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Tennis: Nach der Davis Cup-Pleite gegen Argentinien

Selbstkritik? Keine Spur. Anstatt nach der 1:4-Niederlage gegen Argentinien nach Gründen für die Pleite zu suchen, attackieren die Verantwortlichen lieber den erkrankten Philipp Kohlschreiber und lassen einen für die Zukunft schwarz sehen.

Die Vorstellung gegen Argentinien war desolat. Das sang- und klanglose Aus im Davis Cup offenbarte nicht nur die großen sportlichen Defizite der deutschen Mannschaft, sondern auch einen empfindlich gestörten Teamgeist. Die mangelnde Selbstkritik macht Sorgen für die Zukunft.

Richtiges Davis Cup-Niveau erreichten aus deutscher Sicht eigentlich nur die Zuschauer. Obwohl Deutschlands Niederlage gegen Argentinien bereits unumstößlich festgestanden hatte, strömten immer noch 3500 Zuschauer in die Bamberger Stechert-Arena, um das DTB in den beiden abschließenden und bereits bedeutungslosen Einzeln noch anzufeuern.

Belohnt wurden sie immerhin noch mit dem 1:4-Ehrenpunkt durch Debütant Cedrik-Marcel Stebe - dem einzigen kleinen Lichtblick in einer ansonsten bereits von Beginn an völlig verkorksten Davis Cup-Partie, die das Aus in der ersten Runde des Mannschaftswettbewerbs und den bitteren Gang in die Relegation besiegelte. Jetzt muss um den Klassenerhalt gezittert werden, Veranlassung für Selbstkritik verspürten die Verantwortlichen jedoch offenbar keine.

Teamchef Kühnen sah den Grund für die Pleite einzig in "einem Tick" mehr Qualität, den die Argentinier, immerhin Nummer drei der ITF-Rangliste, besessen hätten. Eigene Fehler, etwa dass er nach der Absage von Philipp Kohlschreiber den noch nie als Sandexperten in Erscheinung getretenen und gegen Juan Monaco völlig überforderten Philipp Petzschner für das Einzel nominierte oder sich überhaupt für einen Sandbelag entschieden hatte, wies er laut mainpost.de mit einem "Ich würde alles noch einmal so entscheiden“ weit von sich.

Haas und Kühnen attackieren Kohlschreiber

Dabei waren sich zumindest im zweiten Punkt die meisten Experten schon im Vorfeld einig: Gegen Argentinien auf Sand zu spielen, dürfte in etwa so erfolgversprechend sein wie sich mit Physikkenntnissen aus der Schule gegen Steven Hawking in Astrophysik zu messen oder Christian Lell gegen Lionel Messi spielen zu lassen.

Statt also in sich zu gehen und nach Gründen für die herbe und selbst in dieser Höhe völlig verdienten Klatsche zu suchen, lenkten die Beteiligten vom eigenen Versagen ab und droschen lieber auf den wegen eines Magen-Darm-Infekts fehlenden Philipp Kohlschreiber ein. "Dass er nicht mal gekommen ist, finde ich sehr schade", meckerte Tommy Haas und auch Kühnen schlug in die Kerbe: "Es ist doch verwunderlich, dass er die Absage schon am Mittwoch gemacht hat und jetzt nächste Woche in Rotterdam startet" Und auch Petzschner ging auf Distanz: "Ich werde ihn jetzt nicht verfluchen, aber ihn auch nicht umarmen."

Deutschem Davis Cup-Team fehlt Qualität

Natürlich wäre es gut für den Mannschaftsgeist gewesen, wenn sich Kohlschreiber kurz hätte blicken lassen oder sich zumindest telefonisch oder per SMS nach seiner Absage noch einmal beim Team gemeldet hätte. Aber hätte das am Ergebnis irgendetwas geändert? Denn ob er die Niederlage hätte verhindern können - als Spieler auf dem Platz oder als Fan auf den Rängen - ist doch mehr als zweifelhaft.

Denn auch für Kohlschreiber, das zeigen seine Ergebnisse auf der ATP Tour und bei den Grand Slams, gilt wie für seine Kollegen: Er ist beileibe kein schlechter Tennisspieler, aber ein so richtig guter eben auch nicht. Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Problem: fehlende Qualität. Im deutschen Team gibt es weder einen Spieler, der selbst an einem schwächeren Tag gewinnen kann, noch einen, der, wenn er gut spielt, auch garantiert gewinnt.

Wer die Big Points nicht macht...

Es fehlt vor allem ein richtiger Führungsspieler - einer, der sich auch vom Druck des Gewinnenmüssens nicht aus der Ruhe bringen lässt. Florian Mayer schaffte das als deutsche Nummer eins nicht und bewies gegen den allerdings auch erstklassig spielenden David Nalbandian wieder einmal, dass er in wichtigen Matches weder seine Nerven, noch die für ihn so charakteristische Inkonstanz in den Griff bekommt.

Mayer hatte den ersten Satz mit 6:2 für sich entscheiden können, nur um dann den zweiten sang- und klanglos mit 0:6 zu verlieren und auch im dritten beim 1:6 kein Bein auf die Erde zu bekommen. Eine Leistungssteigerung im vierten brachte ihm eine 4:1-Führung, die er allerdings verspielte und den Satz tatsächlich noch im Tiebreak verlor.

Dem deutschen Doppel Petzscher/Haas reichte nicht einmal eine 2:0-Satzführung, um ihr Match gegen Eduardo Schwank und David Nalbandian zu gewinnen. "Letztlich waren es nur ein paar Punkte hier und da, die uns zum Sieg gefehlt haben", verniedlichte Haas laut DTB-Homepage am Ende die Fünfsatzniederlage. Denn die Punkte, die am Ende gefehlt hatten, waren die sogenannten Big Points, die im Tennis letztlich über Sieg und Niederlage entscheiden. Und da fehlt den Deutschen wieder einmal die Abgeklärtheit.

Zukunft des deutschen Herrentennis wenig rosig

Wenn das Team diese gehabt hätte, wäre auch gegen den favorisierten Vorjahresfinalisten Argentinien deutlich mehr drin gewesen als diese herbe Niederlage. Statt sich für das Viertelfinale des Davis Cup zu rüsten, schaut man im Lager des DTB in eine ungewisse Zukunft.

Mit einem Team, in dem es augenscheinlich atmosphärisch nicht stimmt. Abseits vom Ärger um Kohlschreiber fiel auch auf, dass Anfeuerungsversuche aus der deutschen Box deutlich verhaltener waren als aus der argentinischen, muss nun der Sturz aus der Davis Cup-Weltgruppe in die sportliche Bedeutungslosigkeit verhindert werden. Aber selbst wenn dieses Unterfangen gelingen sollte, sieht die Zukunft wenig rosig aus.

Die Kohlschreibers, Petzschners, Mayers gehen alle auf die Dreißig zu, Haas dürfte seine Karriere bald beenden. Und was kommt dann? Von den deutschen Nachwuchsspielern derzeit nur Stebe, der das Argentinien-Debakel immerhin für ein siegreiches Davis Cup-Debüt nutzen konnte. Doch von der erweiterten Weltspitze ist auch er noch weit entfernt und bis das von der neuen Verbandsführung angekündigte überarbeitete Nachwuchskonzept greifen kann, werden auch noch einige Jahre ins Land gehen.

Wenn es denn überhaupt ernsthaft und erfolgreich umgesetzt wird und der DTB sich die prekäre Lage nicht einfach nur schönredet wie die Tatsache, dass das Match gegen Argentinien mangels TV-Partner per livestream im Internet übertragen werden musste. "Wir wollten einen neuen Weg gehen. Selbst im Fußball wird das ja überlegt", versuchte Präsident Karl Georg Altenburg diese eher der Not gehorchende Entscheidung laut derwesten.de noch als Erfolg verkaufen.

Malte Asmus 

sportal.de / sportal

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