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Bürgerentscheid in Garmisch: Ja zu Olympia, nein zur Euphorie

Die Bürger in Garmisch-Partenkirchen wollen, dass die Münchner Olympiabewerbung weitergeht. Allerdings haben sich die Befürworter nur knapp durchgesetzt – die Erfolgschancen auf die Spiele 2018 sind weiter gesunken.

Von Sebastian Kemnitzer, Garmisch-Partenkirchen

Muttertag in Garmisch-Partenkirchen geht so: An fast jedem Gartenzaun im Alpenort hangen Lebkuchenherzen, auf denen groß steht: "Ich bin dabei am 8. Mai. Meine Stimme für Olympia." Einziger Nachteil: Die Herzen waren nicht zum Verspeisen, sondern aus Pappe. Sie zeigen aber, wie elektrisiert der Ort mit seinen 26.000 Einwohnern ist – elektrisiert vom Thema Olympia. Die eine Hälfte ist dafür, die andere dagegen, ein Keil zieht sich durch Garmisch, die Stimmung ist vergiftet: Beleidigungen, Geschäftsboykotte, sogar Morddrohungen gab es die vergangenen Wochen. Alle im Ort sehnten die Abstimmung über die Olympiabewerbung am Muttertag herbei.

Um 20.36 Uhr war dann klar: Die Olympiabefürworter, die Olympiabewerbungsgesellschaft, sie können aufatmen. Bei beiden Bürgerbegehren erreichten sie eine Mehrheit. Ihr eigenes Begehren, das lediglich fragte, ob die Bewerbung fortgeführt werden soll, erreichte 58.1 Prozent der Stimmen. Knapper sah es beim zweiten Begehren aus: Hier hatten die Gegner gefragt, ob die Gemeinde die Olympiaverträge prüfen soll – eine andere Fragestellung war rechtlich nicht mehr möglich gewesen. Bei diesem Bürgerbegehren sah es lange nach einem Patt aus – zum Schluss stimmten 50,59 Prozent der Wähler im Sinne der Olympiabewerbung. Gerade einmal 131 Stimmen Mehrheit bei 11.183 Wählern.

Greifbare Nervosität

Zuvor war die Nervosität im Ort direkt greifbar gewesen. Keiner wagte eine Vorhersage, wie der Bürgerentscheid ausgeht. Der ehemalige Skifahrer Christian Neureuther hatte es unter der Woche auf den Punkt gebracht: "Wir müssen bis zum Schluss kämpfen. Entweder feiern wir oder wir trauern - eine Niederlage wäre das Aus für Olympia", sagte er stern.de. Alles war also möglich, sogar ein olympisches Fiasko sieben Jahre vor Olympia und damit eine Blamage.

Etliche Fernsehteams, sogar ausländische Journalisten, waren deshalb Punkt 18 Uhr im Garmischer Rathaus und starrten mehr als zwei Stunden auf die aufgebauten Bildschirme. Die Olympiaplaner zitterten im Verborgenen, erst nach dem Endergebnis zeigten sie sich: "Mit dieser klarer Mehrheit im Rücken spüren wir einen Rückenwind für Durban", sagte Bewerbungschef Bernhard Schwank nach der Abstimmung stern.de. In Durban entscheidet am 6. Juli das IOC, wo 2018 die Olympischen Winterspiele stattfinden. Als Favorit gilt Pyeonchang in Südkorea, Annecy in Frankreich hat dagegen quasi keine Chancen mehr. Und München?

Nur noch Außenseiterchancen

Internationale Beobachter räumen München nur noch Außenseiterchancen ein. Die fehlende Euphorie vor Ort sei ein Problem, insbesondere, dass sich auch die Jugend nicht für die Spiele begeistere. Bei einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks im Winter sprach sich die Mehrheit der jungen Menschen in Bayern gegen Olympia aus. Schon vor knapp einem Jahr bemängelten die IOC-Prüfer die mangelnde Begeisterung und Euphorie für Olympia im Bundesland. Pyeonchang erzielt bei Umfragen immer Ergebnisse jenseits der 90 Prozent, die Münchner Bewerbung erreichte bei der jüngsten offiziellen Olympia-Umfrage lediglich 61 Prozent, nach olympischen Maßstäben ein katastrophaler Wert.

Die 58 Prozent in Garmisch-Partenkirchen sorgen da nicht wirklich für Rückenwind, die Olympiaplaner machten eher gute Miene zum bösen Spiel. Die nächsten Wochen wollen sie mit Strahlefrau Kati Witt noch einmal alles probieren, trotz dieses Handicaps für die Sensation zu sorgen und die Spiele nach Deutschland zu holen. "Ich kämpfe bis zur letzten Sekunde für die Münchner Bewerbung", sagte Witt stern.de. In Garmisch-Partenkirchen war sie nicht vor Ort. Da flog sie "schon wieder durch die Gegend".

Die Folgen des Entscheids

Was bleibt vom Bürgerentscheid? Die Gegner wissen, dass sie die Olympiabewerbung nicht mehr stoppen können und setzen auf die Entscheidung in Durban. Die Olympiaplaner verspüren offiziell Rückenwind, wirken aber doch etwas angeschlagen. Die Bürger in Garmisch-Partenkirchen sind froh, dass der Olympiaterror erst einmal ein Ende hat. Trotzdem hofft die eine Seite weiter auf den Zuschlag, die andere Seite im Ort hofft auf Olympische Spiele in Pyeongchang. Und ein paar Leute spielen für die Bewerbung immer noch eine entscheidende Rolle, da sie Grundstücke besitzen, die in den offiziellen Bewerbungsunterlagen auftauchen.

Darauf angesprochen sagte der Garmischer Bürgermeister Thomas Schmid. "Wir nehmen jetzt die Gespräche wieder auf. Das klare Votum des Bürgerentscheids ist ein Signal." Von Garmisch geht zwar am Muttertag ein schwaches Signal für die Spiele aus – Euphorie schaffen lediglich ein paar Papp-Herzen.

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  • Sebastian Kemnitzer