Interview mit Wolfgang Loitzl "Ich genieße jeden Sprung"


Wolfgang Loitzl hat eigentlich nie etwas gewonnen. Jetzt steht er vor dem Sieg der Vierschanzentournee. Woher der Erfolg kommt, weiß der Österreicher selbst nicht so genau.
Von Kathrin Zeilmann, Bischofshofen

An fehlendem geistlichen Beistand darf der Sieg bei der Vierschanzentournee eigentlich nicht mehr scheitern. Bevor Wolfgang Loitzl im Mannschaftshotel der Österreicher den für eine Pressekonferenz hergerichteten Saal betritt, muss er erst an einem reichlich mit Gold verzierten Kruzifix vorbei, dann an einer Buddha-Figur. Eine sakrale Inneneinrichtung nach dem Motto: Irgendwas wird schon helfen. Dabei wirkt Loitzl gar nicht so, als benötige er die Hilfe höherer Mächte, um beim Abschlussspringen in Bischofshofen seinen Vorsprung, den er sich in den ersten drei Springen auf den Schweizer Simon Ammann erarbeitet hat, zu verteidigen.

Loitzl ruht in sich, er vertraut auf seine Erfahrung aus 224 Weltcupspringen und auf seine derzeit herausragende Form, die ihn zum Sieg beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen und am Sonntag zum Erfolg am Innsbrucker Bergisel geführt hat. Deshalb mag Loitzl sich auch gar nicht mit Analysen und den Fragen nach dem Warum abmühen. "Ich will das gar nicht groß analysieren. Es ist gut, dass jetzt alles für mich spricht", sagt er.

Mehr Ruhe mit dem B-Team

Aber interessant ist die Frage schon, warum einer, der bald 29 Jahre alt wird und bislang nichts gewonnen hat, nun die Konkurrenz das Fürchten lehrt. Aber im Skispringen gibt es manchmal keine logischen Erklärungen, findet Loitzl: "Es kann so sein, dass du dich jahrelang plagst, und es kommt nichts dabei raus. Und dann funktioniert es auf einmal spielerisch leicht." Glück jedenfalls, sagt sein Trainer Alexander Pointner, sei es nicht, dass Loitzl jetzt zum Vorzeigespringer geworden ist. "Er hat sich das über Jahre hart erarbeitet."

Wobei das mit der harten Arbeit so eine Sache ist. Pointner selbst hat sie einmal angezweifelt. 2006 bei den Olympischen Winterspielen in Turin war Loitzl nur Ersatzmann bei den Österreichern. Und Pointner mahnte ihn energisch: Wenn er sich nicht mehr reinhänge, würde es nichts mehr werden mit Erfolgen auf der Schanze bei ihm. Loitzl sagt, dieser "Tritt in den Hintern" habe gefruchtet. Der Zeitsoldat hat sich und seine Sportart hinterfragt, sich auch die Strukturen des Teams angeschaut. Und er war zu dem Schluss gekommen, dass es ihm nicht guttut, im Sommer mit der Weltcupmannschaft, also der ersten Riege, zu üben. Da sind ihm die Jungen wie Thomas Morgenstern oder Gregor Schlierenzauer davongeflogen, erzählt er, und das habe ihn unter Druck gesetzt. Mit dem B-Team habe er mehr Ruhe, könne sich auf sich und seine Sprünge konzentrieren. "Und als wir dann im Weltcupteam wieder beisammen waren, habe ich gemerkt, dass ich gut dabei bin."

"Ich werde angreifen müssen"

Loitzl hilft den Fragestellern dann doch noch ein bisschen weiter bei der Erforschung der Ursachen für die glänzenden Tourneetage. Material, Sprungtechnik, mentale Verfassung passen derzeit bei ihm optimal zusammen, so sagt er. Und: "Ich genieße jeden Sprung." Anders als sein junger Teamkollege Schlierenzauer, der Dritter in der Gesamtwertung ist und Training und Qualifikation am Dienstag ausließ, um sich zu schonen, brennt Loitzl auf das Skispringen: "Ich strotze so vor Kraft, dass ich keinen Sprung versäumen möchte. Ich will das Gefühl genießen." Wenn er oben auf dem Balken sitzt, Sekunden vor dem Absprung, dann wisse er genau, was er tun muss. "Und ich bin überzeugt, dass das, was ich tue, sehr gut sein wird."

Dass ihn rund 16 Punkte von Ammann trennen, sei jedoch längst keine Garantie für den Sieg, beeilt er sich zu betonen: "Ich werde angreifen müssen." Nervosität ob einer frenetischen Zuschauerkulisse in Bischofshofen dürfte ihn dabei nicht hemmen. Schon in Innsbruck wurden seine Flüge vom überschwänglichen Geschrei der Fans begleitet. Loitzl genießt das, weil er lange genug im Schatten der Wunderkinder Schlierenzauer und Morgenstern gestanden hat.

Die Stars ringen um Aufmerksamkeit

Der nette "Wolfi" aus Bad Mitterndorf in der Steiermark, wo er mit Ehefrau Marika und zwei Söhnen lebt, hatte eben nie gewonnen, keine großen Einzeltitel eingefahren. Jetzt ist das anders, jetzt steht er bei Pressekonferenzen in der Mitte des Interesses und muss ständig in die Mikrofone sprechen, während Schlierenzauer und Morgenstern, beide Stars ihrer Zunft, wie Beiwerk aussehen. Morgenstern zum Beispiel muss schon alberne Witze reißen und laut selbst darüber lachen, damit er auch mal gefragt wird. Schlierenzauer schaut ein wenig schläfrig drein. Dabei könnte auch er theoretisch noch den Gesamtsieg erringen. "Die Chance lebt", sagt Schlierenzauer ein wenig zu pathetisch. Vielleicht setzt ja er auf Hilfe durch Kruzifix oder Buddha-Figur.

FTD

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