Tour-Berichterstattung Aufs falsche Pferd gesetzt


Sie wollten es besonders gut machen: 50 Prozent ihrer Tour-Berichterstattung haben ARD und ZDF mit dem Thema Doping gefüllt. Eine falsche Entscheidung. Zu viel Doping im TV hat sich als Quotenkiller erwiesen. "Wir stecken in einem Dilemma", sagt ARD-Teamchef Roman Bonnaire zu stern.de.
Von Klaus Bellstedt

Bei der ARD liefen nach dem Prolog zur Tour de France am vergangenen Samstag die Telefone heiß. Die Zuschauer beschwerten sich gleich massenweise über die neue Art und Weise der Berichterstattung. In jedem zweiten Satz sei das Wort "Doping" gefallen. Darüber berichtete die ARD sogar in einer eigenen Pressemitteilung. "Wir haben der Doping-Diskussion im Vorlauf viel Platz eingeräumt.

Mit diesem Thema treffen wir aber nicht den Geschmack vieler Leute", so ARD/ZDF-Teamchef Peter Kaadtmann am Montag. Der Mann hat Recht: Sowohl der Prolog am Samstag (ARD/9,4 Prozent) als auch die erste Etappe am Sonntag (ZDF/6,0 Prozent) blieben bei den Marktanteilen unter der 10-Prozent-Marke - ein dramatischer Minusrekord für die öffentlich-rechtlichen Anstalten, mit dem so nicht zu rechnen war.

Zwar verbesserten sich die Quoten im Laufe der Woche minimal (die dritte Etappe am Dienstag beim ZDF erreichte eine Quote knapp über der 10-Prozent-Marke), aber mit einer echten Trendwende rechnet man offenbar auch selbst nicht mehr. "Wir stecken in einem echten Dilemma", sagte ARD-Tour-Teamchef Roman Bonnaire auf Anfrage von stern.de am Mittwoch. "Die Menschen, die vom Radsport enttäuscht sind, schauen eh nicht mehr zu. Und diejenigen, die Sport-interessiert sind, sind genervt."

Eurosport lacht sich ins Fäustchen

Gleichwohl wollen die öffentlich-rechtlichen Sender an der Grundsatzentscheidung festhalten, bei ihrer Berichterstattung der Doping-Problematik auch weiterhin einen großen Raum zu gewähren: "Wir werden das Thema während der gesamten Tour durchziehen, auch wenn wir nicht das Publikum haben, das wir uns wünschen", sagte Bonnaire weiter im Gespräch mit stern.de. Dass den Zuschauern durch die distanzierte und aufklärende Aufbereitung der Tour de France die Lust am Zuschauen vergeht - geschenkt. Lieber spricht man von "neuen journalistischen Herausforderungen, die wir mit viel Elan angehen". "Wir fühlen uns damit auf der richtigen Seite", so das unerschrockene Statement von ARD/ZDF-Teamchef Peter Kaadtmann.

Beim konkurrierenden Spartensender Eurosport lacht man sich dieser Tage still und heimlich ins Fäustchen. Dort hat sich in der Berichterstattung über die Tour de France im Gegensatz zu ARD und ZDF nichts Grundlegendes geändert. Drei Reporter (zugegeben, kein Experte mehr) machen das, was der gemeine Sportfreund auch erwartet, wenn er sein TV-Gerät wegen des größten Radsportspektakels der Welt anschaltet: Sie kommentieren mit dem nötigen Insiderwissen - aus dem sie auch gar kein Hehl machen - die Etappen. "Wir liegen im Moment zwischen 50 und 60 Prozent über dem Vorjahr", sagte am Mittwoch der Unternehmenssprecher von Eurosport, Werner Starz, zu stern.de. Starz meint damit die bis jetzt so sensationell ausfallende Tour-Einschaltquote seines Senders.

ARD bedauert Jaksche-Auftritt

Am Mittwoch nach Etappen-Ende wagt Eurosport allerdings den Sprung ins kalte Wasser. Dann soll der geständige Doping-Sünder Jörg Jaksche Studiogast sein. Und das ging am Montag bereits in der ARD gründlich schief. Dort hatte Jaksche live in der Sendung über die Tour gefachsimpelt. Das stieß vielen Zuschauern übel auf. Auch einige Fahrer meldeten sich danach zu Wort und empörten sich über den Auftritt des geständigen Ex-Telekom-Profis. Die ohnehin schon Quoten-gebeutelte ARD bedauerte am nächsten Tag prompt. Tour-Chef Bonnaire: "Das mit Jaksche war so nicht geplant. Es wurde auch intern schon kritisiert, aber durch einen Sturz im Rennen zog sich die Sendezeit in die Länge und dann kam man ins Gespräch." Wenn es einmal doof läuft...


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