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Boxen Boxing Day - Nachbetrachtung von Cunningham vs. Hernandez

Auf Cunninghams Hosenbund wurde auf die Bibel vewiesen (Romans 8:31). Sinngemäß steht dort geschrieben: "Wenn Gott auf unserer Seite ist, wer kann dann noch gegen uns sein?" Der Ringarzt, der Ringrichter und die Punktrichter war die Antwort aus Deutschland an den Amerikaner. Hier die Exegese des Boxwochenendes.

Steve Cunningham verlor umstritten seinen Weltmeistertitel gegen Yoan Pablo Hernandez. Wir haben uns den Kampf des Wochenendes und die Reaktionen darauf angeschaut und werfen auch einen Blick über den Teich, wo Sergio Martinez gegen Darren Barker gewinnen konnte.

Cunningham vs. Hernandez

Am Samstagabend standen sich im Jahnsportforum in Neubrandenburg der IBF-Weltmeister im Cruisergewicht Steve Cunningham und der WBA-Interims-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez gegenüber. Auf seinem Hosenbund verwies Cunningham auf ein Bibel-Zitat: "Romans 8:31" stand dort. Der zugehörige Text aus der heiligen Schrift lautet sinngemäß "Wenn Gott auf unserer Seite ist, wer kann dann noch gegen uns sein?" Die nicht blasphemisch gemeinte Antwort an diesem Abend in Neubrandenburg muss wohl lauten: Ringarzt, Ring- und Punktrichter.

Denn denen hatte Cunningham die Niederlage gegen Hernandez in erster Linie zu verdanken. Der Kubaner selber startete zwar stark und hatte "USS" Cunningham nach einem krachenden linken Haken in der ersten Runde am Rande des K.O.s, verpasste es dann jedoch nachzusetzen und für die vorzeitige Entscheidung zu sorgen. Dass sich der Amerikaner überhaupt von dem schweren Niederschlag erholte war erstaunlich genug. Wie er in den folgenden Runden den Kampf übernahm und dominierte zeigt die absolute Weltklasse des 35-Jährigen.

Hochklassiges Duell, schwaches Ende

Es entwickelte sich ein hochklassiges WM-Duell, das leider nicht durch die Fäuste im Ring sondern durch das Kampfgericht entschieden wurde. Nachdem Cunningham zwei Mal heftig mit den Kopf in den Gegner gegangen war, bildeten sich infolge dessen tiefe Cuts bei Hernandez und so empfahl Ringrichter Prof. Walter Wagner nach der sechsten Runde den Abbruch und die technische Punktentscheidung. Der britische Ringrichter Mickie Vann entsprach der Empfehlung und so wurden die Punktzettel ausgewertet, nach denen Hernandez zum Sieger durch Mehrheits-Entscheid erklärt wurde.

Während ein Punktrichter Cunningham vorne sah, führte Hernandez auf den anderen beiden Scorecards. Der Amerikaner war - verständlicherweise - sichtlich unzufrieden sowohl mit der Entscheidung, den Kampf an dieser Stelle abzubrechen, als auch mit der Wertung der Punktrichter. Auch Yoan Pablo Hernandez schien den Kampf eigentlich gerne fortsetzen zu wollen. Für alle Fans ist es schade, dass der tolle Kampf so früh beendet wurde. Ein bitterer Beigeschmack bleibt, weil Cunningham immer stärker zu werden schien, während Hernandez dem tollen Niederschlag aus der ersten Runde nicht viele klare Treffer folgen ließ.

Ringarzt verblüfft mit seinen Aussagen

Die Aussagen von Ringarzt Prof. Wagner nach dem Kampf tragen auch nicht unbedingt dazu bei das Urteil in besserem Licht erscheinen zu lassen. "Der Ringrichter hätte nach dem Niederschlag bis 20 zählen können, da muss der Kampf eigentlich schon zu Ende sein. Und er hat die Kopfstöße als unabsichtlich gewertet. Insofern kann man wirklich nicht sagen, dass wir hier einen Heim-Referee hatten", gab Wagner bei der ARD zu Protokoll. Warum ein - eigentlich zur Neutralität verpflichteter - Ringarzt auf die Frage nach einer Verletzung und dem darauf folgenden Abbruch die Leistung des Ringrichters bewerten muss, ist eine Frage, die sich Prof. Wagner gefallen lassen muss.

Ebenso hätte der Kollege der ARD nachfragen können, ob Wagners Bewertung des gesamten Kampfverlaufs nicht vielleicht sein Urteil und seine Einschätzung der Verletzung beeinflusst hat. Schließlich konnte man sich nach den betreffenden Äußerungen des Eindrucks nicht erwehren, dass Wagner Hernandez als verdienten Sieger des Abends sah. Diese Meinung darf der Ringarzt zwar haben, sie darf aber mit Sicherheit keinen Einfluss auf die Empfehlung haben, den Kampf zu einem Zeitpunkt abzubrechen, zu dem der scheinbar "verdiente Sieger" gerade noch in Führung liegt und einen knappen Punktsieg nach Hause bringen könnte.

Rematch wäre angebracht

Insofern bleiben nach einem großen Kampf einige Fragen offen, die vielleicht in einem Re-Match zu beantworten wären. Dem tapferen Ex-Weltmeister Steve Cunningham wäre eine erneute Chance auf den WM-Titel in jedem Fall zu gönnen. Der US-Amerikaner kam nach dem Niederschlag zurück in den Kampf und bestimmte die Runden drei bis sechs. So hätte das Urteil zumindest Unentschieden lauten müssen - zumal wenn man von einem Weltmeisterbonus ausgeht, den die Promoter in Deutschland immer gerne zu ihren Gunsten bemühen.

Unstrittig dürfte nach diesem Kampf sein, dass die richtig guten Box-Kämpfe in Deutschland meist ohne deutsche Beteiligung stattfinden. Dieser Eindruck wurde durch Ex-Mittelgewichts-Weltmeister Sebastian Sylvester noch verstärkt, der auf derselben Veranstaltung in den Ring stieg. Sylvester, der schon bei seinem Titelverlust gegen den Australier Daniel Geale keinen guten Eindruck hinterlassen hatte, war im Europameisterschafts-Kampf gegen den Polen Grzegor Proska in den ersten drei Runden so chancenlos, dass er das Duell aufgrund einer Cut-Verletzung in der Pause vor dem vierten Durchgang aufgab.

Sylvesters hehres Ziel noch einmal einen WM-Kampf - am liebsten gegen den deutschen Champion Felix Sturm - zu bestreiten, dürfte damit in weite Ferne gerückt sein. Ob der sympathische Mecklenburger, der von seinem Heim-Publikum trotz der Niederlage gefeiert wurde, überhaupt noch einmal zurückkommt werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Zeigen musste sich am Wochenende auch der vermeintlich beste Boxer des letzten Jahres Sergio Martinez.

Boardwalk Hall, Atlantic City
Sergio Martinez (48-2-2) vs. Darren Barker (23-1-0)

KO-Sieg Martinez 11. Runde

Das Duell zwischen Sergio Martinez und dem Briten Darren Barker wurde von vielen Experten im Vorfeld als Missmatch betitelt. Zwar reiste der Europameister im Mittelgewicht ungeschlagen in die USA, Martinez galt aber vor allem dank seiner starken Leistungen gegen Kelly Pavlik, Paul Williams und zuletzt Sergiy Dzindziruk als haushoher Favorit. Doch Barker zeigte einen guten Kampf. Er konnte in der vierten Runde einen Treffer landen, bei dem er Martinez die Nase brach. Der Argentinier, der in Kalifornien lebt, blutete in der Folge stark, und Cutman Russ Anber brauchte bis zur achten Runde, um die Blutung zu stoppen. Barker boxte aus einer guten Deckung und feuerte immer wieder gefährliche rechte Hände ab.

Martinez wirkte zunächst, als habe er den Underdog tatsächlich unterschätzt und eine Überraschung lag in der Luft. "Maravilla“ (das Wunder) hätte beinahe sein blaues Wunder erlebt, denn er fand nicht so recht in den Kampf, wirkte fahrig und arbeitete sich an der Defensive des Briten ab. Doch genau das schien der Plan zu sein. "Das war Teil unserer Taktik“, so Martinez laut espn.com. "Wir wussten, dass wir stärker werden, je länger der Kampf andauert.“ So kam es dann auch. Barker wurde müde und vernachlässigte die Deckung. In der zehnten Runde war er schon kurz vor dem Ende, musste über zwanzig Power Shots über sich ergehen lassen. In der Elften wurde Barker dann von zwei rechten Händen von Martinez gefällt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Martinez eine knappe Führung auf den Punktzetteln erarbeitet (99-91, 97-94, 96-94). "Martinez hatte eine harte Nacht. Er wurde am Anfang aufgemischt und Barker hatte einen wirklich guten Plan. Aber Sergio kam mit einer Menge Power in den Kampf zurück und hat ihn ausgeknockt. Das war ein guter Kampf und das wird helfen, seinen Namen noch größer zu machen. An diesem Kampf war wirklich nichts ein Missmatch“, so der umtriebige Promoter Lou DiBella.

Fazit: Wir sind der Meinung, dass es kein großer Kampf war, aber spannender als erwartet. Im ersten Kampfdrittel sah es so aus, als würde Martinez ein bisschen die Lust und die Motivation fehlen, weil er sich zu sehr auf der sicheren Seite zu wähnen schien. Gegen Mayweather oder Pacquiao würde "Maravilla“ das sicher nicht passieren. Wir hoffen, dass wir Martinez in nicht allzu ferner Zukunft gegen einen der beiden Mega-Stars sehen. Also Daumen drücken!

Michel Massing

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