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Schwimm-EM: Das deutsche Fräuleinwunder geht weiter

Nachdem die Staffel der Frauen bei der EM in Budapest bereits Gold über 4x100 Meter Freistil gewonnen hat, kommt nun auch noch der Titel über die 4x200 Meter dazu. Die deutschen Mädels sind einfach unschlagbar, allerdings hat keine von ihnen mit so einem Erfolg gerechnet.

Sie steckten das Phänomenale weg, als wäre nichts geschehen. Britta Steffen grüßte mit einem lockeren "hi", Petra Dallmann eilte zielstrebig zu einem Stuhl, Annika Liebs trug ihren Blumenstrauß als Trophäe vor sich her, Daniela Samulski grinste breit. 90 Minuten zuvor hatte das Quartett mit dem dritten Weltrekord binnen vier Tagen das deutsche "Fräulein-Wunder" des Welt- Schwimmsports auf einen vorläufigen Höhepunkt getrieben. 7:50,82 Minuten über 4 x 200 Meter Freistil, 2,60 Sekunden besser als Olympiasieger USA am 18. August 2004 in Athen - ein Erdrutsch.

"Wo ich das hergenommen habe, weiß ich nicht." Die 26 Jahre alte Würzburgerin Liebs suchte vergebens nach einer Erklärung. Die war eigentlich ganz einfach: schnell schwimmen, alles riskieren. Beim Wechsel der Berlinerin Steffen auf Schlussfrau Liebs wäre es beinahe schief gegangen: Nur 6/100 Sekunden ließ sich Liebs Zeit, um vom Block zu springen. Nach vier Bahnen stand bei ihr eine "fliegend" registrierte 1:55,64 zu Buche. Schneller war nie eine, volles Risiko mit gutem Ende. "Ich denke, wir sind alle vier über uns hinaus gewachsen. Und dann kommt so etwas zu Stande", ließ Annika Liebs wissen. Die drei Mädels, die vor ihr im Wasser waren, hätten ihr Sicherheit gegeben: "Das macht Spaß."

Schwimmerinnen machen das perfekte Rennen wahr

Es sei "fantastisch", beurteilte Cheftrainer Örjan Madsen die Leistung seines Power-Quartetts. "Aber der Weltrekord ist für mich keine Überraschung", meinte der 60 Jahre alte Sportwissenschaftler aus Norwegen, der im Scherz seinen Rücktritt ankündigte: "Ich habe mich entschieden, dass ich nach der EM aufhöre." Besser könne es ohnehin nicht mehr werden, schien Madsen zu denken.

Als er wieder ernst wurde, klang seine Erklärung für den abermaligen Weltrekord ganz einfach. Man müsse nur die Einzel-Zeiten der Protagonistinnen addieren und käme auf eine Weltbestmarke. Doch daran dürfe im Wasser keine denken: "Du musst dich Zug um Zug konzentrieren. Nur darauf kommt es an. Und wenn vier Schwimmerinnen harmonieren, inspirieren sie sich gegenseitig und wachsen über sich hinaus."

So, wie Madsen es erklärte, war die Weltbestmarke ein Kinderspiel. Abdüsen und mal so eben einen schwimmerischen Erdrutsch verursachen. Weltrekord-Neuling Daniela Samulski, die 22-Jährige aus Wuppertal, fand es "einfach schön". Doch innerlich war sie fassungslos: "Es braucht noch ein paar Tage, um das zu realisieren." Und Britta Steffen wusste "eigentlich gar nicht, was ich dazu noch sagen soll. Der deutsche Schwimmsport lebt wieder auf. Und darauf können wir alle stolz sein."

Freiheit führt zum Erfolg

Vielleicht liegt es an Madsen, der seinen Staffel-Leuten die Wahl lässt, an welcher Position sie schwimmen wollen. Petra Dallmann rief "ziemlich laut 'hier', als es hieß, wer schwimmt die Staffel an". Der eigene Mut habe sie ein wenig verunsichert: "Danach hat es nur noch Spaß gemacht, den anderen zuzuschauen." Vielleicht liegt das "Fräulein-Wunder" aber auch daran, dass es keine überfliegenden Stars mehr gibt: "Ich bin stolz, ein Teil dieser Mannschaft zu sein", bekannte die Heidelberger Ärztin Dallmann, die sich nach eigenem Bekunden schon mal gefragt hat, ob sich das Schwimmen überhaupt noch lohne: "Und dann bekomme ich so eine Antwort."

Im Überschwang der Gefühle entwickelte Petra Dallmann sogar Verständnis für bohrendes Nachfragen nach möglichen anderen Ursachen der deutschen Weltrekorde von Budapest: "Wäre ich nicht dabei und würde vor dem Fernseher sitzen, würde ich auch nicht daran glauben." Aber jetzt sei sie "ein Teil davon. Bei Leistungsexplosionen ist die Frage immer im Raum. Wir stehen drüber."

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