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Tim Lobinger: Der Weltmeister der Ausreden

Bei den Windspielen von Helsinki hat Stabartist Tim Lobinger mit 32 die größte Chance seines Lebens vertan. Den WM-Titel in der Spezialdisziplin "Ausreden" konnte er aber wacker verteidigen. Drei Mal scheiterte er an 5,65 m und war stinksauer.

"Ich bin wütend, enttäuscht und frustriert. Noch nie war ich so nah an der Goldmedaille dran. Aber das waren irreguläre Bedingungen, man hätte den Wettkampf nicht durchführen dürfen. Da hätten die Finalisten mit 12:0 dafür gestimmt", tobte der deutsche Meister vom ASV Köln nach seinem fünften Platz bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki. Die Form war wieder "super", aber der Wind, der Regen, die Anlage, die Technik, die Kampfrichter... "Die Finnen sind mit allem überfordert, was schwieriger ist als ein Taschenrechner."

Dass sein Freund Rens Blom mit 5,80 Meter schließlich das erste Gold für die Niederlande in der WM-Geschichte eroberte, quittierte Lobinger mit süßsaurer Miene. Blom trainiert zwei Mal die Woche in Leverkusen bei Marc Osenberg, mit dem Lobinger zuvor fünf Jahre zusammengearbeitet hatte. "Ihr habt den falschen Bundestrainer", frotzelte der Holländer nach seinem Coup. Silber hatte der Amerikaner Brad Walker (5,75 m) vor dem Russen Pawel Gerassimow (5,65 m) gewonnen. Danny Ecker (Leverkusen) war nach seinem "Salto nullo" bei der Anfangshöhe von 5,50 m schwer enttäuscht.

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Und schuld ist …

"Jede Kreismeisterschaft in Deutschland ist besser organisiert, was die Apparatur betrifft", schimpfte Lobinger, weil sich der Wettkampf wegen technischer Probleme mit der Elektronik und dem Lattenständer um gut eine halbe Stunde verzögerte. "Elf Leute haben einen neuen Ständer besorgt." Im Endkampf störten dann wechselnde Winde und vier extreme Regenschauer. "Das war gefährlich." Bis zu 5,1 Meter/Sek. hatte Lobinger auf der Windanzeige abgelesen.

Schon zur WM in Paris vor zwei Jahren war der frühere Hallenweltmeister mit Medaillenambitionen angereist, dann aber nur Fünfter geworden; bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen landete er sogar nur auf Platz elf. Diesmal scheiterte er drei Mal an 5,65 m und war stinksauer. "Das war höhere Gewalt. Bei den entscheidenden zwei Sprüngen hatte ich extrem viel Gegenwind", sagte er, "aber es war nicht nur Pech. Letztendlich bin ich daran gescheitert, dass ich mich den Bedingungen nicht schnell genug anpassen konnte."

Kneift bei Wettbewerben

Dieser Kritik-Ansatz macht Mut, der kollektive Sturzflug kaum: Noch niemals stand ein deutscher Stabartist bei den zehn Weltmeisterschaften seit 1983 auf dem Treppchen. Dabei hat es Vollprofi Lobinger drauf: Schon zwei Mal hat er die sechs Meter gemeistert, in diesem Jahr schon 5,82 m. Bei der WM 1997 war der Rheinländer mit dem schrillen Outfit Vierter, 1999 Sechster, 2001 nicht am Start, 2003 und 2005 jeweils Fünfter. Lobinger grinst. "Vielleicht gehe ich in die WM-Geschichte als der Springer ohne Medaille mit dem besten Platzdurchschnitt ein."

Ulrike John/DPA

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