Boxen Kabbeleien bei Karstadt


Zumindest diese Runde geht an den Herausforderer: Beim offiziellen Wiegen vor dem WM-Kampf im Schwergewicht brachte Tony Thompson drei Kilo mehr auf die Waage als Weltmeister Wladimir Klitschko. Es war das einzig Zählbare bei der Veranstaltung in einem Hamburger Kaufhaus.
Von Iris Hellmuth, Hamburg

Es ist ja nie wirklich geklärt worden, wozu es diese ganzen Menschen im Boxen eigentlich gibt: Diese Wichtig-Herumsteher, Vor-den-Füßen-der-Kämpfer-Läufer, diese Sonnenbrillen- und Knopf-im-Ohr-Träger, aber eines steht ganz sicher fest: Ohne sie geht es nicht. Sogar eine kleine Bühne hatten sie im 3. Stock eines Hamburger Sportkaufhauses aufgebaut, extra für das Wiegen der Kämpfer vor dem großen Fight.

Und da standen sie sich nun gegenseitig auf den Füßen, erst die Entourage des US-Amerikaners Tony Thompson, dann das Camp Klitschko. "Ey! Zur Seite!", brüllten hektisch die Fotografen, als Wladimir auf die Waage stieg. Obwohl auch in dieser Frage bis heute nicht geklärt ist, warum für das Einwiegen von Profiboxern eine alte, sperrige Mechanikwaage verwendet wird und nicht gleich eine mit Digital-Anzeige, die gleichzeitig noch Body-Mass-Index und Körperfett berechnet.

Kühler Champ, lächelnder Herausforderer

Da standen sie also gemeinsam auf der Bühne, schauten sich tief in die Augen, der kühle Champ und sein lächelnder Herausforderer, sechs Kamerateams filmten sie dabei. Schließlich geht es in dem Kampf morgen Abend um nicht weniger als drei Schwergewichtstitel. Klitschko ist Weltmeister der Verbände IBF, IBO und WBO, das letzte Mal, dass ein Schwergewichtsboxer mehr als zwei Titel auf sich vereinigen konnte, war 1999, als Lennox Lewis mit seinem Sieg gegen Evander Holyfield gleich vier Gürtel hielt.

Es gibt noch Restkarten

Nur noch wenige Restkarten seien zu haben, verkündete der Moderator des Wiegens, was nicht weiter schlimm ist, RTL überträgt schließlich live. Nicht jeder hat ja auch Lust, 200 Euro für ein Boxticket zu bezahlen, eine Dauerkarte für den HSV kostet kaum mehr.

Umso schöner, dass das Spektakel im Hamburger Kaufhaus umsonst war, und wofür hätte man auch Eintritt verlangen sollen? Dafür, dass auf einer überfüllten Bühne zwei Männern in Unterhosen ihr aktuelles Gewicht durch das Mikrofon mitgeteilt wurde?

Immerhin tat dies Michael Buffer, die wohl bekannteste Stimme des Boxens, und aus seinem Mund klangen die Angaben weit weniger profan als befürchtet: Tony Thompson: 112,3 Kilogramm, Wladimir Klitschko 109,3 Kilogramm. Wenn morgen sein markantes "Let's get ready to rumble", durch die Arena schallt, dann wird es vielen Fans sicher sehr feierlich zumute.

Der Champ kommt heim

Dabei konnte es einem heute schon heimelig werden. Dutzende Hände schüttelte Wladmir Klitschko nach dem Wiegen, für jeden schien er ein nettes Wort übrig zu haben, "The Champ comes home" lautet schließlich auch der Slogan des Kampfs. Seit acht Jahren hat Wladimir Klitschko nicht mehr in Hamburg gekämpft, auch seinen allerersten Profikampf hat er 1996 hier bestritten, der damals 20-Jährige beendete ihn in der ersten Runde mit einem K.o.

Nun ist Klitschko 32 Jahre alt, hat in Köln, Las Vegas und New York City geboxt, er ist ein Star geworden, der nun wieder heimkehrt, in seine zweite Heimat Hamburg. Wer aus den Hallen des Hauptbahnhofs hinaustritt, blickt auf ein hochhaushohes Porträt der beiden Kontrahenten, und auch die Obdachlosenzeitung "Hinz & Kunzt" trägt Klitschkos Gesicht auf dem Titel. "Man darf hinfallen, aufstehen muss man", sagt er im Interview und hält mit märchenhaft-verklärtem Blick ein Foto seines Idols Max Schmeling in die Kamera.

Die Verkäufer vor der Staatsoper sind jedenfalls schon fast ausverkauft. Aschenputtel wird hier gerade getanzt, noch so eine schöne Geschichte, die Hamburger lieben dieses Stück. "Hoffentlich gewinnt Klitschko morgen, das wäre großartig für unsere Stadt", sagt die "Hinz-und-Kunzt"-Verkäuferin, nur wenige Restexemplare liegen noch in ihrem Wägelchen.

Absurder Vorkampf-Zirkus

In der 3. Etage des Hamburger Sport-Kaufhauses ist der absurde Zirkus der Vor-Kampf-Phase endlich geschafft. Die Stars verlassen die Bühne, die sperrige Waage wird von zwei Mitarbeitern weggehievt. "Ich liebe dich, Klitschko", kreischt eine junge Frau, als er und Thompson Richtung Ausgang schreiten, dicht umringt von einer Herde breitschultriger Männer, von denen einige sehr dringend telefonieren müssen.

Vielleicht war sich die junge Frau aber auch einfach nicht sicher, wen sie da nun vor sich hatte: Wladimir oder Vitali. Doch der Ältere der beiden Brüder hatte an der großen Einwiegeshow gar nicht teilgenommen. Er weiß schließlich am besten, wann es ernst wird: morgen Abend, am Ring, in der Ecke seines Bruders.

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