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Jan Ullrichs Leben: "Einen Vater habe ich nie vermisst"

Auszüge aus der Autobiografie "Ganz oder gar nicht"

Meine Familie wohnte in einer winzigen Wohnung unterm Dach. Zwei Zimmer, eine kleine Küche und ein Badezimmer für günstige 50 Mark Miete im Monat. Meine Mutter arbeitete in einem Gasthof und servierte Bier und Bratkartoffeln mit Spiegelei. Sie war die attraktivste Kellnerin im "Bauernhaus", immer schnell und gut gelaunt. Den vorwiegend männlichen Gästen gefiel das natürlich, und sie waren nicht knauserig mit dem Trinkgeld. Eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle, denn das Studien-Stipendium reichte hinten und vorne nicht. Mein Vater kam in dieser Zeit selten nach Hause. Werner Ullrich arbeitete als Betonarbeiter in einem Plattenwerk in Rostock, seit 1973 aber war er als Soldat der Nationalen Volksarmee bei den Landtruppen in Rostock stationiert. Manchmal zog mein Vater einen feucht-fröhlichen Abend mit seinen Kumpels dem Besuch der Familie vor. Noch hatte meine Mutter nicht aufgehört, auf ihn zu warten, und sie erwartete ihr zweites Kind. Die in der DDR empfohlene Pillenpause nach zwei Jahren Einnahme und ein Kurzurlaub meines Vaters im Februar 1973 hatten ausgereicht, erneut schwanger zu werden. Meine Mutter wusste im ersten Moment nicht, wie alles werden würde. Wie sollte sie das schaffen? Aber nicht eine Sekunde zweifelte sie daran, mich zur Welt zu bringen.

Mit fünfeinhalb lernte ich endlich das Radfahren. Mein Vater brachte es mir bei - eines meiner letzten Erlebnisse mit ihm. Bald danach verschwand er. Mein Bruder Thomas war gerade geboren worden; aus heutiger Sicht ein verzweifelter Versuch meiner Mutter, ihre Ehe zu retten. Denn eigentlich wusste sie längst, dass Werner Ullrich nicht in der Lage war, sein Alkoholproblem und seine Aggressionen in den Griff zu bekommen. Wir Jungs bewunderten unseren Vater oft für seine verrückten Aktionen. Am Silvestermorgen 1977 zum Beispiel lief er mit Skiern nach Rostock, um Pfannkuchen, Knaller und - als besondere Überraschung - Raketen für uns zu holen. Die teilte er uns dann abends mit einer großen Geste zu: "Jan, diese hier ist für dich." Da schaute ich zu ihm auf und war für einen Moment unheimlich stolz, so einen Vater zu haben.

Ich wollte meinen Vater immer in guter Erinnerung behalten. Vielleicht verdrängte ich deswegen später, dass er zu viel trank, dass er oft die Kontrolle über sich verlor und dass er sowohl zu uns als auch zu unserer Mutter brutal sein konnte. Als ich 2002 in eine tiefe Krise geriet, habe ich meine Fehler, meine Ausrutscher, meine Schwindeleien auch schnell wieder vergessen. Ich konnte sie einfach ausblenden, und weg waren die Probleme! Vielleicht ist diese Fähigkeit, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen, in der Zeit mit meinem Vater entstanden. Denn natürlich erlebte auch ich seinen Jähzorn und seine Gewalttätigkeit. Stefan gewiss noch mehr als ich, denn er wollte mit seinen acht Jahren unsere Mutter schon beschützen. Ich war sechs, als mein Vater mich einmal richtig verprügelte. Bis heute erinnert mich eine kleine Narbe am Kopf daran. Nur wenn ich die Haare ganz kurz trage, ist sie zu sehen. Auch eine Erinnerung an meinen Vater, die bleiben wird. Wie die Erinnerung an meine erste Radtour.

Ich wundere mich heute, wie wenig dramatisch ich das allmähliche Verschwinden meines Vaters empfand. Zunächst kam er manchmal an den Wochenende und holte uns ab, damit wir etwas zusammen unternehmen konnten. Er wohnte im Nachbardorf, nur fünf Kilometer entfernt. Aber seine Besuche wurden immer seltener, bald kam er kaum noch, obwohl wir uns verabredet hatten. Ein halbes Jahr später gab er die Weihnachtsgeschenke nur noch unten an der Tür, und schließlich blieb er ganz weg. Ich konnte damals nicht ahnen, dass er für eine sehr lange Zeit aus meinem Leben verschwinden würde.

Es ist nicht so, dass ich ihm böse bin oder ihm etwas übel nehme. Hoch rechne ich ihm an, dass er sich nicht in die Öffentlichkeit drängte, als Journalisten ihn nach meinem Tour-Sieg entdeckt hatten. Ich bin davon überzeugt, dass er so handelte, weil er nicht durch meinen Erfolg bekannt werden wollte, an dem er - abgesehen von seinen Genen - keinen Anteil hatte.

Einen Vater jedenfalls habe ich zu keiner Zeit vermisst. Das hat meine Mutter großartig hinbekommen. Inzwischen bin ich selbst Vater. Seitdem will ich zum ersten Mal wirklich wissen, woher ich komme, wo meine Wurzeln sind. Ich bin neugieriger auf meinen Vater geworden. Wenn ich meine kleine Sarah im Arm halte, wenn ich spüre, dass sie ein Teil von mir ist und ich ein Teil von ihr bin, dann begreife ich nicht, wie man sich so einfach aus dem Leben einer Familie davonstehlen kann.

Direkt nach dem Gewinn der Amateur-WM (1993, Anm. d. Red.) nahm ich an einem Rundstreckenrennen auf dem Kurfürstendamm in Berlin teil. Ich rollte gerade langsam zum Start, als ich hörte, wie jemand meinen Namen rief. Neugierig drehte ich mich um und suchte die Gesichter am Straßenrand ab. Ich wollte schon weiterfahren, als ich ihn erkannte: Dort drüben stand mein Vater. Zögernd fuhr ich auf die Absperrung zu. "Wie geht's dir?", fragte ich ihn, als hätten wir uns das letzte Mal vor 14 Tagen gesehen und nicht vor 14 Jahren. Er antwortete nicht. Seine Augen glänzten. "Mensch Jan, ist das schön, dich zu sehen", sagte er bewegt. Äußerlich hatte sich mein Vater kaum verändert. Was wohl aus ihm geworden war? Ich würde es nicht erfahren. Das Rennen sollte in wenigen Augenblicken beginnen, und ich konnte nicht länger warten. Hastig schrieb mein Vater seine Telefonnummer auf einen Zettel. Ich steckte ihn in meine Trikottasche und fuhr zum Start. Es hatte zu regnen begonnen, und während des ganzen Rennens hörte es nicht mehr auf. Im Ziel war ich völlig durchnässt. Als ich später die Telefonnummer suchte, fand ich nur noch ein aufgeweichtes Stück Papier - lesen konnte man nichts mehr. Das war der letzte Versuch meines Vaters, Kontakt mit mir aufzunehmen. Vielleicht denkt er, ich hätte ihn mit Absicht nicht angerufen. Jedenfalls habe ich ihn seither nie wieder gesehen. Seit meine Tochter Sarah auf der Welt ist, frage ich mich manchmal, wie es wäre, meinen Vater wiederzusehen. Ich suche ihn nicht, hätte aber nichts dagegen, wenn er sich bei mir melden würde. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät für uns.

Ende Juni 2002 ließ sich der nach zwei Knieoperationen und der Tour-Absage depressive Ullrich von einem Freund in einer Disco zwei Ecstasy-Pillen andrehen. So lautet zumindest die Version des Radsportlers. Am nächsten Morgen bekam er Besuch von Dopingfahndern. Ullrichs Probe war positiv, er hatte Amphetamine im Blut.

Nach Bekanntwerden meiner Pillen-Affäre musste ich so schnell wie möglich vor dem Medienrummel flüchten und von zu Hause verschwinden. Ein Freund lotste Gaby und mich per SMS zum Treffpunkt an einer Tankstelle. Von dort aus fuhren wir hinter ihm her, ins Gebirge hinein. Wir fanden Unterschlupf im Hintertuxer Hof, einem Bergbauernhof mit einfachen, geschmackvoll eingerichteten Zimmern. Wir stellten unsere Sachen ab und schalteten den Fernseher ein. Ich starrte auf den Bildschirm. Die ganze Last der letzten Tage, das schlechte Gewissen, die Verzweiflung und die Wut auf mich selbst - alles entlud sich in diesem Augenblick. Ich warf mich aufs Bett und weinte hemmungslos. Gaby ließ mich in Ruhe. Ich glaube, sie war sogar erleichtert, dass ich endlich einmal alles rausließ. Nach einer Weile richtete ich mich auf: "Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. Und es tut mir so leid, aber ich verspreche, ich mache meine Fehler wieder gut." Wir hatten alle Tränen in den Augen. Ich verkroch mich in meinem Versteck. Eine Ausnahme waren nur unsere Abendspaziergänge. Oberhalb der Hütte stand eine kleine, weiß getünchte Kapelle mit einem Schieferdach. Das war unser Lieblingsplatz, hier konnten wir beide für ein paar Minuten allein sein. Gaby sah oft traurig aus. Hatte ich sie schon verloren? Das Leben an der Seite von Radrennfahrern ist schwierig. Gerade wenn man oft getrennt ist, ist es besonders wichtig, einander zu vertrauen. Das heißt nicht, dass man nicht seinen Spaß haben kann, aber es gibt Grenzen, die gemeinsam gezogen werden müssen. Diese Grenzen hatte ich eindeutig überschritten. Ich war in verschiedener Hinsicht zu weit gegangen, und nun vertraute mir Gaby nicht mehr. In einer Situation wie dieser würde sie mich zwar niemals im Stich lassen, sie würde diese Flucht und die zwangsläufig anstehende Pressekonferenz gemeinsam mit mir durchstehen, das wusste ich. Doch was würde danach sein? Ich hatte furchtbare Angst, dass Gaby mich nicht mehr wollte. Aber mir war auch klar: Ich würde um sie kämpfen.

Ein paar Wochen später, nach meiner Pressekonferenz, reisten wir in die Berge Kanadas, um Abstand zu gewinnen. Auf einem Spaziergang sagte ich Gaby, wie sehr ich sie bewunderte. "Wie konntest du nur daran zweifeln, dass ich zu dir halte?", fragte sie erstaunt. "Ich liebe dich. Das ist ja das Schlimme." "Was ist denn daran schlimm?" Ich versuchte ein vorsichtiges Grinsen: "Das ist doch toll."

Gaby musste lachen. "Ja, das habe ich auch mal gedacht." Sie wurde wieder ernst. "Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, wie ich mich gefühlt habe, als du jeden Abend losgezogen bist, ohne auch nur ein bisschen an mich zu denken? Ich war dir völlig egal, du hast gelebt wie ein Single. Weißt du, wie oft ich zu mir selbst gesagt habe: Warum lässt du dir das nur gefallen?" Manchmal blieben wir stehen und blinzelten in die tief stehende Sonne. Aber Gaby war nicht der Typ, der jetzt verliebt mit mir in den Sonnenuntergang geschlendert wäre. So weit waren wir noch nicht. "Du weißt, dass du ein paar entscheidende Dinge ändern musst", sagte Gaby bestimmt. "Mit dem Alkohol muss Schluss sein, davon habe ich wirklich die Nase voll. Jan, du bist Profisportler! Ist dir das nicht peinlich?"

Im August 2002 wurde Ullrich wegen Dopings für sechs Wettkampfmonate gesperrt. Die Telekom kündigte ihm daraufhin. Ullrich ging 2003 bei der Tour de France für das Team Bianchi an den Start und feierte ein unerwartetes Comeback. Nach spannendem Duell mit Lance Armstrong wurde er am Ende lachender Zweiter.

Ich bin immer noch hungrig nach Erfolg. Ich bin im besten Rennfahreralter und fahre im stärksten Rad-Team der Welt, ich habe gute Freunde um mich herum und schöpfe Kraft aus der Geborgenheit meiner Familie. Alle Wünsche, die ich hatte, als ich am tiefsten Punkt meiner Krise angelangt war, sind in Erfüllung gegangen. Was bleibt, ist ein großer Traum: Ich will noch einmal die Tour de France gewinnen. Wenn mir das nicht gelingt, werde ich meinen Neustart als unvollständig empfinden. Aber es gibt noch Fragen zu beantworten. Die wichtigste: Bin ich in der Lage, so hart zu trainieren, mein Team so klug zu führen, dass ich die Tour wieder gewinnen kann? Es geht dabei nicht um das fantastische Gefühl, im Gelben Trikot nach Paris zu fahren, sondern auch darum, ob ich zu einer echten Persönlichkeit werde. Viele Versuche habe nicht mehr, vielleicht zwei, eventuell auch drei. Mit dem Ausgang dieser Rennen wird sich wohl entscheiden, wie man mich in einigen Jahren in Erinnerung behalten wird. Als begnadetes Talent, das es sich oft selbst schwer machte, sich aber immer wieder zusammenriss und am Ende einzigartige Erfolge errang. Oder als schlampiges Genie, das es viel zu selten verstanden hat, seine außergewöhnliche Begabung in unvergessliche Siege zu verwandeln. Ich bin nicht der kühl berechnende Superstar ohne Fehl und Tadel, der sein Leben Tag für Tag dem Streben nach Höchstleistungen unterwirft. Ich will nicht bereits im November mit einer Lebensmittelwaage auf meine Ernährung achten und im März bei Winterwetter die Alpenpässe bezwingen. Ich habe Fehler gemacht und Erfahrungen gesammelt, ich habe mich weiterentwickelt und bin ein reiferer Mensch geworden. Es wird mir dennoch wohl immer wieder schwer fallen, meine Schwächen zu besiegen. Aber wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe und viele an mir zweifeln, dann bin ich ein Kämpfer.

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