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Wimbledon: Serena siegt - Venus lächelt zum Abschied

Spielte sie zum letzten Mal auf dem heiligen Rasen. «Ich muss mich jetzt um mich kümmern», sagte Venus Williams zum Abschied, «und den großen Schmerz besiegen.»

Für einen kleinen Moment war der große Schmerz wie weggeblasen. Da blickte Venus Williams ihrer kleinen Schwester Serena in die Augen, drückte dem verdutzten Alan Mills ihre Mini-Kamera in die Hand und forderte den Oberschiedsrichter auf: «Komm, mach ein Foto von uns.» Nur ein Bild fürs Familienalbum nach einem unglücklich verlorenen Wimbledon-Finale? Oder war es doch das Erinnerungsfoto einer 23-Jährigen, die trotz quälender Schmerzen noch einmal nach den Sternen greifen wollte, nach vier Grand-Slam-Titeln und rund 13 Millionen verdienter Dollar allein an Preisgeld nun aber ihre Bestimmung woanders sieht als auf dem «Heiligen Rasen»?

Die Eintracht der beiden besten Tennisspielerinnen der Welt nach Serenas bitter-süßem Dreisatzsieg zum zweiten Triumph an der Church Road ließ eine Antwort nicht zu. Auch Richard Williams, der Vater und diktatorische Planer der Weltkarrieren, blieb an diesem 5. Juli im Londoner Stadtteil SW19 stumm. Zwei Wochen lang war der imposante Selfmade-Tennisexperte auf der Anlage an der Church Road omnipräsent gewesen. Berichtete davon, dass er schon vor der Geburt der beiden Nachzüglerinnen wusste, dass sie dereinst die Nummer eins und zwei sein würden. Doch als sie im sechsten finalen «Sister Act» bei einem Grand-Slam-Turnier nach dem Titel griffen, war er nicht aufzufinden.

«Ich weiß nicht, wo er ist», sagte Serena Williams und blickte genauso traurig in die Runde wie nach ihrer Halbfinal-Pleite bei den French Open vor gut vier Wochen. Dass sie soeben ihren sechsten Grand-Slam-Titel geholt hatte und damit die Schweizerin Martina Hingis in der Rekordliste überholt hatte, spiegelte ihre Mine nicht wider. «Warum auch», mochte sie sich gedacht haben. Im ungleichen Kampf gegen die verletzte Schwester habe sie sich zum Weitermachen zwingen müssen und sich immer wieder eingeredet: «Das hier ist Wimbledon. Denk dran, vielleicht kriegst Du diese Chance nie wieder.»

«Dies war mein letztes Wimbledon»

Richard Williams sinnierte unterdessen über die Vergangenheit, in der er seine Töchter «zum Hamburger essen und in den Vergnügungspark gehen animiert habe, aber niemals zum trainieren», wie er der «Sunday Times» anvertraute. Und er tat, wie ihm seine Jüngste «befohlen» hatte. Serena will nicht, dass der von Mutter Oracene Price Geschiedene dabei ist, wenn sie siegt.

«Dies war mein letztes Wimbledon», sagte er und unterstrich damit zwischen den Zeilen seine erst eine Woche alte Aussage, dass er Venus rate, nach Wimbledon aufzuhören und in die Tennis-Rente zu gehen. So wie es der 23-Jährigen die drei Monate jüngere Martina Hingis gerade vorgemacht hat. Aber wer weiß, vielleicht ändert die studierte Chefin einer Inneneinrichtungs-Firma nach dem verpassten dritten Wimbledon- Triumph doch noch einmal ihre Pläne. «Ich muss mich jetzt um mich kümmern», sagte Venus Williams zum Abschied, «und den großen Schmerz besiegen.»

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