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WM 2006: Doch keine Prostituierten-Flut

Experten rechnen zur WM mit einer massiven Zunahme von Zwangsprostituierten. Die Rede ist von 40.000 unfreiwilligen Dienstleisterinnen. In der Rotlicht-Szene wird diese Zahl allerdings heftig dementiert.

Das Artemis an der Berliner Stadtautobahn gehört nicht zu den Sorgenkindern der Polizei unter den Bordellen: Die knapp 40 Prostituierten in der umgebauten Lagerhalle neben dem Messezentrum der Hauptstadt arbeiten auf eigene Rechnung, sind legal in Deutschland und haben sich per Unterschrift verpflichtet, Steuern zu zahlen.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft wollen die Betreiber des Clubs ihren Umsatz verdoppeln. Etwa 80 Frauen sollen dann um die 300 Kunden am Tag bedienen. In den beiden Pornokinos werden statt viel nackter Haut die WM-Spiele zu sehen sein. Aufreger-Meldungen über bis zu 40.000 Zwangsprostituierte, die angeblich zur WM nach Deutschland kommen sollen, sind im Artemis kein Thema. "Zwangsprostitution hat hier überhaupt keine Chance, das würden wir auch nicht dulden", sagt der PR-Manager des Clubs.

Eintrittspreise von 70 Euro

Mit Wellness-Oase, Restaurant und behindertengerechter Einrichtung gehört der im September eröffnete Club zu einem neuen Typ von Bordell, dessen Entstehung durch die Legalisierung der Prostitution 2002 möglich wurde: Die Betreiber machen ihren Umsatz mit Eintrittspreisen von 70 Euro und dem Verkauf von Champagner, während die Prostituierten ebenfalls einen Eintritt bezahlen und ihre Dienste auf eigene Rechnung anbieten.

Auch die Berliner Polizei bestätigt, dass der Club nicht zu ihren Problemfällen zählt. Zur WM rechnen die Experten mit einer Zunahme von Prostitution und Zwangsprostitution, die Zahl von 40.000 Zwangsprostituierten halten sie jedoch trotz der schwer einschätzbaren Dunkelziffer für wilde Spekulation. "Diese Zahl ist rein spekulativ, tatsächlich dürfte sie viel niedriger liegen", sagt Polizeisprecherin Kerstin Menzel. Bei anderen sportlichen Großereignissen wie den Olympischen Spielen in Athen seien dort jedenfalls keine signifikanten Veränderungen im Milieu festzustellen gewesen.

Amnesty warnt vor Zwangsprostitution

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärt dagegen, bei Großveranstaltungen steige die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen erfahrungsgemäß deutlich an. "In ihrem Schatten nimmt leider auch die Zwangsprostitution zu", sagt die Amnesty-Sprecherin für Menschenrechtsverletzungen an Frauen, Gunda Opfer. Das Ausmaß dieser Zunahme lasse sich jedoch nur vage abschätzen, weil sich Zwangsprostitution eben weitgehend im Verborgenen abspiele.

Die Berliner Ermittler bauen aber auf jeden Fall vor. Das Dezernat zur Bekämpfung des Menschenhandels beim Landeskriminalamt hat zur WM ein eigenes Konzept entwickelt, das unter anderem verstärkte Kontrollen im Rotlichtmilieu und eine enge Zusammenarbeit mit Prostituiertenorganisationen vorsieht. Immerhin gilt für Zwangsprostitution laut Polizeisprecherin Menzel: Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Fälle würden bekannt. Umgekehrt würden sich jedoch kaum Opfer an die Behörden wenden. 2004 habe es in Berlin 35 Verfahren wegen Menschenhandels gegeben, nur in 13 Fällen hätten jedoch die Opfer selbst ausgesagt.

Tipps für Freier

Die Polizei setzt auch auf die Aufmerksamkeit der männlichen Kunden. "Freier sollten aufmerksam werden, wenn die Frauen in verschlossenen Räumen arbeiten, das Geld nicht selbst kassieren, verängstigt wirken oder nicht auf Kondome bestehen", sagt Menzel. Auch die Prostituierten-Beratungsstelle Ban Ying hat im Internet Tipps veröffentlicht, wie Freier Zwangsprostitution erkennen können - etwa, wenn der Frau ihr Pass weggenommen wurde oder sie extrem hohe Schulden bei dem Bordellbetreiber hat.

Auch die Prostituiertenorganisationen selbst halten die Meldungen über Zwangsprostitution zur WM für unseriös und weit überzogen. "Ich glaube das nicht", sagt Katharina Cetin von der Prostituierten-Organisation Hydra. Zwangsprostitution sei immer ein Problem, die Lage werde sich aber durch die WM nicht wesentlich verändern. Die Kampagne "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution", die zahlreiche Menschenrechts- und Frauenorganisationen zur WM gestartet haben und an der sich auch Amnesty beteiligt, nennt Cetin löblich, weil sie die Bevölkerung für das Thema sensibilisiere. Sie bezweifelt jedoch, dass etwa mit der geplanten Hotline die Zwangsprostituierten tatsächlich erreicht werden. "Welche Frau, die in einem Keller eingesperrt ist, erhält denn so einen Flyer, auf dem die Nummer abgedruckt ist?", fragt Cetin.

Forderungen aus der Union nach harten Strafen für Freier, die zu Zwangsprostituierten gehen, hält die Hydra-Sprecherin für unsinnig. Diese Männer könnten schon heute wegen unterlassener Hilfeleistung, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung bestraft werden, betont sie. Die Frage sei, ob die Richter diese Möglichkeiten ausreichend nutzten.

Sabine Siebold/Reuters / Reuters

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