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Handball: Interview mit Handball-Nationaltrainer Martin Heuberger

Martin Heuberger hat die schwierige Aufgabe, in die Fußstapfen von Heiner Brand zu treten. Im Exklusiv-Interview mit sportal.de erklärt der neue Handball-Nationaltrainer, wie er die kommenden Ziele angehen wird, ab wann der DHB wieder wettbewerbsfähig ist und warum der WM-Titel mit den Junioren aus heiterem Himmel kam.

Zum Abschluss seiner Karriere als Juniorentrainer des Deutschen Handball Bundes gewann Martin Heuberger mit seiner Mannschaft zum zweiten Mal den WM-Titel. Mit diesem Erfolg im Rücken tritt er die Nachfolge als Bundestrainer von Heiner Brand an. sportal.de sprach im Interview mit Heuberger über die kommenden Aufgaben.

Glückwunsch zum Titel mit den Junioren. Nach 2009 ist es der zweite WM-Erfolg und insgesamt der vierte Titel unter Ihrer Führung. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Martin Heuberger: Der WM-Titel ist von der Art her eine absolute Überraschung. Im Vorfeld sah es nicht so aus, als ob es möglich gewesen wäre, mit der Mannschaft so weit vorne zu landen. Von daher ist es ein umso schöner, wenn es dann doch gelingt.

Was meinen Sie mit absoluter Überraschung?

Heuberger: Im Vorfeld hatten wir einige verletzungsbedingte Ausfälle und auch die Leistung hat in der Vorbereitung nicht so gestimmt. Da konnte man nicht erwarten, dass so eine Leistung möglich ist. Aber die Mannschaft hat sich zu Turnierbeginn direkt top-fit gezeigt, sich entwickelt und ist auch als Team gereift. Somit haben sie den Titel auch verdient gewonnen.

Die Mannschaft kam ohne Niederlage durch das Turnier und im Finale gegen Dänemark hat sie eine überragende zweite Halbzeit gespielt. Welchen Stellenwert hat dieser Titel für Sie persönlich?

Heuberger: Ich bin Nachwuchstrainer und mich freut es, wenn ich jungen Handballern etwas beibringen und sie an die Bundesliga ranführen kann. Wenn dann so ein Titel herausspringt, ist das natürlich umso schöner.

Was haben Sie Ihren Schützlingen mit auf den weiteren Weg gegeben?

Heuberger: Für mich war entscheidend, dass die Spieler, gerade im Hinblick darauf, dass wir im Vorfeld Probleme hatten, gesehen haben, was möglich ist, wenn sie als Team funktionieren. Gerade wenn die persönlichen Interessen hinten angestellt werden, sich jeder in den Dienst des Teams stellt, dann können sie profitieren und einen Titel gewinnen.

Sie übernehmen nun die Männer-Mannschaft und beerben Heiner Brand. Was können Sie von Ihrem Team mitnehmen?

Heuberger: Es geht nur über den Teamerfolg und die Mannschaft. Viele Einzelkönner machen noch keine Mannschaft. Jeder muss seine Aufgabe erfüllen und sich in den Dienst der Mannschaft stellen - das gilt auch für die Männer.

Ihre Spieler haben das verinnerlicht. War es gerade deswegen, weil die WM auch eine Art Casting für die Spieler war? Denn schon im Vorfeld war klar, dass Sie nun Bundestrainer werden.

Heuberger: Ein Casting ist es ja immer - schon seit neun Jahren. Denn ich war auch schon unter Heiner Brand Co-Trainer und habe ihm natürlich auch immer meine Empfehlungen gegeben. In den letzten Jahren haben wir es ja auch geschafft, einige Spieler in die A-Truppe hochzukriegen. Es wird auch diesmal so laufen und ich habe schon ein paar Spieler im Blick, die über kurz oder lang den Sprung schaffen können. Das ist ja auch unsere Aufgabe. Als Nachwuchstrainer haben wir nicht primär die Aufgabe, viele Titel zu gewinnen. Da geht es eher darum, die Spieler auf die Bundesliga vorzubereiten und damit auch für die Nationalmannschaft.

Wen haben Sie denn im Blick?

Heuberger: Christian Dissinger ist ein Top-Talent. Ihn müssen wir aufbauen und für die Zukunft vorbereiten. Denn auch er hat noch einen weiten Weg vor sich und noch einige Defizite, an denen er arbeiten muss. Da werde ich auch noch mit den Kadetten Schaffhausen ein konkretes Gespräch suchen. Er ist Rückraumspieler, und gerade weil wir in der A-Mannschaft auf der Position noch Bedarf haben, werde ich natürlich ein Auge auf ihn haben, ihn dabei behutsam aufbauen. Denn er hat das Zeug zum Nationalspieler. Auch Hendrik Pekeler am Kreis hat seine Vorzüge und da werde ich mit dem Bergischen HC sprechen. Mit Hans-Dieter Schmitz stehe ich so oder so im regelmäßigen Kontakt. Und da will ich die Förderung ganz gezielt vorantreiben.

Thema Dissinger: Wie sehen Sie seinen Wechsel zu den Kadetten in die Schweiz - weg von der Bundesliga?

Heuberger: Da gibt es verschiedene Ansichten. Positiv ist sicherlich, dass er dort nicht den ganz großen Druck und die hohe Anzahl an Spielen wie in der 2. Liga hat. In der Schweiz kann er sich auf seine Athletik konzentrieren, wo es noch Defizite hat. Aber der Stress von 38 Spielen wird im auch irgendwo fehlen sowie auch die Verantwortung. Also ist es schon gut, aber nicht optimal. Aber das müssen wir abwarten, denn es ist erst einmal nur für ein Jahr und das wird ihm erst einmal helfen.

Sie haben hingegen einen Schritt nach vorne gemacht. Was ist Ihnen persönlich durch den Kopf gegangen, als Ihnen der Posten des Nationaltrainers angeboten wurde. Denn Vergleiche mit Heiner Brand werden kommen und Sie müssen ihn praktisch vergessen machen.

Heuberger: Ich weiß um die Schwere der Aufgabe und dass ich in sehr große Fußstapfen trete. Aber wir waren seit 2004 ein Team. Ich habe sehr viel gelernt und werde weniger Probleme damit haben als vielleicht die Öffentlichkeit. Die Vergleiche werden kommen, gerade weil Heiner eine Institution ist. Aber ich habe da wirklich kein Problem mit.

Es gab auch Kritik an der Entscheidung, denn zumindest die Kritiker werfen Ihnen vor, keine neuen Impulse zu setzen und die gleiche Linie weiterzufahren, die bisher genommen wurde.

Heuberger: Zunächst muss ich sagen, dass Heiner Brand sehr gute Arbeit gemacht hat und daran gibt es nichts zu mäkeln. Sicherlich werde ich einige Änderungen vornehmen, doch die werden marginaler Natur sein. Wir müssen wieder dahin kommen, noch mehr Freude bei den Spielern zu entwickeln, für die Nationalmannschaft zu spielen. Da werde ich verstärkt den Hebel ansetzen. In der Vergangenheit ist da einiges schief gelaufen. Aber das hat nichts mit Heiner Brand zu tun sondern mit den Spielern. Da werde ich viele Gespräche führen. Natürlich geht es auch um eine vielleicht flexiblere Abwehrformation. Aber in der Kürze der Zeit, bis zur EM, darf man keine Wunderdinge erwarten. Da wäre ich schlecht beraten, radikale Änderungen zu machen. Ansonsten ist ja nicht alles schlecht. Im Angriff waren wir sehr variabel, haben mit den führenden Nationen mithalten können. Da waren aber zu viele Schwankungen drin.

Wie radikal wird der Umbruch denn laufen?

Heuberger: Bei keiner Nationalmannschaft gibt es den großen radikalen Schnitt, es wird immer nur punktuell ergänzt. Ältere Spieler hören auf, jüngere rücken nach. Diesen Weg, der schon seit zwei Jahren läuft, werde ich weitergehen. Patrick Wiencek versuchen wir, langsam heranzuführen, Sven-Sören Christophersen und Markus Richwien sind zwei weitere Talente, die in den letzten Jahren gefördert wurden sowie auch Patrick Groetzki. Ich möchte versuchen, eine Mannschaft zu formen, die 2014 oder 2015 wieder in der Weltspitze ernsthaft um einen Titel mitspielen kann. Wobei ich das kurzfristige Ziel Europameisterschaft und Olympische Spiele nicht aus den Augen verlieren will. Das muss unser Bestreben sein, aber auch darüber hinaus müssen Ziele festgelegt werden und darum fahren wir auch zweigleisig.

Sie haben die mangelnde Spielfreude angesprochen. Wie wollen Sie erreichen, dieses Manko abzustellen?

Heuberger: Für mich ist die Einstellung der Spieler ganz entscheidend. Es hat weniger mit den handballerischen Fähigkeiten zu tun, sondern mehr mit der inneren Einstellung zur Nationalmannschaft. Den Stolz, den Adler auf der Brust zu tragen, habe ich hier und da vermisst. Das war jetzt bei der Junioren-WM eine ganz andere Geschichte. Was ein Team ausmacht, wenn mit vollem Eifer und der Begeisterung agiert wird, zudem fokussiert und konzentriert an die Sache rangegangen wird, dann kann man Erfolg haben. Es gibt keine Garantie, aber da wird der Hebel angesetzt.

Ist es denn denkbar, einen frischgebackenen Weltmeister schon im A-Team zu integrieren?

Heuberger: Als ich angetreten bin, habe ich ja gesagt, dass ich ein oder zwei Top-Talente regelmäßig bei den Männern einbinden will. Gerade auch in dem Hinblick, in das System eingebunden zu sein - auch wenn sie vielleicht nicht direkt zu Einsätzen kommen werden. Diesen Ansatz möchte ich intensiv verfolgen. Also kann es im Oktober schon für einen der Weltmeister reichen. Da sollen sie reinschnuppern und der Sprung kann so nahtloser verlaufen.

Kommen wir zur Liga: Schon Heiner Brand hat immer wieder die Wichtigkeit betont, dass die Liga auch bei der Jungenförderung mitzieht und einen Anschluss zu der Juniorennationalmannschaft herstellt. Sie sind den Junioren vielleicht sogar noch mehr verbunden. Wie ist da der Stand der Dinge?

Heuberger: Es gibt ja gute Ansätze für Nachwuchsarbeit in der Liga. In den letzten Jahren ist schon viel bewegt worden. In den die HBL-Zentren wird gute Arbeit betrieben und ich glaube, über kurz oder lang werden wir in der Breite ein ganz anders Potenzial haben, das an die Liga herangeführt wird. Wo es gerade in den letzten Jahren hapert, ist an der Anschlussförderung.

Was ist der konkrete Ansatz?

Heuberger: Da geht es um individuelle Förderung, die vielleicht ein bis zweimal die Woche durchgeführt werden muss. Denn es bringt nichts, nur im Kader zu stehen. Aber gerade auf die Spielanteile kann ich keinen Einfluss nehmen. Denn die Trainer stehen da auch unter Druck und müssen Erfolge einfahren. Aber es gibt ja auch Co-Trainer, die diese Aufgabe der individuellen Förderung wahrnehmen können. Und so hoffe ich, dass der Jugend dann auch das Vertrauen geschenkt wird.

Sie sprechen den Teufelskreis an. Denn die Bundesliga ist die beste Liga der Welt und es ist schwer, einen Trainer davon zu überzeugen, anstelle eines gestandenen Profis ein Talent zu verpflichten.

Heuberger: Es ist sehr schwierig, da die Interessenslagen sehr unterschiedlich sind. Die Liga will erfolgreich sein, die Nationalmannschaft viele gute deutsche Spieler haben. Es spricht auch nichts gegen die Vielzahl der guten Ausländer in der Liga, denn von denen können sich die deutschen Talente im Training viel abschauen. Aber es gibt eben auch ausländische Spieler, die nicht besser sind als unsere jungen Talenten und ihnen dennoch die Plätze wegnehmen. Und da müssen wir mehr Vertrauen in die jungen Spieler setzen und natürlich muss man sich mit ihnen dann abgeben. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, an dem wir ansetzen müssen.

Ein Punkt dabei ist auch, dass der A-Nationalmannschaft die Leader fehlen. Wenn es darauf ankommt, stehen die gestandenen deutschen Spieler in ihrem Verein nur an zweiter Stelle.

Heuberger: Diese Spielertypen haben wir zurzeit eben nicht, aber auch in dem Bereich müssen wir arbeiten. Die Fähigkeiten müssen erlernt werden, aber es ist auch eine Charakterfrage, die Verantwortung zu übernehmen. Es ist leider nicht so einfach, aber da müssen wir auch mit der Nachwuchsförderung schon hin.

Sie haben schon die EM angesprochen und, ohne den großen Propheten zu spielen, der Übergang für Sie hätte auch einfacher sein können.

Heuberger: Ja, sicher. Es hätte vielleicht auch einfacher gehen können. Aber ich stelle mich der Herausforderung und habe Spaß an der Arbeit. Ich werde alles dafür tun, in Serbien erfolgreich abzuschneiden und dann auch noch das Ticket für das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele zu lösen.

Was macht Sie optimistisch, diese Ziele zu erreichen?

Heuberger: Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland genug Spieler haben, die das Potenzial dazu haben, den internationalen Vergleich zu bestehen und somit auch die Qualifikation noch zu schaffen. Davon bin ich überzeugt.

Blicken wir in die Zukunft Herr Heuberger. Wo möchten Sie in den kommenden Jahren hin und wie realistisch sind Ihre Ziele?

Heuberger: Es wird sicher schwierig, in Serbien in den Medaillenrängen zu landen. Aber realistisch ist, einen der beiden Plätze zu belegen, die uns dazu berechtigen, an der Olympia-Qualifikation teilzunehmen zu können. Dann hoffe ich, dass wir bei den nächsten beiden großen Turnieren den jüngeren Spielern die Erfahrung geben, damit sie reifen können, um dann in 2014 vielleicht um die Medaillen mitspielen zu können.

Das Interview führte Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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