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Interview

"Laureus World Sports Awards": "Als Frau wirst du nur respektiert, wenn du schnell bist" – zwei Rennfahrerinnen über die Männerwelt des Motorsports

Sie krachte mit 276 Stundenkilometern in ein Haus – und saß rund drei Monate später wieder im Cockpit eines Rennwagens. Für ihr Comeback erhielt Sophia Flörsch jetzt den "Laureus World Sports Awards" — und muss trotzdem um ihre Zukunft bangen.

Dirk Nowitzki, Sophia Flörsch

An diesem Tag im November 2018 in Macau hatte Sophia Flörsch wohl mehr als einen Schutzengel. Der Tacho zeigte 276 Stundenkilometer, als sie eine Kollision mit einem anderen Formel-3-Fahrer hatte. Ihr Auto hob ab, schoss wie ein Düsenjet in die Luft und flog quer über die Rennstrecke auf ein Haus zu. Der Einschlag: ungebremst. Jeder, der die Bilder sieht, denkt unwillkürlich: Das kann niemand überleben. Doch sie hat es überlebt – 106 Tage später saß Sophia Flörsch wieder im Cockpit. (Der stern berichtete.) Die Jury des Sport-Oscars "Laureus World Sports Awards" zeichnete die Rennfahrerin dafür am Montagabend mit dem Preis für das "Comeback des Jahres" aus.   

Über den Unfall redet Flörsch nicht gerne – sie will mit Leistungen für Gesprächsstoff sorgen. Als einzige Frau tritt sie gegen lauter Männer an, will irgendwann in die Formel 1. Und obwohl sie das vielleicht vielversprechendste Talent momentan ist, fährt sie nächste Saison vielleicht nicht mit. Der Grund: fehlende Sponsoren. Denn noch immer ist Motorsport fast ausschließlich den Männern vorbehalten. Genau wie vor 30 Jahren, als Ellen Lohr Karriere machte. Beide Frauen macht das wütend.

Formel-3-Rennfahrerin Sophia Flörsch mit dem "Laureus World Sports Award"; Unfall

Nach ihrem Horrorunfall im vergangenen Jahr wurde Formel-3-Rennfahrerin Sophia Flörsch nun für ihr Comeback mit dem "Laureus World Sports Award" ausgezeichnet

DPA

Ellen Lohr und Sophia Flörsch im Exklusiv-Interview

Im Exklusiv-Doppelinterview mit dem stern erzählen die Motorsportlerinnen, wie sexistisch der Formelsport ist, warum Frauen bislang kaum eine Chance haben und wieso die "Rich Kids" den Sport kaputtmachen.

Frau Flörsch, Frau Lohr, es gibt so viele Hobbys auf der Welt. Wieso Motorsport?

Ellen Lohr: Meine Eltern hatten eine Autowerkstatt, ich bin damit aufgewachsen. Das heißt aber nicht, dass man automatisch dadurch geprägt wird. Mein jüngerer Bruder hatte null Interesse am Motorsport. Aber mich hat das immer interessiert, die ganze Technik dahinter.

Sophia Flörsch: Mit vier bin ich in den Geländewagen von meiner Mama rein und bin da aufs Gas gekommen und ab da war das klar, was ich mache. (lacht) Nein, aber im Ernst: Mein Papa war Kartfahrer und ich war oft dabei und saß auch irgendwann mit drin. Mit sieben, acht bin ich dann meine ersten Rennen gefahren.

Haben Sie mal mal überlegt, Ballett zu machen?

Flörsch: Habe ich zweimal gemacht. Fand ich scheiße. Ich wollte Adrenalin. Geschwindigkeit. Zweikampf. Ich wollte den Jungs um die Ohren fahren und danach deren böse Gesichter sehen.

Lohr: Bei uns haben die sogar noch böser geguckt. Wenn ich Fotos von damals sehe … Wie die Jungs da das Gesicht verzogen haben, wenn ich dabeistand. Teilweise gab es richtig üble Sprüche, die will man gar nicht wiederholen. Auch von den Teamchefs: "Was bist du für 'ne Pfeife, da war ein Mädchen schneller als du." Da ist in den letzten Jahren glücklicherweise mehr Akzeptanz entstanden.

Flörsch: Ja, zwischen den Rennfahrern auf jeden Fall. Du wirst als Frau schon respektiert heutzutage. Wenn du schnell bist!

Dirk Nowitzki hält im Rahmen der Verleihung der Laureus Sport Awards die Trophäe in der Kategorie "Lifetime Achievement".

Es gibt seit Kurzem eine Rennklasse nur für Frauen. Frau Flörsch, Sie fahren da aber nicht mit. Wieso?

Flörsch: Für mich war immer klar: Ich will die Beste sein in meinem Sport – unabhängig vom Geschlecht. Natürlich fände ich es schön, wenn es mehr Frauen gäbe. Aber im Moment sind die besten Fahrer Männer. Ich will lieber in einer Rennserie fahren, in der ich gegen die Besten in meinem Sport fahre, als in einer Serie, in der nur Frauen fahren, wo aber das Niveau einfach niedriger ist und ich nicht so viel lernen kann.

Wie lange dauert es noch, bis die Frauen-Elite aufgeholt hat?

Flörsch: Uff, das dauert schon noch einige Zeit. Im Moment hast du tausende Jungs und Männer, die gut sind, aber nicht mal hundert Mädels.

Frau Lohr, bei Ihnen gab es das nicht, eine reine Frauenklasse.

Lohr: Nein. Es gab zwar eine Frauenwertung, aber ich hab mich immer geweigert, da mitzumachen. Wenn ich im Gesamtklassement Vierte war, wollten sie mich trotzdem immer aufs Podest holen, weil ich in der Frauenwertung Erste war. Das fand ich ganz schlimm. Richtig diskriminierend.

Flörsch: Ich weiß, was du meinst. Ich bin mal ein Rennen gefahren in der Formel 4 in Italien. Da hatte ich einen Unfall und bin ausgeschieden. Ich hab trotzdem das Rennen in der Frauenwertung gewonnen, weil ich die einzige Frau war. Und dann wollten die mich zur Siegerehrung hochholen. Ich meinte sofort: "Ich geh da nicht hoch, mach ich nicht. Das ist mir voll peinlich." Ich will da oben stehen, weil ich gewinne, nicht weil ich einen Unfall hatte und trotzdem die beste Frau bin. Nein.

Frau Flörsch, haben Sie das Gefühl, Sie müssen Ihre Weiblichkeit verstecken, damit Sie ernstgenommen werden?

Flörsch: Als Frau wirst du immer mehr unter die Lupe genommen als ein Mann. Wenn ich auf Instagram ein Bild poste, wie ich im Fitnessstudio schwitze und ich hab da 'ne Hose und 'nen Sport-BH an, ein ganz normales Outfit, dann heißt es: "Die hat viel zu wenig an!" Aber wenn Lewis Hamilton ein Foto von seinem Sixpack postet, dann ist das "geil". Das sind unterschiedliche Maßstäbe.

Gibt es sonst noch Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Rennfahrern?

Flörsch: Klar. Als Frau habe ich es immer noch schwerer als die Männer, was die Förderung anbelangt, Sponsoren zu finden und Chancengleichheit zu haben. Unterm Strich schaut jeder immer nur auf die Ergebnisliste. Und wenn die Frau hinten landet oder im Mittelfeld, dann heißt es gleich: "Typisch. Ist halt 'ne Frau." Aber dass ich als Frau vielleicht nur die Hälfte an Testtagen hatte und vielleicht nicht im besten Team fahre, das sehen viele dann nicht. Das ist wirklich eine Herausforderung, wenn du nicht aus einer vermögenden Familie kommst.

Können Sie von Ihrem Sport leben?

Flörsch: Jein. Mein Sport ist sehr, sehr teuer. Das Geld, das ich zum Beispiel durch Sponsoren oder Kooperationen einnehme, geht eins zu eins in meinen Sport. Dieses Jahr spielen mir einige Faktoren nicht in die Karten. Es ist gerade sehr schwer, Sponsoren zu finden. Ich hatte einen in China, der hat mir jetzt wegen des Coronavirus abgesagt. Umweltbedenken machen es mir auch nicht leicht. Deswegen steht mein Formel-3-Programm für die nächste Saison gerade noch in den Sternen.

Frau Lohr, wie war das bei Ihnen? Waren Sie genauso auf Sponsoren angewiesen?

Lohr: Die Probleme kommen mir sehr bekannt vor: Kein Vertrauen, dass eine Frau auch Karriere machen kann im Rennsport. Und deswegen Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden. Was ich erstaunlich finde: Dass sich 30 Jahre später daran nichts geändert hat. Wir haben Sophia, die ist wahnsinnig schnell, die hat alles was man braucht, die hat Talent. Wieso springen da nicht alle drauf an? Dass dieses Mädchen Formel 3 fahren muss?

Flörsch: Tja...

Lohr: Wenn ich das Geld hätte, ich würde alles sofort in sie investieren.

Flörsch: Wenn du nicht aus einer vermögenden Familie kommst, musst du kämpfen und bangen. Und klar hab ich Sponsoren, aber das reicht nicht. Ich muss trotzdem kämpfen, das Budget für die Saison zu stemmen. Und bei anderen geht es nicht darum, die Saison zu stemmen, sondern einen weiteren Testtag zu haben. Testtage, die ich sowieso nicht habe. Und trotzdem sind es die, gegen die ich mich durchsetzen muss. Ich muss versuchen, nicht unterzugehen und mich noch mehr zu beweisen.

Ist das bei Männern anders? Haben die es leichter, Sponsoren zu finden?

Flörsch: Ich glaube, der Unterschied ist, dass 95 Prozent der Männer auf diesem Niveau sowieso aus vermögenden Familien kommen und dieses Problem gar nicht haben. Es gibt so viele Familien in den Nachwuchsbereichen, die ganze Teams aufkaufen, damit die Söhne fahren können. Die haben die Schwierigkeiten nicht, die ich habe. Ich wurde da sehr früh schon mit konfrontiert. Mit diesen Summen und wie man sie bekommt. Ich bin mit 14 schon zu Sponsoren und habe nach Geld gefragt oder nach Unterstützung.

McLaren am Comer See.

Das klingt unfair...

Flörsch: Ist es auch. Wenn ich einen Frontflügel kaputtfahre, der teuer ist, dann ist das scheiße. Dann entschuldige ich mich beim Sponsor und bei meinen Eltern, weil es dann an denen hängenbleibt. Bei anderen ist das aber scheißegal. Das tut denen gar nicht weh.

Lohr: Das ist im gesamten Sport ein Problem. Aber im Rennsport ist es schon extrem: Es ist ein Sport, in dem man Karrieren fördern kann durch familiäres Geld. Es geht nicht nur um den eigenen Körper, der Leistung bringen muss, sondern auch darum, Technik und Material zu haben. Ich kann mich als Läuferin dafür entscheiden, dass ich jeden Tag acht Stunden auf die Laufbahn geh. Als Rennfahrerin kann ich acht Stunden ins Gym gehen, aber ob ich im Auto sitze, ist 'ne Geldfrage.

Frau Flörsch, Sie sind durch Ihren Unfall vor einigen Monaten richtig bekannt geworden …

Flörsch: Ja. Aber ich will nicht das Mädchen sein, das den schweren Unfall hatte. Ich will in Erinnerung bleiben, weil ich schnell bin und nicht, weil ich einen blöden Unfall überlebt habe. Das war einer der Gründe, warum ich direkt wieder ins Auto gestiegen bin. Auch um zu beweisen, dass Frauen da nicht anders sind als Männer.

Was hat sich durch den Unfall verändert?

Flörsch: Der Unfall hat mich ein Jahr zurückgeworfen, weil ich einen ganzen Winter verpasst hab. Mental gesehen bin ich daran gewachsen. Ich schätze es mehr, dass ich überhaupt hier bin. Ich schätze, dass ich diesen Sport machen kann. Bei meinem Unfall war sehr viel Glück dabei. Aber für mich war das immer klar, dass ich zurückkomme.

Ist es jetzt genau das gleiche Gefühl wie vor dem Unfall, wenn Sie ins Auto steigen.

Flörsch: Ja.

Der Unfall hat keine Angst ausgelöst?

Flörsch: Nein. Also wirklich, nie. Das ist mein Leben. Ich hab mit vier Jahren mit dem Sport angefangen und seitdem tagtäglich in ihn investiert. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht ans Rennfahren gedacht hab oder daran denke. Diese 14 Jahre einfach aufzugeben oder jetzt anders ins Auto zu steigen – das wäre falsch. Ich mache das, weil ich Spaß habe. Jetzt genauso wie vorher.

Frau Lohr, hatten Sie mal ein ähnliches Erlebnis, das bei Ihnen etwas verändert hat?

Lohr: So einen schlimmen Unfall haben ja glücklicherweise die wenigsten. Ich hab mir auch hier und da mal etwas gebrochen, 'nen Wirbel oder so, aber nie gezweifelt. Ich kann das, was Sophia sagt, total nachvollziehen.

Falschen Gang eingelegt – Autofahrer blamiert sich beim Anfahren

Sie haben sich herzlich begrüßt, das heißt Sie kennen sich schon länger?

Flörsch: Ja. Ellen war immer schon ein Vorbild für mich. Es gab sonst ja keine erfolgreichen Frauen im Motorsport. Vor vier Jahren haben wir uns persönlich kennengelernt und seitdem sind wir in Kontakt. Ellen sehe ich als Mentorin und das ist so wertvoll für mich. Man hat nicht immer Fürsprecher als Frau im Motorsport.

Wieso trauen sich denn nicht mehr Frauen?

Flörsch: Das größte Problem ist, dass es noch nie eine erfolgreiche Frau in der Königsklasse gab. Viele Mädchen wissen gar nicht, dass sie den Sport überhaupt machen können. Ich hätte es wahrscheinlich auch nicht gewusst, wenn mein Papa das nicht gemacht hätte. Normalerweise gehen Mädchen zum Reiten und kriegen keine Spielzeugautos zu Weihnachten geschenkt. Viele Eltern denken immer noch, es ist ein gefährlicher Sport. Die Mütter haben Angst, dass ihre Mädchen verrohen. So kommen die auch nicht in Berührung mit dem Sport und können sich da gar nicht rantasten.

Und deswegen kommen sie auch nicht oben an.

Lohr: Es ist bei uns Rennfahrern wie in der Geschäftswelt, es gibt eine gläserne Decke und das ist bei uns die Formel 1. Das ist immer noch eine Männerwelt. Das ist ein Club mit den immer gleichen Leuten. Und die wollen wenig abgeben und wenig wagen.

Flörsch: Viele denken immer noch: "Formel 1, das ist ein Männersport. Du musst ein Kerl sein, du musst hart sein." Das kotzt mich so an, so etwas zu hören. Dass eine Frau das nicht schaffen kann. Charles Leclerc ist letztes Jahr in Suzuka die Linkskurve bergauf mit einer Hand gefahren und das soll eine Frau nicht können? Aber die, die ganz oben in der Formel 1 sitzen, die entscheiden das halt. Und die wollen das nicht, dass eine Frau dieses Bild der Formel 1 aufbricht.

Lohr: Fairerweise muss man sagen: Es gibt auch viele Jungs, die es nicht in den Formelsport schaffen. Es gibt halt nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen. Aber generell stimmt es schon, was Sophia sagt. Die Formel 1, das ist eine abgeschlossene Männerwelt. Da geht keiner ein Wagnis ein. Die haben alle ihre fünf Nachwuchsfahrer, alles Jungs, und die werden gefördert.

Flörsch: Ja, und viele von denen sind Söhne von Ex-Rennfahrern.

Lohr: Klar, das lässt sich gut verkaufen. Aber Sophias Geschichte ließe sich auch gut verkaufen!

Frau Flörsch, ist es denn dann immer noch Ihr Traum, Formel 1 zu fahren?

Flörsch: Mein Traum ist es, in die Königsklasse des Formelsports zu kommen. Im Moment ist das noch die Formel. Ich weiß nicht, wie es in fünf Jahren ist. Formel E vielleicht. Ich will einfach in der obersten Klasse fahren. Und natürlich gewinnen.

wue

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