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NBA Basket Case - Die Saison kann beginnen


Wie funktioniert das neue CBA? Was ist die Amnesty Clause? Und wieso sind die Miami Heat so glücklich? Der Basket Case erklärt.  

Was für ein Wochenende für alle NBA-Fans! Nichts ahnend war ich am Samstag aufgestanden, in die Redaktion gefahren – und konnte das grinsende Gesicht des ersten Kollegen, der mir über den Weg lief, kaum einordnen. Schnell E-Mails gelesen, einige Webseiten gecheckt – und tatsächlich, der Moment auf den so viele Fans gewartet hatten, war gekommen - es gab Ergebnisse der letzten Verhandlungsrunde der NBA! Schluss mit den Freundschaftsspielen und Benefizveranstaltungen, Schluss mit Monatsverträgen für NBA-Stars in anderen Ligen, um das Marketing der Stars aufrechtzuerhalten, und vor allem Schluss mit Nächten ohne den vielleicht schönsten Sport der Welt!

Zunächst mochte ich es kaum glauben, war ich beim Schreiben meiner letzten Kolumne doch tatsächlich an dem Punkt angelangt, an dem ich eine Saison kaum noch für möglich hielt. Aber nach und nach machte sich das wohlige Gefühl in mir breit, dass man hat, wenn ein lange verloren geglaubter Freund wieder ins Leben tritt, ein geliebtes Haustier sich von einer Krankheit erholt oder einfach irgendetwas passiert, was man nicht erwartet hätte und in einem plötzliche Freude verursacht – ab Weihnachten wird es wieder Basketball zum schauen, bestaunen und analysieren geben! Und zu Danken haben wir nicht dem Weihnachtsmann, sondern der scheinbar plötzlich wiedergefundenen Vernunft der Verhandlungspartner.

Billy Hunter und David Stern haben es also auf den allerletzten Drücker doch noch geschafft, ein für beide Seiten akzeptables Collective Bargaining Agreement zu entwerfen. Nun müssen zwar noch sämtliche Spieler und Besitzer darüber abstimmen – was passiert, sobald die Spieler die NBAPA, die Gewerkschaft, wieder neu gegründet haben - , aber große Hindernisse sollte das nicht mehr bieten, schließlich wussten sowohl Hunter als auch Stern genau, wie viel Spielraum sie hatten, um zu einer Einigung zu kommen. Vieles bleibt demnach so, wie es bereits für das letzte CBA ausgehandelt worden war, einige kleine Änderungen sind dennoch interessant.

Viele Kompromisse – wieso nicht früher?

Zum einen werden die maximalen Vertragslängen auf vier Jahre für Rookies sowie fünf Jahre für alle anderen Spieler beschränkt, ein Kompromiss, der die Besitzer jedoch vielleicht vor schwerwiegenden Fehlern vor allem bei Verträgen mit maximalen Gehältern bewahrt. Außerdem wird es ab dem dritten Jahr des Tarifvertrags wesentlich teurer, über dem Salary Cap, der Höchstgrenze für das Gehalt des kompletten Kaders, zu liegen. Statt wie bisher für jeden Dollar über der Grenze einen weiteren Dollar an die Liga abzuführen, könnten es in Zukunft bis zu 3.75 Dollar werden, die der Liga und den finanzschwächeren Teams pro Dollar über der Grenze zugute kommen. Damit ließen die Besitzer aber von der Forderung einer harten Obergrenze ab, sodass ein Team wie die Mavericks seinen Free Agents (Tyson Chandler, Jose Barea) trotz sowieso schon hoher Gehälter gute Verträge anbieten kann – solange Besitzer Mark Cuban die Rechnung dafür bezahlt.

Und natürlich besteht weiter die Frage nach der Verteilung des BRI (Gesamteinnahmen der Liga), lange ja der Hauptstreitgrund zwischen den beiden Parteien. Letzten Endes einigte man sich hier auf eine 50:50-Teilung, wobei die Spieler je nach Höhe des Gesamt-BRI's auf bis zu 51.2 Prozent kommen können – oder aber bei sinkenden Einnahmen nur 49 Prozent erhalten könnten.

Viele weitere kleine Punkte, wie zum Beispiel ein Treuhandkonto, auf dem bis zu 10 Prozent der gesamten Spielergehälter eingefroren werden, falls das BRI einen gewissen Wert nicht übersteigt, oder der Fakt, dass Teams über dem Salary Cap nur in den ersten zwei Jahren des CBA Sign-and-Trades vornehmen dürfen, müssen noch genau definiert werden, aber Hindernisse auf dem Weg zum Saisonstart am 25. Dezember sollten diese nicht mehr darstellen.

Die Amnesty Clause - Zahltag für Bankdrücker

Und somit können wir uns zum ersten Mal seit Monaten wieder wirklichen Basketballgeschichten widmen. Nun gut, gespielt wird natürlich immer noch nicht, aber zumindest die Spekulationen um Trades, Free Agents und vor allem die neue Amnestie Klausel im CBA sollte uns einen spannenden Dezember bescheren.

Amnesie? Alles vergessen, was in den letzten Monaten passiert oder eben nicht passiert ist? Nein, bei der Amnestie handelt es sich um eine Möglichkeit für jedes Team, einmalig den Vertrag eines Spielers kündigen zu dürfen, ohne dass das Gehalt des Akteurs in der kommenden Saison auf den Salary Cap angerechnet wird. Natürlich bekommt der jeweilige Spieler das komplette Gehalt für die Restlaufzeit seines Vertrags ausbezahlt, doch für die Teambesitzer war dieser Punkt einer der wichtigsten im CBA. Bereits im letzten CBA gab es eine solche Klausel, als zum Beispiel Dallas' Besitzer Mark Cuban den Veteranen Michael Finley ausbezahlte und zum Free Agent machte – woraufhin der prompt für viel weniger Geld beim Erzrivalen der Mavericks, den San Antonio Spurs, anheuerte.

Einige Teams, besonders die, die seit Jahren Kader aufbauen, ohne ausschließlich auf Namen zu schauen, werden von dieser Regel, zumindest in dieser Saison wohl keinen Gebrauch machen. Wen sollten die Chicago Bulls, die Dallas Mavericks oder die Oklahoma City Thunder schon loswerden wollen? Bei anderen Teams hingegen sind die Kandidaten klar. Washington wird Rashard Lewis, zusammen mit einer netten Abfindung von knapp 30 Millionen Dollar, vor die Tür setzen. Denver wird sich aller Voraussicht nach von Al Harrington und den restlichen 22 Millionen Dollar, die dem Forward noch zustehen, trennen.

Die Miami Heat scheinen die 24 Millionen, die dem dauerverletzten Mike Miller noch zustehen, bereits für die Akquise eines oder mehrerer Altstars verplant zu haben – im Gespräch sind Namen wie Vince Carter oder auch Grant Hill, die den Heat zu Sparpreisen endlich dabei helfen sollen, die geplante Titelsammlung zu eröffnen – schließlich würden viele Veteranen für die Möglichkeit, mit LeBron James und Dwyane Wade Titel zu gewinnen, auf Geld verzichten. Und als Krönung dürfte sich Gilbert Arenas über knapp 60 Millionen Dollar freuen, die ihm laut seines Vertrags mit den Orlando Magic noch zustehen.

Darf man Top-Stars einfach gehen lassen?

Bei einigen anderen Clubs ist die Lage hingegen weitaus weniger klar. Werden die Cleveland Cavaliers ihren lustlosen Point Guard Baron Davis trotz Übergewichts behalten, um dem ersten Draftpick 2011, Kyrie Irving, die Eingewöhnung in die Liga einfacher zu gestalten? Wird Utah Mehmet Okur abgeben wollen, wohl wissend, dass er für viele Konkurrenten eine große Verstärkung darstellen würde? Wird Portland sich schweren Herzens von knapp 50 Millionen Dollar und dem eigentlichen Star der Franchise, Brandon Roy, trennen wollen, nachdem dieser in der letzten Saison einmal mehr bewies, wie verletzungsanfällig er ist? Oder hat man Angst, die Fans würden es dem Club nie verzeihen?

Und auch die Spurs stecken in einem solchen Dilemma. Sollte man Richard Jefferson gehen lassen? Natürlich könnte man damit fast 30 Millionen Dollar über drei Jahre “einsparen“ (auf den Salary Cap bezogen), doch Tim Duncan wird nicht mehr ewig spielen, und eine Meisterschaft gewinnt man eher mit einem Jefferson als ohne ihn. Und schlussendlich steht hinter jeder Entscheidung ja noch die Angst, zusehen zu müssen, bei welchem Konkurrenten der geschasst Spieler dann zum Dumpingpreis unterschreibt und voll motiviert die Saison seines Lebens spielt.

Ein Fakt, auf den sich wie oben erwähnt besonders die Miami Heat verlassen dürften. Eben jene Heat, die nach der Verpflichtung von LeBron James und Chris Bosh ja bereits am oberen Ende der Gehaltsskala angekommen waren, dürften am Ende die großen Gewinner bei der Verlosung der vielen plötzlich vertragslosen Spieler sein – denn welcher Altstar würde nicht gerne zum Ende seiner Karriere noch ein oder zwei Titel gewinnen, was in einem Team um zwei der besten Spieler der Liga durchaus möglich sein sollte, wie der Einzug ins Finale der letzten Spielzeit ja bereits bewies.

Die große Europa-Flucht

Ab dem 9. Dezember, wenn planmäßig die Saisonvorbereitung der Teams sowie die Trade-Periode beginnen sollen, werden wir alle schlauer sein. Bis dahin bleibt zumindest noch Zeit, sich an allerlei Spekulationen zu erfreuen, was Wechsel, Free Agents und eben jene Amnesty-Spieler betrifft.

Zeit, die vielen europäischen Clubs mit ihren aus Amerika verpflichteten Stars nicht mehr bleibt. Da die meisten der abgeschlossenen Verträge Ausstiegsklauseln für den Fall einer doch stattfindenden NBA-Saison beinhalten, wird nun also die große Heimreisewelle einsetzen. Was für einige Clubs sicher sehr schade ist. So hatte Besiktas Istanbul nicht nur einen unterschriftsreifen Vertrag für Lamar Odom von den Los Angeles Lakers vorliegen, auch der bereits in Europa spielende Deron Williams wird seinen Dienst bei den New Jersey Nets wieder antreten – nachdem er sich gerade in einem Spiel der EuroChallenge gegen die BG Göttingen mit einem Karrierehöchstwert von 50 Punkten eindrucksvoll auf der europäischen Bühne vorgestellt hatte.

Und auch Teams wie Real Madrid (Rudy Fernandez, Serge Ibaka), Maccabi Tel Aviv (Omri Casspi, Jordan Farmar) oder die Asvel Baskets aus Frankreich (Tony Parker, Ronny Turiaf) dürften nicht gerade froh sein, dass die NBA wieder beginnt, zu spielen – schließlich versprachen die Stars neben tollen Leistungen doch auch einiges an Presserummel und Marketingmöglichkeiten für die Clubs.

Ich für meinen Teil kann nur sagen, so nett der Gedanke an einige NBA-Stars in den europäischen Ligen und Wettbewerben auch ist, lieber ist mir, sie spielen alle dort, wo sie hingehören: In einer, voraussichtlich auf 66 Spiele angelegten, Saison der besten Basketballliga der Welt, mit allen dazu gehörigen Dramen rund um Playoffs, Favoritenstürze und Trades – und einer hoffentlich genau so unterhaltsamen Spielzeit, wie es im letzten Jahr der Fall war.

Natürlich wird der Basket Case weiterhin alle Facetten der NBA beleuchten, beim nächsten Mal dann hoffentlich bereits mit den ersten Trade- und Amnestie-Geschichten und -Gerüchten, bis es dann am ersten Weihnachtstag endlich heißt: Ball don't lie - Let's play Ball!

Oliver Stein

sportal.de sportal

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