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Diskus-Hüne Robert Harting im Interview: "Eine dopingfreie Sportszene wird es nie geben"

Robert Harting greift heute Abend nach einer WM-Medaille. Mit gewagten Sprüchen sorgt der Diskus-Werfer für mächtig Zündstoff und stänkert scheinbar unbedacht gegen die Offiziellen seines Verbandes. stern.de hat Harting schon im Vorfeld der Leichtathletik-WM zum Interview getroffen.

Herr Harting, wie fühlen Sie sich und wie ist Ihre WM-Form?
Wir haben sehr viel gearbeitet. Ich habe in den letzten sechs Wochen fast jeden Tag die 95-Prozent-Intensitätsmarke überschritten. Ich bin gut dabei und konkurrenzfähig. Wozu es reichen wird, entscheiden Nuancen und die Tagesform.

Wer ist für Sie Favorit auf den WM-Sieg?
Es ist cool, dass genau ich es nicht bin. Sicherlich macht der Heimbonus für mich ein bisschen was aus, aber mich hat man in dieser Saison schon früh abgeschrieben. Auch Gerd Kanter hat gesagt, dass ich bei der Medaillenvergabe nichts mitzureden haben.

Ärgert Sie das?
Es war nicht sehr respektvoll, aber hat mich noch mal extra motiviert. Vielleicht kann ich ihm das ja bei der WM mehr oder weniger auf den Tisch hauen.

Welche Weite haben Sie sich vorgenommen?
Wenn das Wetter mitspielt, müsste ich eine Bestleistung werfen können.

In einem Interview vor der WM haben sie gesagt, dass sie sich fragen, ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben. Damit haben Sie viel Aufsehen erregt und Kritik geerntet. Bereuen Sie das oder sagen Sie sich: Ich habe eigentlich nur das ausgesprochen, was viele denken?
Letzteres ist definitiv so. Viele trauen sich das nicht. Ich habe das Thema ja nur angeschnitten und könnte noch einiges mehr erzählen. Aber das bringt nichts. Dann gäbe es wieder eine Woche Theater und helfen würde mir das auch nicht.

Hat Sie diese Debatte in der Vorbereitung auf die WM gestört?
Es hat mich schon einen Tag überlegen lassen, inwiefern das jetzt bei den Leuten ankommt, die eigentlich hinter mir stehen und mich unterstützen. Mir war wichtig, dass diese Leute wissen, wie ich das gemeint habe.

Glauben Sie, dass in Berlin trotz der vielen Kontrollen auch gedopt wird?
Wir haben heutzutage Länder dabei, die aus Existenznot an diese Sache geraten und das noch nicht einmal mutwillig machen. Deswegen wird es eine dopingfreie Sportszene nie geben. Das ist einfach so.

Sie sind Berliner. Was bedeutet es Ihnen, in Ihrer Heimatstadt an den Start zu gehen?
Das ist das größte Ereignis, was ich in meiner Karriere bis jetzt erlebe und ich hoffe, es wird auch von der Platzierung her das Beste. Ich freue mich riesig und gehe voll auf Angriff.

Spüren Sie den Druck. Viele sehen Sie ja als große Medaillenhoffnung?
Nein, gar nicht. Das ist komisch. Erst hatte ich ein paar Bedenken, aber so ist es halt. Ich sage Ihnen mal, wie es ist: Wenn du eine Medaille holst, bist du drei Wochen der King. Wenn du keine holst, bist du drei Wochen der Looser. Aber nach drei Wochen ist alles vorbei. Man braucht nur einen mehr oder weniger harten Kern.

Marius Koch
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