Leichathletik-WM One-Man-Show und ein bisschen Dummheit


Vor allem die Rekorde des Jamaikaners Usain Bolt haben die Leichtathletik-WM von Berlin geprägt. Aber auch deutsche Athleten wie Ariane Friedrich sorgten für magische Momente. Eine nicht nur sportliche Bilanz.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Es sind die magischen Momente, die eine Weltmeisterschaft ausmachen. Jene Momente, an die man sich als Zuschauer immer erinnern wird. Oliver Neuvilles Last-Minute-Treffer gegen Polen bei der Fußball-WM 2006 war so einer. Oder auch Paul Biedermanns Flug durch das Schwimmbecken bei der WM in Rom vor drei Wochen, als er in Weltrekordzeit den besten Schwimmer dieses Planeten, Michael Phelps, deklassierte. Auch die Leichtathletik-WM von Berlin hatte diese mitreißenden Momente - und wird auch deshalb als eine der besten Weltmeisterschaften dieser Sportart in die Geschichte eingehen.

Natürlich sind es in erster Linie die drei faszinierenden und beinahe unheimlich anmutenden Läufe des jamaikanischen Wundersprinters Usain Bolt, die von diesen neun Tagen Berlin in der Erinnerung haften bleiben. Das ganze Gehabe dieses Ausnahmeathleten vor seinen Starts, dazu dieser unwiderstehliche, raumgreifende Laufstil, Usain Bolt ist mit seinen drei Goldmedaillen das Gesicht dieser WM. Die Frage, ob Bolt schneller als die Zeit läuft oder nur schneller als die Doping-Kontrolleure, wird man vielleicht irgendwann beantworten können, momentan gibt es nichts als Spekulationen

Gute deutsche Bilanz

Magisch war sicher auch das prickelnde Duell zwischen Blanca Vlasic und der Deutschen Ariane Friedrich im Hochsprung. Zwei junge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verzauberten das Berliner Olympiastadion für eine Nacht mit großen Gesten und fantastischem Sport. Am Ende sprang sich Ariane Friedrich in die Herzen der Zuschauer. Sie holte zwar "nur" Bronze, aber ihre Freude über Platz drei, ihr respektvoller Umgang mit der Siegerin Blanca Vlasic und ihre Authentizität machten Ariane Friedrich zum deutschen Gesicht dieser WM.

Überhaupt die deutschen Athleten: Man hatte ja vor diesem Heimspiel viel gerätselt über den wahren Zustand der deutschen Leichathletik - zumal nach dem erschütternden Auftritt von Peking 2008, als man mit lediglich einer Bronzemedaille im Gepäck die Heimreise antreten musste. Berlin 2009 hat bewiesen: Die deutsche Leichtathletik ist besser als ihr Ruf. Insgesamt neun Medaillen sammelten die Läufer, Springer und Werfer des DLV. Natürlich stechen die beiden Goldmedaillen von Speerwerferin Steffi Nerius und von Robert Harting im Diskuswerfen ein wenig hervor. Aber die Art und Weise wie beispielsweise die Siebenkämpferin Jennifer Oeser im abschließenden 800-Meter-Lauf nach einem Sturz sich doch noch zu Silber vorkämpfte, verdient ebenfalls Erwähnung. Auch das war so ein magischer Moment dieser WM.

Der tragische Fall der Caster Semenya

In den Worten von Diskusweltmeister Robert Harting schwingt selten etwas Magisches mit - womit wir bei den weniger schönen Momenten dieser Leichathletik-WM angekommen wären. Der ungestüme Poltergeist hat rund um seinen Auftritt jede Menge dumme Sätze über Doping und seinen persönlichen Umgang mit den Opfern von Doping gesagt - und damit für einen handfesten Eklat gesorgt. Harting ist das Sorgenkind des DLV. Er allein hat das ansonsten durchweg positive Erscheinungsbild der deutschen Leichathletik bei dieser WM ein wenig getrübt.

In Sachen Doping brachte die WM von Berlin wenig neuer Erkenntnisse. Damit war auch nicht zu rechnen. Einzig die Kritik, dass Kontrollen in Russland, Jamaika und Afrika Wunschdenken sind, begleitete die Wettkämpfe in Berlin. In der Summe wurden 1000 Tests, darunter 600 Blutproben, analysiert und drei Sportler ertappt.

Die WM hat aber auch einen Fall von besonderer Tragik zu bieten: den von Caster Semenya aus Südafrika. Mit dem 18-jährigen Teenie, besser gesagt mit dessen Würde, wurde ein gefährliches Spiel getrieben. Die Leistungssteigerung, die tiefe Stimme, das Aussehen, alles dubios: Der Weltverband unterzog die Weltmeisterin über 800 Meter einem Geschlechtstest. Statt ihr zuzujubeln, rümpften die Funktionäre ihre Nasen und fragten: Was ist das für ein Wesen? Mann oder Frau? Oder keines von beiden? Die 18-Jährige soll nachweislich ein Zwitter mit der Chromosomen-Kombination XY sein - ein so genannter Hermaphrodit. Mittlerweile wird auf dem Rücken dieses jungen Menschen Politik gemacht. Das ist die eigentliche Tragödie um Caster Semenya - auch so einem Gesicht dieser WM.

Drama um Isinbajewa, Erstaunen über Hooker

Aber zurück zum Sportlichen: Tragisch und doch irgendwie magisch war der Auftritt von Jelena Isinbajewa. Die hoch gewettete russische Stabhochspringerin erlebte in Berlin die bitterste Niederlage ihrer glanzvollen Karriere. Das Glamour-Girl der Leichtathletik-Szene brachte das Kunststück fertig, drei Mal die Höhe zu reißen. Salto nullo nennt man so etwas in der Branche. Höchststrafe. Nach ihrem persönlichen Desaster präsentierte sich Isinbajewa nach einem Tränenschwall jedoch als gereifte Sportlerin. Sie verkroch sich nicht, sondern stellte sich allen kritischen Fragen. So was nennt man Größe in der Niederlage.

Es liegt in der Natur des Sports, dass es immer Stars wie Isinbajewa geben wird, die ihre eigenen Erwartungen, und die des Publikums, nicht erfüllen. Aber es gibt auch Stars, die ihre Ziele übertreffen - mit bloßem Willen. Der australische Stabhochspringer Steven Hooker beeindruckte am vorletzten Tag dieser WM mit einer Willens- und Energieleistung, die die Leichathletik-Welt so wohl noch nicht gesehen hatte. Wegen einer äußerst schmerzhaften Oberschenkelverletzung war der 26-jährige Olympiasieger erst bei 5,85 Meter eingestiegen, scheiterte aber im ersten Versuch. Danach ließ er 5,90 Meter auflegen, die er auf Anhieb meisterte. das bedeutete die Goldmedaille - mit nur einem geglückten Sprung. "Es ist das verrückteste Erlebnis in meinem Leben, ich werde das so schnell nicht vergessen", sagte Hooker, der mit seinem Auftritt für einen der letzten magischen Momente dieser WM in Berlin gesorgt hatte.


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