Snowboarderinnen Wilde Mädchen gegen alte Männer


Fernab der staatlichen Fördertöpfe hat sich eine Snowboarderinnen-Szene entwickelt, die selbstbewusst große Leistungen bringt - wie die Mädels beim Roxy Chicken Jam gezeigt haben. Eine Teilnahme an Olympia wird heftig diskutiert: Für die einen ist es eine Ehre, für die anderen ist ein Leben nach den Regeln "dicker, alter Männer" eine Zumutung.

Enni Rukarjärvi, eine schüchterne Finnin, deplazierte die Elite der Snowboarderinnen beim Roxy Chicken Jam 2010 in Saalbach – Hinterglemm. Die Newcomerin ließ das Feld der Stars am Wochenende hinter sich. Süße 19 ist Enni Rukarjärvi. Für eine Profisnowboarderin jung, die meisten Kolleginnen sind Mitte bis Ende 20. Um ein großes Turnier zu gewinnen, braucht man Nerven und die wachsen in Turnieren. Enni zeigte diese Nervenstärke. Sie ist die Siegerin des Roxy Chicken Jam 2010, dem weltweit einzigen Snowboard-Wettbewerb für Frauen, der in Saalbach-Hinterglemm mit Enni auf der Eins sein überraschendes Ende fand.

Nach dem Sieg verließen die Finnin die Kräfte: Neben den Ikonen des Boardsports, der drittplazierten Norwegerin Kjersti Buuas und der zweitplazierten Cheryl Maas aus den Niederlanden, beide vor Selbstbewusstsein und mädchenhafter Frechheit nur so strotzend, wirkt Enni wie die Cousine vom Lande. Mit Mühe bringt sie ein Lächeln auf die Lippen. Im Lande der Power-Barbies auf Brettern ist diese Schüchternheit eher selten.

Maritxu Darrigrand von "Roxy" finanziert den Event, sie lobt das hohe Niveau, das die Girls erreicht haben: "Die Snowboarderinnen heute springen richtig gut, sie werden von den Männern akzeptiert. Und die Mädchen sind mehr als nur Sportlerinnen, sie sind Repräsentantinnen einer Lifestylekultur."

Lebendigkeit und Individualität der Mädels ist sprichwörtlich. Das bekommen auch die altgedienten Sportverbände zu spüren. Das Snowboarden hat sich als Sportart jenseits der staatlichen Fördertöpfe etabliert. Die Geldgeber hinter dem Trendsport sind die großen Marken, die die Fahrer auch unter Vertrag haben und die die Turniere ausrichten. Die starke Präsenz der Industrie ist nicht jedermanns Ding, lässt den Sportlern aber mehr Freiheiten als das Verbandswesen. Auch Roxy-Fahrerin Enni stammelt nach Bekanntgabe ihres Sieges: "Ich fühle mich als Teil einer Familie!" in die Mikrofone.

Weil die Trendsportarten vor allem für junge Zuschauer attraktiv sind, versuchen die altbackenen Verbände auch das Snowboarden zu integrieren. Bei den Olympischen Spielen starten die Kids auf Bretten immerhin in der Halfpipe, einen Slopestylekontest wie beim Roxy Chicken Jam gibt es nicht. Die Sportlerinnen haben sehr unterschiedliche Präferenzen, was das Starten für Ehre und Vaterland betrifft. Torah Bright, blonde Super-Boardfrau aus Salt Lake City, ist 2010 nicht zu dem Roxy Contests erschienen, weil sie sich ganz und gar auf die mögliche Medaille vorbereiten will. Wettbewerbszweite Cheryl Maas weigert sich, bei Olympia zu starten. Ihr ist der Medienrummel zu groß. "Außerdem", so die Organisatorin des Roxy Chicken Jam, Tina Birbaum, "sagt eine Medaille beim Snowboarden lange nicht, dass er oder sie auch die Besten in diesem Sport sind. Dazu sind die Wettbewerbe zu breit gestreut."

Die Norwegerin Kjersti Buuas, eine Bronzemedaille hängt schon zu Hause, startet auch in diesem Jahr für ihr Land. Neben der Ehre bedeutet der Start bei Olympia für Kjersti leider auch: "Dicke alte Männer, die mir sagen, was ich tun soll."

Für Tina Birbaum liegt in der Dualität zwischen Verbandswesen und dem Starten für den Sponsor auch der Kampf zwischen Individualität und Konformität. "Natürlich kann man seine sportliche Individualität nur ausleben, weil die Sponsoren das Geld verdienen, aber es gibt nicht so eine starke Hierarchie wie in den Sportverbänden". Tina sieht "ihren" Roxy Chicken Jam eher als ein Gesamtkunstwerk als ein erbittertes Kämpfen um Sieg und Niederlage. Dazu gehören Mottopartys ebenso wie Konzerte von angesagten Bands. Maritxu Darrigrand weiß, dass der Sport und die Marken gemeinsam gewachsen sind, sich bedingen. "Ohne die jeweilige Sportart verkaufen wir nichts, klar, dass wir den Sport und seine Athleten auch unterstützen. Und auch wenn wir als Marke größer werden, so ist es immer wichtig, dass wir wissen, wo wir herkommen und das ist nun mal der Sport."

Snowboarden kann die Siegerin Enni Rukarjärvi, das hat sie mit dem ersten Platz bewiesen. Einen individualistischen Lifestyle zu repräsentieren muss die schweigsame Finnin erst noch lernen. Kjersti bot sich nicht nur an, der unerfahrenen Finnin bei den Pressekonferenzen zur Seite zu stehen, sie verriet auch, warum sie glaubt, bei den Olympischen Spielen 2010 die würdige Goldmedaillengewinnerin zu sein: "Weil ich mich dann nackt in die norwegische Fahne wickle und die Champagnerflasche auf einen Zug leere."

Von Marina Kramper

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