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Turnier in Ägypten Die Handball-WM versinkt im Corona-Chaos – eine Farce mit Ansage

Handballer Paul Drux zieht sich das Trikot über den Kopf
Handball-Nationalspieler Paul Drux zieht sich das Trikot über den Kopf
© Sascha Klahn / DPA
Bei der Handball-WM geht es drunter und drüber. Mannschaften mussten sich wegen Corona-Fällen zurückziehen, Spieler sind frustriert. Dass der Plan für die Weltmeisterschaft nicht aufgehen würde, war absehbar.

32 Mannschaften aus der ganzen Welt reisen nach Ägypten, um dort eine Sportart mit ständigem Körperkontakt in geschlossenen Räumen auszutragen. Klingt inmitten einer Pandemie und in Zeiten von Kontakt- und Reisebeschränkungen absurd? Ist es auch.

Und doch passiert genau das bei der Handball-WM, die aktuell in Ägypten stattfindet. Bis zuletzt war nur schwer vorstellbar, dass das Turnier trotz der Corona-Situation wirklich ausgetragen werden würde. Die Skeptiker haben recht behalten: Die Weltmeisterschaft versinkt im Corona-Chaos und gerät immer mehr zur Farce. Dass das so kommen würde, war absehbar – von Anfang an standen die Titelkämpfe unter keinem guten Stern. Dennoch war der Handballweltverband IHF fest entschlossen, das Turnier wie geplant über die Bühne zu bringen.

Handball-WM in Corona-Zeiten – keine gute Idee

Schon mehrere Wochen vor dem ersten Anwurf hatten einige Top-Spieler ihre Teilnahme abgesagt – auch aus dem deutschen Team. Mit Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold und Finn Lemke ließ sich der Defensivblock entschuldigen. Als Grund führte Kreisläufer Wiencek vom THW Kiel ausdrücklich die Corona-Lage an: "Ich hätte im Hotelzimmer gelegen, und in Kiel hätte vielleicht die Krippe geschlossen und meine Frau eigentlich zur Arbeit gemusst und dann noch die Kinder betreuen müssen." Das könne er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. So war schnell klar, dass das Turnier in Ägypten nur eine mäßige sportliche Aussagekraft haben würde.

Natürlich hatte die IHF Hygieneregeln beschlossen, die Corona-Infektionen verhindern sollten. Allerdings offenbar ungenügend, so haben es auch die Spieler selbst wahrgenommen. Der norwegische Weltklassespieler Sander Sagosen nannte das Hygienekonzept "eine Parodie" und "Wilder Westen". Sein Team treffe im Hotel ständig auf Menschen ohne Mundschutz oder Spieler anderer Mannschaften. Einige kleinere Nationen waren mit Linienflugzeugen angereist, was die Infektionsgefahr deutlich erhöhte.

Das löchrige Konzept hatte Folgen: Noch vor Beginn des Turniers mussten Tschechien und die USA ihre Teams wegen Corona-Fällen zurückziehen – trotz der vorgegebenen Isolationsphase von zehn Tagen. Nordmazedonien und die Schweiz rückten einen Tag vor dem Start nach – die Schweizer kamen erst wenige Stunden vor ihrem ersten Spiel in Ägypten an. Auch bei anderen Nationen kam es zu vereinzelten Infektionen.

Sogar Zuschauer sollten zugelassen werden

An Geisterspiele in leeren Stadien und Hallen haben sich die Sportfans mittlerweile gewöhnt, bei der WM wäre es allerdings fast zu einer Ausnahme gekommen: Bis zuletzt planten die Organisatoren mit Zuschauern in der Halle. Unter Corona-Bedingungen eine kaum vertretbare Maßnahme. So sahen es auch die Spieler: Nach dem Protest von 14 Mannschaftskapitänen fanden die Spiele doch vor leeren Rängen statt.

Beim deutschen Gruppengegner Kap Verde schlug das Virus während der Gruppenphase zu. Nach mehreren Corona-Fällen musste das Team zurückziehen, weil nicht mehr genug Spieler zur Verfügung standen. Die noch ausstehenden Spiele wurden am grünen Tisch mit 10:0 für die Gegner gewertet. So steht jetzt mit Uruguay eine Mannschaft in der Hauptrunde, die in der Vorrunde ihre Spiele mit 14:43 und 18:44 verloren hatte – im Vergleich bewegen sich die Südamerikaner höchstens auf drittklassigem Niveau. Sportlich ist diese Weltmeisterschaft damit kaum noch ernstzunehmen. Dass Ungarn wenige Tage vor dem Rückzug von Kap Verde noch gegen später positiv getestete Akteure des Gruppengegners gespielt hatte, wurde von den Verantwortlichen übrigens ignoriert.

Der Handball zerstört sein Image

So bleibt weiterhin offen, ob die WM wirklich bis zum Ende gespielt werden kann. Gemessen am bisherigen Turnierverlauf scheint es nur noch eine Frage der Zeit bis zur nächsten Eskalationsstufe des Corona-Chaos. Man kann dem Handball nicht vorwerfen, zumindest den Versuch unternommen zu haben. Der Sport ist dringend auf die Weltmeisterschaft angewiesen, der Weltverband IHF braucht die 30 Millionen Euro TV-Gelder, gerade kleinere Verbände stünden ohne WM vor großen finanziellen Problemen.

Der Versuch darf mittlerweile aber als gescheitert gelten. Selbst, wenn es in diesem Jahr tatsächlich noch einen Weltmeister gibt. In vielerlei Hinsicht war die Umsetzung schlicht dilettantisch. Mit diesem Durcheinander hat der Handball-Sport sein Image stark beschädigt – und das sehenden Auges.


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