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Ski-WM: Gold für Lange - Blech für die Skispringer

Während André Lange nun auch per Viererbob eine Goldmedallie einheimsen konnte, mussten sich die deutschen Skipringer im Teamwettbewerb mit dem undankbaren vierten Platz begnügen.

Der 23. Februar ist endgültig der Glückstag für André Lange: Auf den Tag genau nach einem Jahr wiederholte der Oberhofer in Lake Placid die Gold-Fuhre von Salt Lake City. Erneut war es in Nordamerika, erneut war es der dritte Lauf, der die Vorentscheidung brachte, und erneut fuhr er die neu gefrästen alten DDR-Kufen. Nach seinem ersten "Double" bei einer Weltmeisterschaft gab es im Hotel-Pool erst ein Champagner-Bad, dann ließ es der 29-Jährige am Sonntagabend im Kufen-Pub "Zig Zags" richtig krachen.

Fröhliches "Schädelfluten"

Erst in den Morgenstunden kehrten die letzten aus seiner Crew ins Mannschaftshotel zurück. "Es waren rundum gelungene zwei Wochen, die ich erst einmal sacken lassen muss. Jetzt wird der Erfolg nur noch genossen. Die Jungs haben hart gearbeitet und es sich jetzt verdient", sagte der Vierer-Olympiasieger von 2002, der das Biertrinken nach dem Wettkampf nur als "Schädelfluten" bezeichnet.

Vom zweifachen "Gold-Sozius"

Sein zweifacher "Gold-Sozius" Kevin Kuske spülte dabei gleich ein wenig Frust mit runter, denn der Modellathlet muss unmittelbar nach seiner Ankunft in Potsdam unters Messer. "Die Bandscheibenprobleme waren fast unerträglich", sagte der ehemalige Sprinter. Auch Langes Ersatzmann Lars Behrendt wird in Kürze am Knie operiert und fällt wie Kuske mehrere Wochen aus. Die Saison ist zwar vorbei, doch die besten Piloten nutzen die verbleibende "Eiszeit" auf den Kunsteisbahnen noch zu Materialtests.

Immer noch Spaß am Kräftemessen

So auch der Winterberger René Spies, der selbst nach vier Monaten Wettkampfstress noch Spaß am Kräftemessen hatte. Der Europameister und WM-Dritte im Zweierbob forderte am Sonntagabend bei heftigem Schneefall seine Anschieber Rafael Gruszecki und Jens Nohka auf dem Eis-Oval von Lake Placid, wo Eric Heiden 1980 fünf Mal Gold im Eisschnelllaufen gewann, zum Sprint heraus: Mit Bürstenschuhen und hauchdünnem Rennanzug gewann Spies gegen seine in Schlittschuhen antretenden Crew-Mitglieder und besserte seine Dollar-Kasse für das anschließende "Kampftrinken" mächtig auf.

Auch im Urlaub Materialtests

Nun freut sich der Pilot, der nach einer schlechten Auslosung am ersten Tag Bronze knapp verpasste, nur noch auf seine Familie. "Ich möchte jetzt viel Zeit mit meiner Frau Esther und meinem 20-monatigen Sohn Finn verbringen. Sie sind in letzter Zeit viel zu kurz gekommen. Wir fahren eine Woche nach Königssee zum Skifahren und Rodeln", sagte Spies. Den Urlaub will er aber gleich noch für einige Materialtests nutzen, denn nächste Saison will er "richtig angreifen".

Heißer Kampf geht weiter

Dann wird es laut Sportdirektor Stefan Krauß einen heißen Kampf um die begehrten internationalen Startplätze geben. "Mit Christoph Langen, der bei der WM auf seiner Hausbahn in Königssee noch einmal richtig abräumen will, wird es dann extrem hart. Wir haben erneut gesehen, dass die deutsche Spitze zugleich die Weltspitze darstellt. Für den Verband ist dies sicherlich ein angenehmes Unterfangen und zeigt, dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Doch für die Athleten wird es extrem hart", so der ehemalige alpine Skirennläufer.

Während Lange und Sein Team Erfolge feiern durften, gingen die deutschen Skispringer erstmals seit 1993 wieder leer aus. Sven Hannawald musste sich von der Großschanze mit Platz sieben begnügen, mit Platz vier im Teamwettbewerb wurde das Minimalziel Bronze ebenfalls verfehlt. Eine Niete zog auch 15-km-Weltmeister Axel Teichmann. Nach einem Sturz verpasste der Thüringer in seiner Paradedisziplin Skiathlon als Fünfter knapp eine Medaille.

Der vierte Platz tut weh

Vor allem der vierte Platz der Springer-Mannschaft tat weh. Weder Hannawald noch seine Mitstreiter Martin Schmitt, Georg Späth und Michael Uhrmann entwickelten als Titelverteidiger in der Stunde der Entscheidung zusätzliche Kräfte und mussten anerkennend zuschauen, wie Finnland in überragender Manier mit 1046,6 Punkten vor Japan (1010,1) und Norwegen (991,9) zum WM-Titel flog. "Heute brauchte man Top-Springer. Und wenn man die nicht hat, wird man eben ganz schnell nur Vierter", sagte Bundestrainer Reinhard Heß. Hannawald war mit Sprüngen von 125 und 124,5 Metern lediglich Mittelmaß.

Hannawald ist frustriert

Trost brauchte er schon am Samstag. Der übermotivierte Weltcup-Dominator stand nach Sprüngen von 129 und 125 m mit leeren Händen da und stellte frustriert fest: "Ich habe schon bessere Zeiten hinter mir." Der Hinterzartener fürchtete gar, dass ihn ausgerechnet bei der WM die Kräfte verlassen könnten. "Ich merke, dass die Saison lang wird. Ich hoffe, dass ich nicht gerade hier eine schöpferische Pause nehme", meinte Hannawald, der dem Weltmeister Adam Malysz aus Polen fair gratulierte: "Ich freue mich für ihn, dass er nach der zehrenden sieglosen Zeit nun wieder ganz oben steht."

Malysz gehört zu den Gewinnern des Wochenendes

Malysz sprang mit 134 m und dem Schanzenrekord von 136 m überlegen zum Titel vor dem Finnen Matti Hautamäki und dem Japaner Noriaki Kasai. "Für uns geht die Welt jetzt nicht unter, aber Bronze war drin", trauerte Hannawalds Heimtrainer Wolfgang Steiert ein wenig der vergebenen Chance seines Schützlings nach. DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller zeigte zwar Verständnis ("Solche Situationen gibt es im Sport, und dieses Mal hat es uns erwischt"), kündigte aber Konsequenzen an. "Wir müssen in der Nachwuchsentwicklung so Gas geben, als wären wir bei dieser WM nicht dabei gewesen. Wir dürfen den Nachwuchs nicht vernachlässigen und müssen gerade im Springen neue Wege gehen", erklärte Pfüller.

Beim Skiathlon war mehr möglich

Auch beim Skiathlon klappte es nicht für die Deutschen. Axel Teichmann kam nach einer Kollision mit dem Schweden Jörgen Brink zu Fall und büßte damit kurz vor dem Ziel seine Medaillenchance ein. Frustriert musste der 23-Jährige mitansehen, wie sich Brink hinter seinem Landsmann Per Elofsson und dem Norweger Tore Ruud Hofstad Bronze sicherte. "Ich bin schon ganz schön enttäuscht. Es war viel mehr möglich", sagte Teichmann.

Angerers Ski brach

Trotz des Pechs seiner Athleten - Tobias Angerer (Vachendorf) musste mit Skibruch alle Ambitionen begraben - sieht Bundestrainer Jochen Behle in der neuen Wettkampfform "die Zukunft des Langlaufs". Die Weltmeister mochten ihm da nicht folgen. Sie brachten unisono ihre Hoffnung zum Ausdruck, "dass es den Skiathlon letztmalig gegeben hat".

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