Lindsey Vonn Ausgesperrt aus der besseren Welt


Lindsey Vonns Verletzung ist besonders tragisch. Skifahren war für die "Speed-Queen" ein Fluchtpunkt, um ihren Depressionen zu entkommen. Dieser Rückzugsraum bleibt ihr für lange Zeit verwehrt.
Von Christian Ewers

Für Sekunden war noch Hoffnung, dass alles doch nicht so schlimm ist. Dass Lindsey Vonn einfach wieder aufsteht, ihre Ski einsammelt und den Rettungshelfern winkt: Passt schon, ich komme allein zurecht. Es gibt diese Wunder immer wieder im Skisport. Ein dramatischer Sturz bei vollem Tempo, und dann klettern die Verunglückten aus dem Fangzaun und stehen wieder auf beiden Beinen. Bei Hermann Maier war das so, 1998 bei den Winterspielen in Nagano. Maier verlor während des Abfahrtslaufs die Kontrolle, flog 40 Meter durch die Luft und schlug am Pistenrand auf. Drei Tage später gewann er Gold im Super-G.

Solch eine Geschichte wird Lindsay Vonn nicht schreiben können. Ihr Unfall am Dienstagnachmittag in Schladming nahm kein gutes Ende. Vonn musste mit dem Rettungshubschrauber geborgen werden; sie schrie vor Schmerz, neben der Unglücksstelle stand ein Mikrofon, und die Fernsehsender blieben live drauf. Am frühen Abend, nach Röntgen- und MRT-Untersuchungen, bekam Vonn im Diakonissen-Spital Schladming eine niederschmetternde Diagnose: Riss des Kreuzbandes, Riss des Innenbandes, Bruch des Schienbeinkopfes.

Die Weltmeisterschaft ist gelaufen für die 28 Jahre alte Amerikanerin, sie wird lange pausieren müssen. "Lindsey kommt im Winter 2014 zurück", sagt Doug Haney, Sprecher des US-Skiteams. Im Februar 2014 finden in Sotschi, Russland, die Olympischen Winterspiele statt.

Die Angst wird immer mitfahren

Sotschi ist Vonns Ziel. Aber ob sie dann wieder zu alter Stärke gefunden hat? Im alpinen Skisport sind es nicht Niederlagen, die die Wendepunkte einer Karriere markieren. Es sind die Verletzungen. Maria Höfl-Riesch hat zwei Kreuzbandrisse erlitten zu Beginn ihrer Laufbahn. Sie ist noch immer eine herausragende Skifahrerin; aber sie hat Angst. Bei schlechter Sicht fährt sie vorsichtig, sie will kein Risiko mehr eingehen, sie hat nicht den Biss und den Mut, den es braucht um ein schweres Rennen zu gewinnen.

Lindsey Vonn hatte bislang Glück gehabt. Keine schweren Verletzungen, nur Kleinigkeiten, Prellungen, Zerrungen, alles gut und schnell behandelbar. Vonn wurde "Speed-Queen" genannt; kaum eine Fahrerin im Weltcup steuerte die Ski bei Höchstgeschwindigkeit so sicher wie Vonn. Nun ist der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit zerstört.

Depressionen öffentlicht gemacht

Vonn hat ihren größten Trumpf verloren, und das ist für sie besonders tragisch, denn das Skifahren war für Vonn stets mehr als ein Beruf. Es war ein Fluchtpunkt, eine Parallelwelt, in die sie sich zurückzog, wenn es ihr schlecht ging.

Im Dezember veröffentlichte das amerikanische Magazin "People" ein Interview, in dem Lindsey Vonn sagte, dass sie vor vier Jahren erstmals Antidepressiva genommen hat. "Ich fühlte mich hoffnungslos, leer, wie ein Zombie. Ich konnte nicht einmal mehr weinen." Vonn sprach auch über ihre Kindheit, über ihre Familie, die zerbrochen ist. "Als sich meine Eltern scheiden ließen, habe ich zu mir selbst gesagt: Geh' schlafen, morgen kannst du Ski fahren. Ich habe mich in den Schlaf geweint, und morgens war ich auf dem Berg und es ging mir gut. Wenn ich Ski fahre, bin ich glücklich."

Es war ein mutiges Interview, entwaffnend offen, Hochleistungssportler versuchen ihre Schwächen meist zu kaschieren, sie wollen keine Angriffsflächen bieten, und über psychische Probleme reden sie schon gar nicht.

Verlorener Rückzugsraum in die bessere Welt

Vonn hat ein großes Team um sich, das versuchen wird, ihr Halt zu geben. Von der depressiven Erkrankung wussten jedoch ihre engsten Helfer nicht. Sie lasen davon in der Zeitung. Vonn macht die Dinge gern mit sich selbst aus.

"Lindsey hat eine schwere Zeit hinter sich", sagt Alex Hödlmoser, Trainer des US-Frauenteams, "erst die Trennung von ihrem Mann, dann diese Depressionsgeschichte. Sie hat sich da wieder rausgekämpft. Wenn es Probleme gibt, trainiert sie noch härter. Das ist ihre Antwort. Ich kenne keine Sportlerin, die so sehr an sich arbeitet wie Lindsey."

Vonn wird nach ihrer schweren Verletzung andere Antworten finden müssen. Das Skifahren, die bessere Welt, ihr Rückzugsraum, bleibt ihr für lange Zeit verwehrt.


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