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Lisicki-Niederlage in Wimbledon: Vorläufig ausgeträumt

Sabine Lisicki und Wimbledon, das war Liebe auf den ersten Blick. Und dann ging plötzlich alles schief. Gegen Marion Bartoli hatte die Berlinerin keine Chance. Jetzt will sie weiterkämpfen.

Von Petra Philippsen, Wimbledon

Am Ende zwang sich Sabine Lisicki doch noch zu einem Lächeln, auch wenn ihr das wohl nie schwerer gefallen war, als in diesem Moment. Sie drehte ihre eigene, kleine Ehrenrunde auf dem Rasen von Wimbledon, als viele Zuschauer den Centre Court bereits verlassen hatten. Sie winkte den verbliebenen Fans zu, die ihr zujubelten, so warm und herzlich, wie sie es in den vergangenen zwei Wochen im All England Club getan hatten. Und es schien beinahe schon tragisch, dass ausgerechnet jene Spielerin, die die Briten mit ihrem strahlenden Lächeln erobert hatte, nun in Tränen aufgelöst und untröstlich war. Die Berlinerin hielt die silberne Platte für die Zweitplatzierte in den Händen, doch das war nicht jene, die sie gewollt hatte. Marion Bartoli durfte die goldene Venus Rosewater Dish hochrecken. Und als dieses kunstvolle Stück 1864 gearbeitet wurde, kostete es bloß 50 Guineas - der Moment jedoch, sie nun festhalten zu dürfen, wäre für Lisicki unbezahlbar gewesen. "Ich habe immer davon geträumt, diese Schale einmal in der Hand zu halten", sagte sie später zutiefst enttäuscht. Die Französin hatte ihren Traum zerstört, in nur 81 Minuten mit 1:6 und 4:6.

Irgendwie war alles schief gegangen an diesem Tag, der doch eigentlich ihr großer Augenblick hätte werden sollen. Lisicki und Wimbledon, das war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Nirgendwo spielte die 23-Jährige besser, als auf diesem Rasen, nirgendwo sonst fühlte sie sich wohler, und nirgendwo anders wollte sie unbedingter gewinnen, als auf in diesem altehrwürdigen Stadion, in dem man die Tennishistorie förmlich atmen kann. Und Lisicki schien bereit zu sein. Sie war in diesem Turnier mehrfach durch Feuer gegangen. Gegen die Weltranglistenerste Serena Williams hatte sie schon mit 0:3 im entscheidenden Satz zurückgelegen und drehte die Partie noch furios. Gegen Agnieszka Radwanska wiederholte sie das Kunststück im Halbfinale. "Jede Runde hat mich stärker gemacht", sagte Lisicki, und sie wirkte, als könne ihr in diesen Club-Mauern nichts und niemand etwas anhaben. Als habe sie Nerven aus Stahl.

Lisicki fing mitten im zweiten Satz an, zu weinen

Da sollte ihr doch auch ihr erstes Grand-Slam-Finale keinen Schrecken einjagen, schon gar nicht an ihrem Wohlfühlort. Und Lisicki liebt die große Bühne ohnehin. Dort, wo andere zittern, läuft die 23-Jährige stets zu Hochform auf. Ihre Kollegin Andrea Petkovic taufte sie nicht umsonst liebevoll "Rampensau". Es schien alles bereit zu sein für ihren ersten Wimbledonsieg, den ersten für eine deutsche Spielerin seit Steffi Graf vor 17 Jahren. Und als Lisicki den Rasen betrat, wirkte sie dann fast schon beseelt von diesem Moment. Sie strahlte und saugte die besondere Atmosphäre in sich auf.

Lisicki schaffte sofort das Break, doch danach packte sie die Nervosität, die sie lähmte und bis zum Ende nicht mehr loslassen sollte. Bartoli, die so unorthodox spielt, wie niemand sonst auf der Damentour, zeigte die Partie ihres Lebens und hämmerte mit ihren beidhändigen Schlägen so bedingungslos auf die Bälle, wie es sonst eigentlich Lisicki tut. Die Berlinerin dagegen spielte nicht, wie sie selbst. Ihr Aufschlag ließ sie im Stich, nichts funktionierte. "Ich war so enttäuscht, dass ich nicht so spielen konnte, wie ich es sonst kann", erklärte sie später. Sie lag schon mit einem Break zurück, als Lisicki mitten im zweiten Satz anfing, zu weinen. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, kassierte das nächste Break, aber irgendwie spielte sie weiter. "Ihr Körper war einfach leer", würde ihr Trainer Wim Fissette später sagen. Es war kein Wunder nach all den zehrenden Matches, die auch ihren Kopf Kraft gekostet hatten.

"Ich habe wirklich versucht, mich zu konzentrieren, aber es ging einfach nicht", bedauerte Lisicki, "die mentale und physische Müdigkeit war wohl doch größer, als ich mir eingestehen wollte." Sie hatte nicht geglaubt, dass sie dieses erste Grand-Slam-Finale ihrer Karriere so nervös machen könnte. Bartoli hatte vor sechs Jahren schon mal im Wimbledon-Endspiel gestanden, und von dieser Erfahrung profitierte die 28 Jahre alte Französin nun. Mehr noch, da sie wusste, dass es vermutlich ihre letzte Chance auf einen großen Titel war. "Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst", hatte sie Lisicki zum Trost gesagt und die Berlinerin dabei herzlich umarmt, "aber ich habe keinen Zweifel daran, dass du es beim nächsten Mal schaffen wirst." Und Lisicki machte sich am Ende eines tränenreichen Tages dann doch noch einmal selbst Mut. Sie ist schließlich eine Kämpferin, das betont sie immer wieder. Und in den letzten Wochen hatte sie sich auch dank ihres neuen Trainers aus dem Tief herausgekämpft. "So hart diese Erfahrung heute auch für mich war", sagte sie und lächelte schon wieder: Sie wird mir in Zukunft helfen und eine noch bessere Spielerin aus mir machen."

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