HOME

Handball-WM: Schlechte Bekannte

Bei der Handball-WM reden alle über miese Schiedsrichter. Deutschlands Trainer Heiner Brand trieben sie sogar zu einem furiosem Zusammenbruch. Kein Wunder: Das Thema ist im Weltverband seit Langem problematisch.

Von Erik Eggers, Zadar

Am Tag danach konnte Heiner Brand schon wieder lächeln. Etwas verlegen zwar, aber immerhin. "Als ich die Bilder gesehen habe, war ich schon etwas erschrocken", sagte der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Er hatte sich kaum wiedererkannt in diesen Sekunden nach der Schlusssirene des Spiels gegen Norwegen (24:25). Wutentbrannt lief er auf die slowenischen Schiedsrichter Nenad Krstic/Peter Ljubic zu, mit erhobener rechter Faust, so, als habe er vor, die erste Niederlage seines Teams bei der WM in Kroatien umgehend zu rächen. "Ich verabscheue Gewalt", versicherte Brand am Montag. "Außerdem ist in meinem Alter keine Kraft mehr in meiner rechten Geraden", fügte er ironisch hinzu. Am Dienstag kämpft der Weltmeister gegen Europameister Dänemark (17.30 Uhr im Liveticker von stern.de) um seine letzte Halbfinalchance.

Auch die Handballer nahmen diesen Auftritt irritiert zur Kenntnis: "So habe ich Heiner noch nie gesehen", staunte Torwart Johannes Bitter, "aber wie er aufgetreten ist, spiegelte das unsere Seele." Diese letzten 14 Sekunden, in denen die Slowenen einen Einwurf zweimal wiederholen ließen und so die letzte Chance der Deutschen auf ein Remis verwirkten, waren noch am Montag das beherrschende Thema im Mannschaftshotel. "Man fühlt sich um den Lohn gebracht", sagte Kreisläufer Sebastian Preiß.

Deutsche sollen sich nicht beschweren

Norwegens Torhüter Steinar Ege sah die Sache anders. "Die Deutschen sollen sich nicht beschweren. Es war Einwurf, und Christian Schöne hat ihn zweimal falsch ausgeführt. Die Deutschen sind so vor zwei Jahren Weltmeister geworden", sagte der Ex-Gummersbacher.

Brand erneuerte seine Kritik, dass die deutsche Mannschaft von den Schiedsrichtern benachteiligt werde. "Wenn sie ein Gewissen haben, dann ein schlechtes", kommentierte er die Leistung der Slowenen. Es sei "Tatsache, dass seit der WM in Deutschland schon eine gewisse Tendenz zu bemerken ist".

Es klingt nach Verschwörungstheorie

Das klingt nach Verschwörungstheorie, passt aber zum Image des Handball-Weltverbands (IHF). Dessen ägyptischer Präsident Hassan Moustafa musste erst kürzlich zugeben, Schiedsrichter eines Spiels abgesetzt zu haben, das sich daraufhin zu den größten Skandalen der Handballgeschichte entwickelte - bei der asiatischen Olympiaqualifikation im September 2007 zwischen Kuwait und Südkorea. Vor der WM hatte IHF-Generalsekretär Peter Mühlematter beklagt, Moustafa und der spanische IHF-Schatzmeister Miguel Roca hätten sich persönlich in die Schiedsrichteransetzungen beim olympischen Turnier in Peking eingemischt.

Die Slowenen Krstic/Ljubic sind auch keine Unbekannten: Beim Champions-League-Halbfinalspiel 2007 zwischen Valladolid und der SG Flensburg bekamen die Spanier kurz vor Schluss einen unberechtigten Siebenmeter zugesprochen. SG-Torwart Dan Beutler hielt und brachte so Flensburg doch noch ins Finale gegen Kiel. Es gibt weitere Paare bei dieser WM mit zweifelhaftem Ruf, etwa die Polen Baum/Goralczyk. Ihnen warf Frank Birkefeld, der damalige IHF-Geschäftsführer, 2007 vor, sie hätten das Finale des olympischen Frauenturniers zugunsten Dänemarks verschoben.

Einig sind sich die Fachleute darüber, dass sich die Sportart Handball in fast allen Bereichen professionalisiert, nur nicht bei den Schiedsrichtern. "Man muss dafür sorgen, dass auch dieser Bereich professioneller wird", fordert daher nicht nur Kreisläufer Preiß. So lange aber latent ein Betrugsverdacht im Spiel ist, bedroht er diese Sportart in ihrem Kern.

FTD

Wissenscommunity