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Olympia: Robert und Christoph Harting - Brüder auf Distanz

Sie werfen beide den Diskus. Viel mehr aber haben die Brüder Robert Harting und Christoph Harting nicht gemeinsam. Robert ist der Star, der Vorzeige-Athlet, der in der Öffentlichkeit steht. Christoph ist das genaue Gegenteil. In Rio vollzog sich eine Wachablösung.

Robert Harting und Christoph Harting bei der Diskus-Qualifikation im Olympia-Stadion in Rio

Zwei ungleiche Brüder bei Olympia: Robert Harting (li.) und sein Bruder Christoph während der Qualifikation zum Diskus-Finale von Rio

Nach dem dritten Versuch war es klar: Robert Harting, der Diskus-Gigant der vergangenen Jahre, war ausgeschieden. Der Gold-Garant der deutschen Leichtathletik hat in Rio sein wohl letztes Olympia-Finale verspielt. Nicht weit entfernt betrachtete ein hoch aufgeschossener Mann mit roten Haaren scheinbar gelassen, aber mit ernstem Gesicht, den wohl schwersten Moment in Hartings herausragender Karriere. Es war Christoph Harting. Er machte trotz des Schocks keine Anstalten, auf seinen älteren Bruder zuzugehen und ihn zu trösten. Nichts, kaum eine Regung.

Die Szene am Diskus-Ring im Olympia-Stadion von Rio ließ eigentlich nur einen Schluss zu: Da sind zwei, die sich nichts zu sagen haben; Brüder, die sich spinnefeind sein müssen. Wie sonst soll man sich eine solche Distanz erklären? Verstärkt wurde der Eindruck noch, als Robert Harting im ARD-Interview versuchte zu erklären, was passiert war. Christoph ging einfach vorbei und schlug auch die Einladung des Reporters aus, am Interview teilzunehmen. Robert überraschte dieses Verhalten sichtlich kein bisschen.


Gemeinsames Training, keine gemeinsame Sache

Was ist nur geschehen, dass die Brüder Harting sich derart aus dem Weg gehen? Die frappierende Antwort: Nichts weiter. Die Hartings trainieren im heimischen Berlin sogar in derselben Trainingsgruppe. Gemeinsame Sache machen sie deshalb noch lange nicht. Tatsächlich haben die Hartings kaum etwas gemeinsam, heißt es - außer dem Talent fürs Diskuswerfen und, jeder auf seine Art, eine ausgeprägte Persönlichkeit. Anders ausgedrückt: Beide haben ihren eigenen Kopf und nur wenig für Kompromisse übrig.

Robert Harting, 31, hat das erst kürzlich wieder eindrucksvoll gezeigt. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems", kritisierte er den IOC-Präsidenten Thomas Bach scharf, nachdem das Komitee sich gegen einen generellen Ausschluss Russlands von Olympia ausgesprochen hatte. Und dann, ganz ungeschminkt: "Ich schäme mich für ihn". Ein typischer Harting: Er nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn er damit aneckt, äußert sich permanent in den Medien, via Facebook oder Twitter. Er ist eine öffentliche Person und will das auch sein. Legendär ist sein Siegerjubel, bei dem der Kraftprotz sein Trikot komplett zerreißt.

Robert Harting ist schon da...

Christoph Harting, 25, ist von all dem nichts - aber das mit der gleichen Kompromisslosigkeit. Der 2,07 Meter große Hüne - sechs Zentimeter mehr als sein Bruder - spricht seit rund einem Jahr nicht mit den Medien. Er schweigt sowieso viel, zieht sich gerne zurück, zeigt oft eine versteinerte Mine. Dementsprechend ist er in der Öffentlichkeit kaum präsent. Zwischen zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, herrscht naturgemäß eine große Distanz. Zwischen zwei Brüdern ist sie ungewöhnlich - und gelegentlich auch ein Problem, wie es aus dem Umfeld der beiden heißt.

Problematisch vor allem, weil zwischen Robert und Christoph natürlich trotzdem die übliche brüderliche Rivalität herrscht. Im Fall der Hartings dürfte sich der Jüngere wie im Wettrennen zwischen Hase und Igel fühlen. Wo immer Christoph Harting hinkommt, ist der berühmte Robert schon da. Die "Berliner Zeitung" berichtete unlängst von einer Geschichte, die Christoph einmal dem gemeinsamen Trainer Torsten Lönnefors, 41, erzählte. Sie handelte von einem Reporter, der ihn ansprach: "Hey, wir machen gerade eine Geschichte über Robert. Kann ich mit dir nachher auch noch sprechen?" Der Erzählung nach habe Christoph zurückgefragt: "Ja wer bin ich denn? Kennst du meinen Namen?" "Ja, du bist doch der Bruder von Robert Harting", antwortete der Reporter. Danach ging Harting einfach weg.

"Haben noch einen Harting im Finale"

Die Distanzierung vom Rummel um seinen Bruder gibt Christoph den nötigen Freiraum, mutmaßt Trainer Lönnefors in der "Berliner Zeitung". Er wolle sich konzentriert an sein Ziel heranarbeiten. Just jetzt, bei Olympia in Rio, ist ihm dies eindrucksvoll gelungen. Denn während Robert, wie er selbst berichtete, an den Folgen eines Hexenschuss' scheiterte, hatte sich Christoph problemlos für das Olympia-Finale qualifiziert. In seinem letzten Versuch holte er sich auf spektakuläre Weise den Olympiasieg.

Zuvor war in dieser besonderen Situation deutlich geworden, dass die beiden bei aller Distanz eben doch Brüder sind. Auf die Frage, ob es Robert Harting bei Frustbewältigung helfe, dass sein Bruder im Finale steht, sagte der nun abgelöste Olympiasieger: "Natürlich hilft das. Wir haben noch einen Harting im Finale und der kann eine Medaille holen. Für die Familie ist das ganz wichtig, die haben auch viel Geld bezahlt, kommen hierher."

Mit dem Gold von Rio hat Christoph Harting ein Riesenschritt aus dem Schatten des Bruders gemacht, vielleicht ist es sogar eine Wachablösung. Robert Harting fieberte auf der Tribüne mit, applaudierte nach dem Siegerwurf, in die Arme fielen sich die ungleichen Brüder zumindest öffentlich nicht. Robert Harting, der Öffentliche, gratulierte via Twitter: "Hey kleiner Bruder, der Generationswechsel ist eingeleitet. Ich freue mich extrem für dich." Und Christoph? Er genießt und schweigt.

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