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Caster Semenya: Weltmeisterin soll ein Zwitter sein

Einem Bericht der australischen Zeitung "Daily Telegraph" zufolge ist die südafrikanische Leichtathletin Caster Semenya ein Zwitter. Das habe ein Geschlechts-Test bei der 18-Jährigen ergeben. Semenya war bei der WM in Berlin durch Weltklasse-Zeiten und ihr männliches Erscheinungsbild aufgefallen.

Die südafrikanische 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya ist laut einem Bericht der australischen Zeitung "Daily Telegraph" ein Zwitter. Bei einem Geschlechts-Test habe die 18-Jährige ein dreifach höheres Testosteron-Niveau als bei Frauen üblich aufgewiesen, schreibt das Blatt am Freitag unter Berufung auf Quellen, die über die Untersuchung gut informiert sein sollen. Sie habe innenliegende Hoden statt Eierstöcke und keine Gebärmutter, berichtete der "Daily Telegraph" unter Berufung auf seinen Informanten.

Der Fall Caster Semenya wird unterdessen zur Tragödie für die Athletin und zu einer der größten sportpolitischen Krisen seit Jahren. Südafrikas Sportminister Makhenkesi Stofile reagierte auf internationale Medienberichte, die 18-Jährige sei ein Zwitter, drastisch. "Wir sind geschockt und empört über die um die Welt laufenden sogenannten Resultate des Geschlechts-Tests der IAAF", erklärte er am Freitag auf einer Pressekonferenz in Pretoria. Sollte der Leichtathletik-Weltverband IAAF versuchen, Semenya von internationalen Wettkämpfen auszuschließen, führe dies zu einem "dritten Weltkrieg".

"Das wird alles auf dem Rücken eines Menschen ausgetragen", sagte IAAF-Councilmitglied Helmut Digel auf dpa-Anfrage. "Das ist ein Problem aller Sportarten, wie wir mit dem dritten Geschlecht umgehen." Im Regelwerk gebe es dazu keine Bestimmungen. Der Tübinger Sportsoziologe betonte aber, dass der IAAF noch keine schriftlichen Ergebnisse des Geschlechts-Test vorliegen.

Die wegen des Umgangs mit dem Test in die Kritik geratene IAAF reagierte am Freitag offiziell nur mit einer siebenzeiligen Erklärung auf den Medienbericht. Darin wurde nur bestätigt, dass die Ergebnisse des Geschlechts-Tests zunächst von einer Gruppe medizinischer Experten geprüft werde. Eine Entscheidung im Fall Semenya wird die IAAF aber frühestens auf ihrer Counciltagung am 20./21. November in Monaco bekanntgeben. Vor Abschluss der Untersuchungen werde es keine Stellungnahme mehr geben. Den Test hatte die IAAF in einer deutschen Klinik in Auftrag gegeben und von Anfang an darauf verwiesen, dass sie den Fall aufgrund der besonderen Sensibilität sehr sorgfältig prüfen und erst dann an die Öffentlichkeit gehen werde.

"Es gibt dann einen dritten Weltkrieg"

Sportminister Stofile beschuldigte die IAAF, die Menschenrechte zu verletzen und teilte mit, dass Rechtsanwälte mit dem Fall betraut wurden. "Weder Caster noch ihre Familie hat diese Demütigung verdient. Keiner von ihnen hat etwas Falsches getan", sagte Stofile, für den das Test-Ergebnis unerheblich ist "Was spielt das für eine Rolle? Es geht nicht darum, ob sie ein Hermaphrodit ist oder nicht. Sie ist ein Mädchen." Falls die IAAF entscheiden sollte, dass Semenya nicht mehr bei Frauen-Rennen starten dürfe, hätte dies Folgen. Stofile: "Ich denke, es gibt dann einen dritten Weltkrieg."

Caster hatte das 800-Meter-Finale am 19. August im Berliner Olympiastadion mit einem sensationellen Vorsprung gewonnen. Sie siegte in der Weltjahresbestzeit von 1:55,45 Minuten vor Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei aus Kenia (1:57,90) und Jennifer Meadows aus Großbritannien (1:57,93). Aufgrund ihrer männlichen Erscheinung waren bereits vor dem Endlauf Zweifel aufgekommen, ob sie eine Frau ist. Die bis dahin unbekannte Südafrikanerin hatte drei Wochen vor der WM die Weltklassezeit von 1:56,72 Minuten gelaufen.

Falls sich bestätigen sollte, dass Semenya tatsächlich ein Zwitter ist, darf es nach Ansicht von Digel keine Konsequenzen geben. "Meines Erachtens kann ihr weder die Medaille noch die Leistung aberkannt werden." Sie sei von den äußeren Merkmalen nach der Geburt als weiblich ausgewiesen worden. "Deshalb ist sie auch als Frau angetreten", meinte Digel. Semenyas Vater Jacob reagierte fassungslos auf die Enthüllung. Leute, die behaupteten, seine Tochter sei keine Frau, "sind krank. Sie sind verrückt."

Offenbar hatten Leichtathletik-Funktionäre in Südafrika bei Semenya bereits vor ihrem WM-Start in einer Klinik in Pretoria einen Geschlechts-Test vornehmen lassen. Die Athletin soll damals aber in dem Glauben gelassen worden sein, es habe sich nur um eine Doping- Kontrolle gehandelt. "Die Tests sind ihr nicht vernünftig erklärt worden", sagte ihr Trainer Wilfried Daniels, der nach der WM deswegen seinen Rücktritt erklärte. Südafrikas Leichtathletik-Präsident Leonard Chuene meinte zu den jüngsten Enthüllungen nur: "Die Ergebnisse sind noch nicht im Land, deshalb kann ich nichts kommentieren."

Andreas Schirmer und Ralf Jarkowski/DPA

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