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Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch über den deutschen Skisport: "Jetzt kommt das ganze Elend zum Vorschein"

"Laureus World Sports Awards"
Skifahrerin Maria Höfl-Riesch sprach im Rahmen der "Laureus World Sports Awards" mit dem stern
© Alexander Scheuber/ / Picture Alliance
Sie ist die erfolgreichste deutsche Skifahrerin bei Olympia – doch nach Maria Höfl-Riesch gab es für Deutschland im Alpinsport selten etwas zu jubeln. Woran liegt das? Im Interview mit dem stern findet die 35-Jährige deutliche Worte.
Interview: Miriam Khan

Wenn sie den Berg runterfuhr, dann brannte die Piste: Maria-Höfl Riesch ist eine der besten und erfolgreichsten Skisportlerinnen Deutschlands. Ihre leidenschaftlichen Duellen mit ihrer Freundin Lindsey Vonn sind legendär. 2014 trat sie zurück – und seitdem bleiben die Erfolge für deutsche Fahrerinnen oft aus. Woran liegt das?

Der stern traf die 35-Jährige im Rahmen der "Laureus World Sports Awards" in Berlin. Im Gespräch schildert Höfl-Riesch, was in ihren Augen im deutschen Skisport falsch läuft, wieso der Nachwuchs ihr nicht ehrgeizig genug ist und wie der Skisport sich in Zeiten des Klimawandels verändert.

Frau Höfl-Riesch, zuletzt gab es im deutschen Skisport ja einiges zu feiern mit den Erfolgen von Thomas Dreßen in Saalbach und Kitzbühel ...

Höfl-Riesch: Das überstrahlt im Moment natürlich sehr viel, ja. Und natürlich ist das super, wie es bei Thomas Dreßen läuft. Aber dass es ansonsten nicht ganz so toll läuft, muss man schon auch sehen. Linus Strasser zum Beispiel. Bei dem läuft's zwar jetzt wieder ein bisschen besser als die Jahre zuvor, aber auch nicht mit der Konstanz, die man eigentlich seit ein paar Jahren von ihm erwarten würde. Bei Stefan Luitz dasselbe. Die haben immer mal wieder ganz gute Läufe. Aber alles in allem tun sie sich schon schwer, muss man ehrlicherweise sagen.

Hat Felix Neureuther da eine große Lücke hinterlassen?

Höfl-Riesch: Hat er mit Sicherheit. Vor allem im Slalom, da war der Felix ja über viele Jahre der Leistungsträger im DSV, hat sich auch im Riesenslalom gut entwickelt. Wenn die Gallionsfigur komplett wegfällt durch Verletzung oder durch Karriereende, schaut es ganz schnell ganz, ganz schwierig aus. Dann kommt das ganze Elend zum Vorschein.

Und bei den Frauen?

Höfl-Riesch: Da hat die Viktoria Rebensburg in den letzten Jahren auch vieles überstrahlt. Sie hat zwar kürzlich gewonnen, nach ihrer Verletzung fällt sie jetzt aber für den Rest des Winters aus. Ansonsten war die Saison ja aber auch bei ihr sehr schwierig.

Woran liegt es, dass Deutschland anscheinend immer nur einzelne Leistungsträger vorzuweisen hat?

Höfl-Riesch: Als ich damals aufgehört hab', da war nur noch die Vicky (Rebensburg, Anm. d. Red.). Da war sonst niemand mehr. Dabei gäbe es in Deutschland schon Talente. Lena Dürr, Tina Geiger, Christina Ackermann, die fahren auch schon seit zehn Jahren mit, die sind auch schon vorne dabei gewesen. Aber es fehlt die Konstanz. Und der Skisport ist einfach zu komplex, als dass es da eine einzelne Antwort gäbe. 

Boris Becker kommt vorbei.

Becker: Genau so sehe ich das auch. Genau so.

Höfl-Riesch (lacht): Nein, aber: Es sind einfach viele Komponenten, die da zusammenpassen müssen: das Material, sie haben einen guten Tag erwischt, vielleicht schwächelt die Konkurrenz. Und bei den eben Genannten passen einige Dinge gerade nicht zusammen. Wenn man die Ergebnisse aus den letzten zehn Jahren anschaut, da kann man die guten Leistungen an einer Hand abzählen. 

Hat das auch was mit der Nachwuchsförderung zu tun? Konzentrieren wir uns da zu wenig drauf?

Höfl-Riesch: Klar braucht man immer ein besonderes Talent, was man dann entwickeln muss. Ich hatte auch immer gute Trainer und eine gute Förderung. Aber es war definitiv nicht so, dass in der Zeit, in der ich aktiv war, sich alles nur auf mich konzentriert hat. Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich war damals die Einzige, die alle Disziplinen gefahren ist. Ich musste um alles kämpfen. Ich musste darum kämpfen, dass ich ein Extra-Slalom-Training machen durfte. Da haben sich die Spezialfahrerinnen schon beschwert, warum ich jetzt extra trainieren durfte.

Tatsächlich?

Höfl-Riesch: Ja, da gab's genügend Differenzen und Streitereien deswegen. Das ist heute schon anders, der Umgang mit dem Nachwuchs. Und das soll jetzt nicht schadenfroh klingen, aber dann gibt es dann halt die Quittung dafür: Wenn man den Nachwuchsfahrern zu viel Freiraum lässt, und die alle zu sehr pampert ... Manchmal muss man halt einfach ein bisschen beißen.

Olympiasiegerin: Maria Höfl-Riesch über den deutschen Skisport: "Jetzt kommt das ganze Elend zum Vorschein"

Bei Ihnen war das also anders?

Höfl-Riesch: Als ich damals als junges Mädchen in die Mannschaft kam, da hab ich mich kaum getraut, einen Mucks zu machen. Heutzutage habe ich das Gefühl, die Jüngeren haben nicht mehr wirklich Ehrgeiz oder Respekt vor den Älteren. Was sich einige zum Beispiel mir gegenüber rausgenommen haben ... Aber ich sehe das auch außerhalb des Sports: Keiner will da zu viel Druck ausüben auf den Nachwuchs, alle wollen mit Samthandschuhen angefasst werden, es ist einfach nicht mehr so die Leistungsgesellschaft wie vor zehn oder 15 Jahren. 

Das heißt es gibt gar kein Konkurrenzgefühl mehr im Team?

Höfl-Riesch: Ja, glaube ich schon. Und dann fehlt natürlich auch ein Stück weit der Druck. Ich weiß noch, Olympia 2010, da war ein Hauen und Stechen um die Startplätze. Du darfst ja nur zu viert in einer Disziplin antreten. Wir waren aber sechs, sieben gute Mädels im Slalom. Da war richtig Konkurrenzkampf, alle haben sich reingehauen. Klar war das team-intern auch manchmal ein bisschen schwierig, so unter Mädels... Aber man hat sich halt durchgebissen.

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen generell härter für ihren Sport kämpfen müssen als Männer?

Höfl-Riesch: Für Anerkennung auf jeden Fall, für Preisgelder auch.

Kann man denn vom Preisgeld alleine leben?

Höfl-Riesch: Wenn du alles gewinnst, schon. (lacht) Aber generell: nein. Du brauchst schon Sponsoren, Ausrüsterverträge ... Sonst geht's nicht.

Skifahren wird zunehmend teurer, Schneesicherheit ist in vielen Gebieten ein Problem. Was bedeutet das für Ihren Sport?

Höfl-Riesch: Klar ist der Klimawandel ein Problem für den Alpinsport. Ich bin als kleines Kind auf die Gletscher gefahren, im Juli, August, da hatten wir Top-Bedingungen. Wenn ich das damit vergleiche, was heute noch übrig ist ... Natürlich haben wir Beschneiungsanlagen, die immer moderner und umweltfreundlicher werden. Aber alles in allem ist das schon eine bedenkliche Situation, dass es so wenig schneit.

Sie werden immer wieder auf Ihr Privatleben angesprochen, obwohl sie ja mit Ihrer sportlichen Leistung bekannt geworden sind. Stört Sie das?

Höfl-Riesch: Manchmal wäre es mir natürlich auch anders lieber, gerade wenn man mal wirklich privat unterwegs ist. Aber das gehört halt irgendwie dazu. Ich versuche da schon Grenzen zu ziehen.

Hatten Sie jemals Angst vor dem Karriereende?

Höfl-Riesch: Ich hatte schon Angst vor dieser Veränderung. Ich hatte Angst, dass mir das Skifahren fehlt. Wenn du sowas mit so viel Leidenschaft und über so viele Jahre betreibst und bei Olympia auf dem Podest stehst ...  Aber es sind halt auch Momente, die du nicht festhalten kannst. Es sind Erinnerungen, aber die Emotionen, die in diesem Moment in dir vorgehen, die kannst du hinterher nicht nochmal empfinden. Deswegen bringt es auch nichts, dem Ganzen hinterherzutrauern. Vorbei ist vorbei. Und ich habe einen ganz guten Zeitpunkt erwischt, das Ganze zu beenden. Weil ab einem gewissen Zeitpunkt kannst du nur noch verlieren.

Und jetzt? Packt es Sie manchmal, dass sie doch nochmal gerne mitfahren würden?

Höfl-Riesch: Werde ich oft gefragt. Und natürlich sind da Rennen, in Lake Louise oder Cortina d'Ampezzo, bei denen ich immer gut und gerne gefahren bin, wenn da gute Bedingungen sind, superschönes Wetter und die Piste glatt, da denk ich mir schon manchmal: Ich würde jetzt schon gerne mitfahren. Aber es sind ja nicht nur die paar Rennen im Weltcup. Also alles in allem: klares Nein.


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