals ungeschlagene Pavlik mit spektakulären Siegen über Edison Miranda (Mai 2007) sowie zweimal über Jermain Taylor (September 2007 und Februar 2008) zum absoluten Superstar und Publikumsliebling in den USA aufgestiegen war. Die zum damaligen Zeitpunkt amtierenden deutschen Mittelgewichts-Weltmeister Artur Abraham und Felix Sturm träumten von großen Vereinigungskämpfen, hatten aber auch Respekt vor dem "Geist", der wegen seiner Schnelligkeit und Schlagfrequenz als nahezu unbezwingbar galt.

Pavlik war mit einem Schlag berühmt und das Aushängeschild seiner Heimatstadt Youngstown im US-Bundesstaat Ohio. Jeder der 60.000 Einwohner kannte den Box-Weltmeister und da es im eher tristen mittleren Westen der USA kaum andere Möglichkeiten zu geben scheint, demonstrierten die Fans ihre Zuneigung vor allem, indem sie Kelly in den Bars der Stadt zu Drinks einluden. "Immer wenn er irgendwo in einen Laden gekommen ist, war das Erste, was die Leute gerufen haben: ‚Hey, besorg dem Jungen einen Drink!' Es war einfach nur verrückt", beschrieb Pavliks Vater Mike diese Zeit gegenüber Sports Illustrated.

Der Teufelskreis

Dass aus dem fröhlichen Feier-Spaß mit der Zeit eine ernsthafte Sucht wurde, schreibt Pavlik auch seinem eher zurückgezogenen Charakter zu. Als er gesundheitliche Probleme hatte und deswegen unter anderem einen lukrativen Kampf gegen Paul Williams absagen musste, fraß er den Frust in sich hinein und griff immer wieder zur Flasche. "Ich bin kein großer Redner", sagt Pavlik über sich selbst. "Wenn mich etwas stört, spreche ich nicht mit anderen Menschen darüber. Stattdessen ist das Trinken zu einem Ventil für mich geworden."

So steuerte Pavlik auf direktem Weg in einen Teufelskreis. Mit dem höheren Alkoholkonsum kamen auch sportliche Niederlagen, auf die der Amerikaner wiederum mit dem Griff zur Flasche reagierte. Gegen Altmeister Bernard Hopkins war er in einem Nicht-Titelkampf im Oktober 2008 ebenso chancenlos wie im April 2010 gegen den Argentinier Sergio Martinez, der Pavlik seine WM-Gürtel der Verbände WBC und WBO abnahm. Inzwischen kann der Geist niemanden mehr erschrecken.

Neuanfang gescheitert?

Erst nach der Niederlage gegen Martinez zogen Pavlik und seine Familie die Reißleine. Der Ex-Champion legte eine Zwangspause ein und begab sich in den Alkoholentzug. In diesem Jahr wollte und sollte der 29-Jährige wieder neu angreifen, im Super Mittelgewicht noch einmal ganz von vorne anfangen. Manager Cameron Dunkin und Promoter Top Rank hatten einen klaren Plan, um den Ex-Weltmeister wieder ganz an die Spitze zu bringen.

Nach einem ersten Comeback-Kampf im Mai gegen Alfonso Lopez, den Pavlik zwar knapp gewinnen konnte, in dem er aber alles andere als gut aussah, sollte sich der Geist am vergangenen Wochenende gegen Darryl Cunningham gezielt auf einen WM-Kampf gegen Lucian Bute im Herbst vorbereiten. "Wir hatten einen genauen Plan, den wir gemeinsam mit Pavliks Team ausgearbeitet hatten", sagte Top Rank Vorstand Todd DuBoeuf in der vergangenen Wochenende gegenüber ESPN-Boxexperte Dan Rafael. "Wir haben unser Bestes gegeben, um uns an diesen Plan zu halten, aber Kelly hat sich jetzt wohl doch anders entschieden. Das ist sehr bedauerlich, aber wir können es nicht ändern."

Zu wenig Geld oder wieder persönliche Probleme?

Der Kampf gegen Cunningham galt als optimale Vorbereitung auf das große WM-Duell gegen Bute, weil Cunningham genau wie Bute Rechtsausleger gewesen wäre. Doch genau daran könnte der Kampf auch gescheitert sein. Nach Informationen von espn.com sollte Pavlik für sein Duell mit Cunningham eine Kampfbörse in Höhe von 50.000 Dollar erhalten, nicht gerade viel für jemanden, der von seinen WM-Kämpfen Millionen-Gagen gewohnt ist. Gegenüber des regionalen Fernsehsenders WFMJ-TV sagte Pavlik, dass es sich bei der Absage um eine rein "wirtschaftliche Entscheidung" gehandelt habe. "Ich werde nicht für Peanuts gegen einen Rechtsausleger boxen", wird der Geist zitiert.

Wenn Pavlik den Kampf tatsächlich nur abgesagt hat, weil er mit der Kampfbörse nicht einverstanden war, wäre dies ein zwar unerfreulicher aber doch im Profi-Boxen normaler Vorgang. Doch aufgrund seiner Probleme wird beim Ex-Weltmeister aus Youngstown immer ein anderer Maßstab angesetzt und eine Frage mehr gestellt. "Darüber haben wir zwar nicht gesprochen, aber es ist natürlich auch das Erste, woran ich gedacht habe", sagte Todd DuBoeuf auf Dan Rafaels Frage, ob eventuell Pavliks Alkoholsucht Einfluss auf die Entscheidung gehabt haben könnte. 

"Mein erster Gedanke war, dass ich hoffe, dass es ihm gesundheitlich gut geht. Wir wissen, dass wir mit Kelly besonders vorsichtig umgehen müssen und arbeiten deswegen sehr eng mit ihm und seinem Team zusammen. Aber sein Verhalten in diesem Fall ist irritierend und unprofessionell. Mit so einer kurzfristigen Absage verprellt er unseren TV-Partner Showtime, seine Fans, unsere Partner vor Ort und mein gesamtes Team, also alle Menschen, die hart für die Veranstaltung gearbeitet haben."

Von einem Teufelskreis zum nächsten

Und so scheint Kelly Pavlik von einem Teufelskreis direkt in den nächsten zu rutschen. Als er trank, Kämpfe verlor und daraufhin immer mehr trank, blieb ihm der Entzug. Wenn er jetzt nicht mehr trinkt, wird trotzdem jeder Schritt und jede Entscheidung von ihm genauer beobachtet als bei anderen. Und immer wird die Frage auftauchen: Wird er nicht vielleicht doch rückfällig? Wir können nur für Kelly Pavlik hoffen, dass er diesem Druck standhält und nicht wieder in alte Verhaltensmuster rutscht. Dem Boxsport würde ein gesunder und fitter Kelly Pavlik in jedem Fall gut tun.

"Es wird den Bute-Kampf nicht geben", sagte Pavlik gegenüber WFMJ-TV und beendete damit Spekulationen, ob das Highlight im Herbst eventuell doch noch zu retten wäre. Wie es mit dem Mann aus Youngstown weiter geht, steht noch in den Sternen. Der Aufstieg und Fall eines Boxers, diese Geschichte gab es schon oft. Kann der Geist, ob seiner Dämonen auch die Geschichte des Phönix aus der Asche inszenieren? Die kommenden Wochen werden es zeigen.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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