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Kommentar: Genickschuss für den letzten Saubermann

Der deutsche Radsport steht wegen des Dopingfalls Stefan Schumacher vor dem Kollaps. Mit einem Schlag ist das Image der Saubermänner vom Team Gerolsteiner vernichtet. Der letzte Visionär eines anständigen Radsports steht vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Von Klaus Bellstedt

Die deutsche Boulevardpresse hatte endlich wieder einen Radhelden aus der Kiste gehoben. Nach den spektakulären Etappensiegen von Stefan Schumacher beim Giro 2006 färbte die Bild sogar ihre Seiten rosa ein. In Anlehnung an das legendäre Rosa Trikot des Spitzenreiters bei der Italien-Rundfahrt, das Schumacher damals ja auch kurz tragen durfte. Der Betrüger stieg im Anschluss an seine Husarenritte rasant zu einer Art Kultfigur auf. Jan Ullrich war ja schon beerdigt. Das Land brauchte neue Helden. Er wurde von Harald Schmidt ins Fernsehen eingeladen. Der Late-Night-Talker und der Rad-Schumi sind Landsleute: Beide haben ihre familiären Wurzeln im schwäbischen Nürtingen.

Dann das Jahr 2007. Schumacher holte bei der Rad-WM die Bronze-Medaille. Und erstmals gab es Auffälligkeiten. Auffällige Blutwerte, ein erhöhter Hämatokritwert während der Titelkämpfe. Schuld soll damals eine Durchfallerkrankung gewesen sein. Wer's glaubt, wird selig. Kurze Zeit später der nächste Aufreger: Unter Alkoholeinfluss lenkte der Rad-Star seinen Porsche an einen Gartenzaun in seiner Heimatstadt. Dabei wurden auch Amphetamine im Blut nachgewiesen. Schumacher will "nicht die geringste Ahnung" gehabt haben, wie die Spuren des Aufputschmittels in sein Blut gekommen sind. Für blöd verkaufen konnte uns Schummel-Schumi schon immer ein Stück besser als die anderen verseuchten Radsportzombies - ob aus Deutschland oder sonstwoher.

Schwerst betrogen

Dass Stefan Schumacher bis zum heutigen Tag weiter Radfahren durfte, lag auch an seinem Team: Gerolsteiner. Die sympathische Equipe aus der Vulkaneifel galt als der deutsche Gegenentwurf zur stasi-sterilen und von Doping-Fällen erschütterten T-Mobile-Mannschaft. Als Vorreiter im Kampf gegen Doping machte sich Teamchef Hans-Michael Holczer in der ganzen Szene einen Namen. Anders als beispielswesie ein Bjarne Riis bei CSC führte Saubermann Holczer seine Mannschaft in Sachen Doping vollkommen kompromisslos. Ein offiziell des Dopings überführter Fahrer hätte unter Holczer bei Gerolsteiner niemals einen Vertrag erhalten. Das Dumme daran: Schumacher wurde eben nie offiziell überführt.

Jetzt wurde er es aber doch. In einer Nachuntersuchung zur diesjährigen Tour de France in der A-Probe wurde Schumacher positiv auf Epo-Doping getestet. Und nicht nur die deutschen Radsportfans (die soll es übrigens tatsächlich noch geben), sondern in erster Linie der stets glaubwürdige und anständige Hans-Michael Holczer fühlt sich schwerst betrogen - auch wenn das Ergebnis der B-Probe noch aussteht. Als hätte man in der Eifel gerade keine anderen Probleme. Trotz intensiver Bemühungen hat Holczer keinen neuen Hauptsponsor für den zum Jahresende ausscheidenden Getränkehersteller gefunden. Ende nächster Woche wird die Equipe aufgelöst.

Vor den Trümmern seines Lebenswerks

Das ist an sich schon tragisch genug. Durch den Fall Schumacher erhält das Team Gerolsteiner nun auch noch den finalen Genickschuss. "Ich werde Stefan Schumacher bis zum letzten Cent, den ich in der Tasche habe, versuchen juristisch zu verfolgen", kündigte Holczer an. Man kann ihn irgendwie verstehen. Der letzte Visionär eines anständigen Radsports steht dank Stefan Schumacher vor den Trümmern seines Lebenswerks. Lasst uns den ganzen Laden endlich abschließen - und Stefan Schumacher möglichst lange wegschließen.

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