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Sabine Lisicki im stern.de-Interview: "Ich denke nicht über die Rocklänge nach"

Sie ist Deutschlands neue Tennis-Heldin - trotz des verlorenen Wimbledon-Finales: Sabine Lisicki. Bei stern.de spricht sie über fehlende Kraft im Endspiel, Sexismus im Sport - und Tennis im TV.

Entspannt wirkt sie und überhaupt nicht frustriert. Sabine Lisicki hat ihr Lachen nach der Finalniederlage von Wimbledon am vergangenen Wochenende schon lange wiedergefunden. Aber klar: Das Endspiel ist immer noch in ihrem Kopf. "Ich war bereit, Wimbledon zu gewinnen", sagt sie. Warum es dennoch nicht geklappt hat, lesen Sie im Interview unten. stern.de traf Sabine Lisicki zum Gespräch in einem Luxushotel in ihrer Heimat Berlin.

Sabine, inwieweit hat Sie der Medienhype eigentlich beeinflusst. Man hatte vor dem Finale das Gefühl, dass es in der Presse nur darum ging, wie hoch Sie das Finale gewinnen würden ...

Ich habe mich total abgeschirmt und nichts davon mitbekommen, was in Deutschland los war. Das scheidet als Grund für die Niederlage schon mal aus - wenn Sie darauf hinauswollen.

Das heißt, Sie hatten auch Ihr Handy ausgestellt?

Nein, das nicht. Aber die Nummer haben nur meine Freunde und meine Familie. Da war Ruhe. Erst nach dem Finale ging es los. Da habe ich mir dann ja selber ein Bild machen können (lacht).

Gab es denn einen Zeitpunkt im Finale, wo Sie gemerkt haben: Heute geht nichts?

Ich habe es schon im ersten Satz ganz früh gespürt. Da habe ich ja schon leichteste Bälle verschlagen. Mein Körper wollte einfach nicht. Mein Geist schon.

Es war also eine Frage der Kraft?Ganz klar. Die Matches, die ich bis zum Finale spielen musste, waren hart. Da habe ich viel gelassen. Marion Bartoli musste immer nur über zwei Sätze gehen. Ich habe die Nummer 1 und die Nummer 4 der Welt in drei langen Sätzen bezwungen. In meiner Setzhälfte ist keiner herausgefallen. Marions höchstplatzierte Gegnerin war die Nummer 17. Ich habe es mir erkämpft.

Aber lag es nicht auch am enormen Erfolgsdruck, der auf Ihnen lastete?

Nach dem Serena-Match wurde mir die Favoritenrolle zugeschoben. Das war auch ok. Das fand ich gut. Ich habe keinen Druck gespürt. Außerdem ist Druck doch ein Privileg. Die Leute glauben an dich. Dann kommt der Druck. Nein, ich habe wirklich einfach nur körperlich gemerkt, es geht nicht.

Vom Kopf wären Sie also bereit gewesen, Wimbledon zu gewinnen?

Auf jeden Fall. Deshalb habe ich auch Serena Williams geschlagen. Und die zwei Matches danach auch. Gegen Radwanska 9:7 im dritten Satz. Mehr Nervenstärke geht nicht. In einem Halbfinale. Ich war bereit. Bereit, dieses Turnier zu gewinnen. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich so empfunden. Es lag an der fehlenden Kraft und an den vielen neuen Eindrücken beim Finale. Aber ich weiß auch: Für die Zukunft werde ich daraus meine Lehren ziehen. Denn die Erfahrung habe ich ja jetzt.

Nochmal kurz zu Ihrer Gegnerin. Marion Bartoli wurde bei Twitter und auch von einem BBC-Reporter zum Teil übel angegangen - weil sie anscheinend nicht dem Schönheitsbild einer Tennisspielerin entspricht. Das grenzte schon an Sexismus. Was sagen Sie dazu?

Ich habe nichts davon mitbekommen. Aber ich finde es natürlich nicht in Ordnung. Wir stehen auf dem Platz, um Tennis zu spielen. Marion hat Wimbledon gewonnen. Sie ist jahrelang auf der Tour. Sie arbeitet täglich. Sie kämpft täglich. Das zählt.

Inwieweit ist Ihnen bewusst, wie Sie von Männern auf dem Platz angeschaut und wahrgenommen werden?

Das ist mir gar nicht bewusst.

Mal ganz ehrlich: Ist das denn nicht auch Teil des Geschäfts, zu provozieren, zu polarisieren? Ich denke da an Serena Williams und ihre Fingernägel oder an Maria Sharapova und ihr ganzes Gehabe

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich bin auf dem Platz so, wie ich bin. Der Heckmeck, den die anderen veranstalten, interessiert mich nicht. Ich möchte mit meinem Schläger sprechen - und mit nichts anderem. Klar will ich auf dem Platz auch gut aussehen. Das will ich gar nicht abstreiten. Ich will mich in meinem Outfit sicher auch wohlfühlen. Aber ich denke nicht über die Länge meines Rockes nach. Sondern darüber, wo ich als nächstes den gelben Ball hinspielen werde.

Wer ist eigentlich für Ihre kunstvoll geflochtenen Frisuren verantwortlich. Das sieht ja immer nach stundenlanger Arbeit aus ...

Nö, ich mach das selber. Das dauert nicht länger als fünf bis zehn Minuten (lacht).

Fab Sab, Doris Becker, Bumm Bumm Bine, Ihre Spitznamen klingen alle hart und wuchtig. Erkennen Sie sich eigentlich darin wider?

Das gehört dazu. Es ist eben auf mein Spiel bezogen. Privat bin ich ganz anders. Auf dem Platz kämpfe ich und spiele druckvolles Tennis. So wie Boris Becker früher. Er hatte auch einen guten Aufschlag und sein Wohnzimmer war auch Wimbledon. So wie bei mir.

Was wird denn jetzt nach ihrem grandiosen Aufritt in Wimbledon in Tennis-Deutschland passieren? Kommt Tennis wieder aus der Nische heraus? Und wie ginge das? Einer der ersten Schritte wäre es, Tennis-Turniere wie das in Wimbledon wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen. Wenn sich die Menschen für Tennis interessieren, aber nichts davon sehen können, ist es schwer einen Bezug zu dieser Sportart herzustellen. Ich saß früher auch vor dem Fernseher, bin nachts aufgestanden und habe mir Matches von den Australian Open angeschaut. Weil es rauf und runter lief. Tennis gehört ins Fernsehen.

Und was noch?

Ein Turnier in Berlin, dazu auch noch auf Rasen, das wäre natürlich ein Traum. Es ist sehr schade, dass es mit Stuttgart nur ein größeres Turnier in Deutschland gibt. Es muss auch eines in der Hauptstadt geben. So etwas gehört einfach nach Berlin.

Glauben Sie an einen Hype?

Ich erhoffe mir wirklich, dass es einen kleinen Boom geben wird - und dass der auch anhält. Ich wünsche mir, dass wieder kleine Kinder zum Schläger greifen und Spaß an dieser einmalig schönen Sportart haben werden.

Interview: Klaus Bellstedt

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