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Ironman: "Im Ziel ankommen und dann heim zu Mama"

Faris al-Sultan ist der härteste Sportler der Welt. Der Münchener Triathlet mit moslemischen Wurzeln spricht im stern.de-Interview über seinen Sieg beim Ironman auf Hawaii, Doping und seine Mutter.

Herr al Sultan, Ihr Sieg beim Ironman auf Hawaii liegt jetzt über eine Woche zurück. Mit ein bisschen Abstand betrachtet: Wann wussten Sie, dass Ihnen niemand mehr den Triumph nehmen kann und dass Sie den schwersten Triathlon der Welt wirklich gewinnen können?

Erst zwei Kilometer vor dem Ziel war ich mir richtig sicher. Bis dahin war die Angst vor Krämpfen so groß, da kann man gar nicht an einen möglichen Sieg denken. Die Zuschauer an der Strecke haben mich ja auch schon viel früher gefeiert, aber das bekommt man in der Schlussphase des Ironman nur am Rande mit.

Sie haben für die Strecke (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen, Anm. der Red.) etwas über acht Stunden gebraucht. Ausdauersportler haben eine starke Psyche. Wie sieht während eines Rennens Ihre Kopf-Taktik aus?

Wenn ich beim Start schon ans Finish denken würde, würde ich ob der brutalen Distanz vermutlich zusammenbrechen. So geht es also nicht. Es ist vielmehr so, dass ich mir das Rennen in kleine Abschnitte einteile. Nur was ich akut und jetzt vor mir habe, ist relevant. Das, was dabei von außen kommt, nehme ich nur bruchstückhaft wahr. Natürlich denke ich darüber hinaus auch viel über meine Ernährung nach. Wenn man in dem Bereich etwas falsch macht, hat das fatale Folgen. Okay, ich geb's zu, über die 5000 Dollar Prämie nach der ersten gewonnenen Zwischenwertung hab ich mich bei aller Konzentration diebisch gefreut. Da war ich irgendwie beruhigt. Auch wenn ich als 375. ins Ziel gekommen wäre, die 5000 Dollar hätte mir niemand mehr nehmen können.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie auf der Insel Hawaii so etwas wie Demut empfinden. Was meinen Sie damit genau?

Demut vor allem gegenüber der Insel. Es gibt Kollegen von mir, die gehen da ran und sagen: Ich gewinn das Ding hier auf Hawaii. Aber so funktioniert es nicht. Du brauchst eine gewisse Einstellung zu dieser Insel. Wenn du sie nicht magst, kannst du auf Hawaii nicht gewinnen. Ich bin keiner von der Hokus-Pokus-Fraktion, aber der Schlüssel zum Erfolg beim Ironman liegt mit Sicherheit auch darin.

Am Bildschirm sieht das bei Ihnen im Ziel immer alles sehr harmonisch aus. Nach dem Motto: Wir sind eine große Familie. Wie ist das Verhältnis der Triathleten wirklich untereinander?

Triathlon ist anders als beispielsweise Tennis oder Judo. Da steht mir mein erklärter Todfeind, den ich besiegen muss, gegenüber. Bei uns ist das anders. Dadurch, dass die Distanz so grausam ist, kommen wir alle irgendwann an einen Punkt, an dem uns die Platzierung egal ist. Da wollen wir nur noch heil im Ziel ankommen und dann heim zu Mama. Man ist beim Triathlon mehr damit beschäftigt, sich selbst zu bekämpfen und den inneren Schweinhund zu überwinden. Deshalb vertragen wir uns untereinander tatsächlich überwiegend gut.

Also gibt es keine Außenseiter? Was ist zum Beispiel mit Rutger Beke (der Belgier ist gerade auf wundersame Weise einem Dopingskandal entkommen, weil ihn der belgische Verband trotz positiver A- und B-Proben vom Vorwurf des EPO-Missbrauches freisprach, Anm. der Red.)?

Ich habe ihn nie geschnitten, nach der Siegerehrung sind wir zusammen sogar noch um die Häuser gezogen. Aber ich habe ihm klar gesagt, dass wenn er tatsächlich gedopt haben sollte, ich darauf hoffen würde, dass sie ihn rausschmeißen. Wenn er wirklich unschuldig ist, täte es mir andererseits unglaublich Leid für ihn. Er wird das ja nie mehr los.

Bleiben wir noch kurz beim Doping. Wie man sieht, spielt das Thema in Ihrem Sport leider auch eine Rolle. Wie sehr hat der Doping-Skandal um Nina Kraft dem Triathlon geschadet? (Kraft hatte im letzten Jahr als erste deutsche Frau den legendären Ironman auf Hawaii gewonnen, wurde wegen eines positiven Dopingtests aber disqualifiziert. Sie gestand den Gebrauch des Blutdopingmittels EPO, Anm. der Red.)

Es hat unserem Sport geschadet. Wie sehr, vermag ich nicht zu beurteilen. Das alles ist schade, sehr sehr schade.

Wie sehen überhaupt die Kontrollen auf der prestigeträchtigen Ironman-Distanz aus?

In Hawaii wurden die ersten Zehn kontrolliert. Das ist auch richtig, irgendwann muss man schließlich auch einen Strich setzen. Aber es gibt durchaus Verbesserungsvorschläge meinerseits.

Welche sind das?

Es muss auch bei einem "normalen" Ironman schärfer kontrolliert werden. Das war bisher nicht immer der Fall. In Arizona zum Beispiel bin ich fast vom Sockel gefallen. Da kam ich mit 17 Minuten Vorsprung ins Ziel und wurde anschließend nicht kontrolliert. Ich kann mir schon vorstellen, was danach so getuschelt wurde. Ja Ja der Sultan, der hat das gute Zeug im Blut, deshalb ist der so schnell. So etwas ärgert mich dann maßlos. Ich will, dass sofort nachgewiesen wird. Dann sieht man auch an Ort und Stelle, wer sauber ist und wer nicht.

Themawechsel, Ihr Vater kommt aus dem Irak, Sie selbst bekennen sich zum muslimischen Glauben und tragen seinen Namen. Hatten Sie eigentlich jemals Probleme bei der Einreise, vor allem auch in die USA?

Nein, nicht mal 2001. In dem Moment, in dem du den Pass mit dem Bundesadler vorzeigst, interessiert sich kaum noch ein Amerikaner für deinen Namen.

Wie überlebt ein muslimischer Ausdauer-Profi eigentlich die Fastenzeit?

Die überlebt er gar nicht. Im Ernst: Das kann nicht funktionieren. In der direkten Vorbereitung trainiere ich bis zu zehn Stunden pro Tag. Wenn ich da einen auf Ramadan machen würde, könnte ich direkt meine Koffer packen.

Bleiben wir noch kurz bei der Vorbereitung auf den Hawaii-Ironman. Wie sah die aus?

Die drei Wochen davor sind schon intensiv. Das ist dann wirklich Profibereich, absoluter Hochleistungssport. Trainieren, Essen, Schlafen und sonst nichts. Das sind Phasen. Und wer nicht bereit ist, diese zu durchschreiten, hat keinen Erfolg.

Können Sie denn überhaupt noch genießen?

Ja natürlich. Ich treff mich dann mit meinen Kumpels und spiel Karten oder geh aus. Das Ganze muss einfach nur ein Maß haben. Man muss wissen, zu welcher Zeit man was macht. Das ist der Trick an der ganzen Geschichte. Hart trainieren können viele, aber man muss eben am Punkt X fit sein. Ich führe ein ausgewogenes Leben mit extrem viel Training und Konzentration, sonst schaff ich es nicht, meinen Körper auf eine höhere Stufe zu heben. Aber irgendwann muss man auch runterfahren, vor allem auch geistig. Nur Triathlon, da droht Verblödung.

Gegen die Verblödung hilft Ihnen ja sicher Ihr Studium der Geschichte und Kultur des Nahen Orients?

Das hilft in der Tat gut, aber derzeit habe ich es auf Eis gelegt. Ich bin jetzt scheinfrei und habe nur noch die Magisterprüfung vor mir. Allerdings bräuchte es hierfür viel Zeit, ich müsste meinen Trainingsrhythmus ändern. Das geht nicht mehr als Profisportler.

Sie sind in München aufgewachsen und leben auch heute noch dort. Wie ist das jetzt morgens beim Semmel-Holen, werden Sie nach dem Sieg beim Ironman erkannt?

Das hält sich noch sehr in Grenzen, allerdings wurde ich bis jetzt auch nur von einem Termin zum nächsten geschleppt. Das wahre Leben hat mich jedenfalls noch nicht wieder. In meiner Welt wird sich auch nicht soviel ändern. Ich bin schließlich kein Fußball-Star, sondern nur Ironman-Champ. Der Hype um meine Person ist in zwei Wochen garantiert wieder vorbei.

Sie geben das Stichwort: Hype. Nach Ihrer Ankunft in München haben Sie in den letzten Tagen einen wahren Medien-Marathon absolvieren müssen. Haben Sie den Presserummel eigentlich schon satt?

Ja, aber ich weiß auch, dass ich Verpflichtungen habe. Nicht nur meinen Sponsoren, sondern auch meinem Sport gegenüber. Das muss ich jetzt einfach möglichst professionell über die Bühne bringen. Ein weiterer Punkt ist, dass ich ja diesen wunderbaren arabischen Namen trage. Ich möchte für die Menschen, die in Deutschland leben und ausländische Eltern haben, ein Vorbild sein. Auch mit ausländischem Hintergrund kann man in diesem Land integriert und erfolgreich sein. Über die Medien versuche ich, dieses Thema zu transportieren. Das sehe ich übrigens als meine Pflicht an.

Was machen Sie eigentlich mit den 100.000 Dollar-Preisgeld?

Das meiste davon wandert auf mein Konto. Das ist sehr schön, schließlich habe ich noch nie so viel Geld besessen. Vielleicht kaufe ich mir ein paar neue Geräte für meinen Kraftraum, die kosten aber nicht mehr als 2000 Euro. Aber sonst fällt mir nichts ein. Ich bin ja auch nur Sportler, ich brauche nichts.

Das Interview führte Klaus Bellstedt

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