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Doku über Extremsportler Das Erfolgsgeheimnis eines Apnoetauchers

Erfahren Sie hier mehr über "Attention - a life in extremes" und die Ocean Film Tour.
Die Unterwasserfilmaufnahmen stammen aus Julie Gautiers Film "Narcose"
Skript: Es sind ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Grenzgängers: Gillaume Néry ist professioneller Apnoe-Taucher. Ohne Atemgerät und Gewichte taucht er in Tiefen über 100 Meter. Drei Minuten und 30 Sekunden kann er dafür unter Wasser bleiben. Die Zeit unter der Oberfläche hat für den Taucher eine besondere Bedeutung: "Es ist als ob ich eine neue Welt betrete. Je tiefer ich tauche, desto mehr zieht mich der Boden an. Die ersten 20 Meter schwimme ich wie ein Delfin, um der Oberfläche zu entkommen. Nach 30 Metern sind meine Lungen durch den Druck zusammengedrückt. Mein Körper wird schwerer und ich kann mich ohne jede Bewegung zum Boden hinabsinken lassen. Von 30 auf 125 Meter Tiefe zu gelangen, ist wie Magie. Ich falle wie ein Stein zum Boden hinab. Ein unglaubliches Gefühl. Ich habe das Gefühl zu fliegen und fühle mich mit dem Wasser verbunden." Für seine Dokumentation "Attention - A Life in Extremes" hat der Regisseur Sascha Köllnreitner drei Extremsportler begleitet: Der Norweger Halvor Angvik,vollführt spektakulären Wingsuit-Sprünge und zeigt sie auf Youtube. Der Österreicher Gerhard Gulewicz legt binnen einer Woche tausende Kilometer mit dem Rad zurück. Guillaume Nery holte den Weltrekord im Freitauchen.
Im September kommt der Film über die drei Abenteurer ins Kino. Auf der Ocean Film Tour, die gerade durch Deutschland zieht, zeigt Köllnreitner vorab ein Porträt über den Profi-Taucher aus Nizza. Den Regisseur bewegte in seinem Film vor allem eine Frage: "Wirklich zu sehen, wie lebt jemand mit und von diesem Sport, das finde ich höchstinteressant - gerade wenn man nicht von Fußball oder Golf spricht. Und die Essenz daraus für mich war eigentlich, das Faszinosum, dass es Menschen gibt, die so viel riskieren, um ihre Leidenschaft auszuleben. Das war für mich faszinierend." Die Risiken eines Tauchgangs zu bemessen, gehört zu Guillaume Nerys Alltag. Die Sicherheitsstandards beim Tauchen sind für ihn Routine. Er taucht nie allein - wie tief er geht, wägt er jedes Mal von Neuem ab: "Es ist wichtig, sich Schritt für Schritt zu verbessern. Der Körper muss sich erst an die neue Umgebung anpassen. Deshalb ist es wichtig in sich hineinzuhören: Heute fühle ich mich gut - ok, dann probiere ich es. Heute fühle ich mich nicht stark genug - dann blase ich das Training ab. Es ist wichtig, die ganze Zeit auf den eigenen Körper zu hören." Gillaume Néry lebt für die wenigen Minuten in der Tiefe. Seine Lebensgefährtin Julie Gautier teilt die Leidenschaft ihres Partners. Sie taucht ebenfalls und arbeitet als Unterwasser-Kamerafrau und Regisseurin. Ihre gemeinsame Tochter begleitet die Eltern manchmal zu den Ausflügen.
Es ist diese konzentrierte Ausrichtung, die Nèry in Welten vordringen lässt, die für andere unerreichbar sind. Schon ab 25 Metern unter der Oberfläche lastet so viel Druck auf der Lunge, dass das Weitertauchen unmöglich ist. Seit 20 Jahren trainiert der 32-Jährige täglich, um seine physiologischen Grenzen zu erweitern.
Durch Atem- und Körperübungen hat er das Volumen seiner Lunge vergrößert. Doch nicht nur der Körper muss bei einem guten Tauchgang vorbereitet sein: "Um beim Apnoe-Tauchen erfolgreich zu sein, muss man es schaffen loszulassen. Sich zu entspannen. Den Körper, jeden Muskel und den Geist völlig loszulassen. Wenn man das schafft, öffnen sich der Abgrund immer weiter." Nery hat sich als Freitaucher auch über den Sport hinaus einen Namen gemacht. 2008 stellte der damals 26-jährige einen Weltrekord auf: Er tauchte ohne Gewichte und Hilfsmittel auf 113 Meter hinab.
2010 wurde er mit dem Film "Free Fall" auf Youtube international bekannt. Gedreht hat ihn seine Partnerin Julie Cartier. In etwa 80 Tauchgängen. Er erhielt mehr als 20 Millionen Abrufe auf Youtube und machte Nery zum Medienstar. "Die Aufmerksamkeit ist etwas Schönes. Es ist eine Unterstützung von außen. Aber das muss sie auch bleiben. Man darf nicht für die anderen Tauchen. Oder für das eigene Ego. Wenn Dein Ego und Dein Bedürfnis nach Anerkennung zu stark sind, kann das zu Fehleinschätzungen führen. Beim Apnoe-Tauchen ist das lebensgefährlich." Wie funktioniert Leistung? Wie schaffen es Menschen, ihre Grenzen immer weiter auszudehnen? Und was treibt sie an? Sascha Köllnreitners Dokumentation gibt einen sehr persönlichen Einblick in diese Fragen. Durch die Zeit mit den Athleten schaut der Filmemacher heute differenzierter auf das, was Menschen erreichen können: "Leistung muss man, meines erachtens in zwei Kategorien fassen: Es gibt Menschen, die unglaubliche Leistungen vollbringen und daran zugrunde gehen. Also das klassische Burnout, etc. Und dann gibt es für mich die erstrebenswerte Leistung, wirklich etwas zu machen, in das man seine volle Energie stecken kann, und daraus auch Befriedigung bezieht."
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Ohne Atemgeräte taucht Gillaume Néry in Tiefen, die für andere tödlich sein können. Durch jahrzehntelanges Training hat er gelernt loszulassen - ein Film gibt einen intimen Einblick in seinen Alltag.
Von Linda Richter
Linda Richter

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